Wenn Ann Cotten reimt, dann fliegt einem der Verstand um die Ohren. Ihre Satzanfänge geben ein wenig Halt, eine erste Orientierung, um dann wieder abrupt die Richtung zu wechseln. Die Dichterin weiß, wie man eine Geschichte erzählt und eine kryptische Idee formuliert. Doch dann stößt sie alles beiseite und raunt dem Leser zu: "So nicht, mein Lieber. Zu früh gefreut."

Genau diese Erfahrung des kurzen Festhaltens und langen Scheiterns am Sinn ist die Quintessenz des neuen Versepos Verbannt!, verfasst von einer Autorin, die 1982 in den USA geboren wurde, in Wien aufgewachsen ist und sich irgendwann dazu entschieden hat, in Berlin zu leben. Der Text ist in neunzeiligen Spenserstrophen verfasst, die bei George Byron oder Percy Shelley besonders beliebt waren, höchste Konzentration beim Leser und größtes Taktgefühl für sprachliches Tempo beim Autor erfordern. Der Spagat zwischen klassischem, ja fast schon altbackenem Versschema (ababbcbcc) und radikaler, vor nichts haltmachender Konfrontation mit der modernen Welt ist das ständige Vexierspiel, das dieser Text auf kongeniale Weise umzusetzen weiß.

Der Inhalt wäre schnell erzählt und dürfte ohnehin nicht so wichtig sein: Eine Fernsehmoderatorin wird aufgrund einer betriebsinternen Liebesaffäre auf eine einsame Insel verbannt. Es ist ein riskanter Ausflug, bei dem die Heldin drei Dinge mitnehmen darf – ein Messer, einen Schleifstein und Meyers Konversationslexikon von 1910, einundzwanzig Bände. Als Resonanzkörper dient Ovid, der große Verbannte der Literatur, der Verwandlung und Mythologie ebenso ernst nahm wie Ann Cotten, die ihre Themen durch einen Fleischwolf der Ideen, Anspielungen und Paraphrasen presst, bis es blitzt und donnert. "Schraubenreligion" heißt das dann.

Versucht man nun, sich an die Sätze zu klammern und ihnen zu folgen, merkt man schnell, dass das Lesen dieses Versepos einem teuflischen Pakt gleicht: Die Geschehnisse auf der Insel sind nur Staffage, eher Beiprodukt für einen Freestyle, der in Wirklichkeit ein skurriler Assoziationsreigen ist, eine Karussellfahrt der Ideen. Der Leser hetzt hinterher und darf einen Gedankenteppich beim Ausrollen beobachten, der sein Muster chamäleonhaft verändert. Das muss man erst mal aushalten können.

Aber genau das ist Literatur: mutig und wild und der Konvention schrill abgewandt. Just dann entstehen Sätze wie diese: "Schlimm ist es, wie die Zeit abläuft, sagte ich schon. / Wie unerbitterlich ein Problem ins nächste / sich gießt und nie zurück ins Kästchen hinterm Megafon / fließt ein gesagtes Wort, und sei es auch das allerschwächste / der Argumente, vom Schaumgipfel Scham das Höchste. / Man findet lieber einen komplett irren Reim, / lässt zu, dass was passiert – passieren muss –, auch wirklich kein / Schwein mehr verstehen kann, weil es nichts zu verstehen gibt, / sodass der Realismus, niemals irrig, in den Irrsinn kippt."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Der Widerspruch ist Programm, die Realität ein Missverständnis und überhaupt die Fundgrube für Witz, Pointe, schräge Metapher, die im Brüchigen unbekannte Perspektiven erschließen. "Ich scratche Wirklichkeit, wie mit den Händen Drucker Kupferplatten beätzen", sagt das lyrische Ich und verliert sich sprichwörtlich auf dieser einsamen Insel, die sich später als Hegelland entpuppt, wo die notwendige Folge eines Reims den Weg des (weiblichen) Weltgeists bestimmt. Hierbei ist der intelligente Schluss genauso wichtig wie die banale Pointe – allesamt gleichberechtigte Partikel der Welt: "Was ihre Teile vor der Katastrophe / als Träume wählen, auch wenn es mir nicht gefällt, / ist Teil der Wirklichkeit. Ein Philosoph, eh / ein Freund von mir, erinnert: Welt ist auch das Doofe."

Von Seite zu Seite steigert sich die Komplexität. Die Insel wird bevölkert von mythologischen Gestalten, die den Sinn noch weiter ins Absurde treiben: ein Wonnekind taucht auf, ein Hermes, eine Syrinx und andere skurrile Figuren, die das Inselleben aufmischen und über Gott und die Welt philosophieren. Ihre (Geschlechts-)Identitäten sind opak, mit dem lyrischen Ich oft austauschbar und ohnehin mehr Stichwortgeber für eine Poetologie, die in der Übertreibung zerrspiegelhaft darstellt, dass unsere Welt nicht minder irrsinnig ist als das Cottensche Fleckchen Land.

Dabei werden die komplexen Strophen immer wieder unterbrochen von skurrilen Comicstrips der Autorin, die dem Versepos eine zweite Sinnebene verleihen. Man sitzt da und versucht sie zu entschlüsseln wie Schatzkarten, die nur so tun, als wären sie Anweisungen für ein letztes Verständnis. Wenn die Irrfahrt vorbei ist, bei der man gelernt hat, wie Bierbrauen funktioniert, wie aus "Zy-Pressen" Zeitungen entstehen und warum sich das Internet selbst bei größter Einsamkeit im Kopf nicht ausschalten lässt, fühlt man sich betäubt, wund, verstört und irgendwie, ja, auch glücklich.

Ann Cotten: Verbannt!
Versepos; mit Illustrationen der Autorin; Suhrkamp Verlag. Berlin 2016; 168 Seiten, 16,- €