An der Promenade des saudischen Badeortes Durra werden in den Schaufenstern Bikinis angeboten. Frauen und Mädchen sitzen in Cafés und rauchen Wasserpfeife; aus den Lautsprechern dröhnt englische Popmusik. Plötzlich kommt ein Mädchen angelaufen, ruft etwas; die jungen Frauen legen blitzartig Kopftücher an, die Männer verschwinden hinter einer Trennwand im Männerbereich. "Religionspolizei", zischt Omar seinem Freund Basil zu, und: "Vergiss nicht, wo du bist." Und Basil ist einen Augenblick lang nicht sicher, ob sie ernst gemeint ist, diese Warnung und die Furcht vor zwei jungen bärtigen Männern, die den Frauen Flüche hinterherrufen, weil sie ihre Kinder in der Öffentlichkeit Fahrrad fahren lassen.

Basil ist Laylas älterer Bruder. Er ist aus Hamburg nach Jeddah, einer Hafenstadt knapp 100 Kilometer westlich von Mekka, gereist, weil Layla beschlossen hat, dort, in der Stadt, in der die beiden ihre frühe Kindheit verbracht haben, zu heiraten. Das ist die Ausgangssituation in Rasha Khayats Debütroman, hinter der sich ein enges Geflecht von Identitätsverwirrung, kultureller Zerrissenheit und Heimatsuche auftut. Während seines Aufenthaltes in Saudi-Arabien rekonstruiert Basil in Erinnerungsschleifen und in Gesprächen mit seiner Schwester die Familiengeschichte.

Laylas und Basils Vater Tarek kommt Ende der sechziger Jahre nach Deutschland, um Medizin zu studieren, mit der Auflage, nach seinem Staatsexamen nach Saudi-Arabien zurückzukehren. Er lernt Barbara kennen, Tochter aus kleinbürgerlichen Ruhrgebiets-Verhältnissen; blond, kurzhaarig, aufmüpfig. Die beiden werden ein Paar, heiraten; die Kinder werden in Deutschland geboren, wachsen in Saudi-Arabien auf und werden dann zurück nach Deutschland gebracht, wo Tarek seinen Facharzt machen soll, dann aber völlig überraschend an einem Herzinfarkt stirbt.

Weil wir längst woanders sind erzählt vom Schwanken zwischen zwei Welten, deren Klischees die studierte Literaturwissenschaftlerin Rasha Khayat sich bewusst ist. Sie erzählt nicht die Geschichte vom Kampf der Kulturen. Eine Nicht ohne meine Tochter-Atmosphäre kommt nicht auf. Khayat, deren Biografie der ihrer Protagonistin ähnlich ist, stellt stattdessen geschickt die Ambivalenzen eines solchen Lebens aus: hier die vermeintliche Freiheit des Westens, erkauft um den Preis, eine ewige Exotin zu sein, die ihrer Umwelt permanent ihre Dankbarkeit versichern muss, dazugehören zu dürfen. Dazu das Misstrauen seit dem 11. September; der lauernde, aber unausgesprochene Verdacht. Und dort das Leben mit religiösen Restriktionen, die aber doch, wie Layla es ausdrückt, "Platz für Wärme" generieren – auch an der Seite ihres Ehemanns, der Ingenieur und säkular ist. Ökonomische Interessen spielen keine Rolle. Das Milieu ist durchweg gut situiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Rasha Khayat hat sechs Jahre lang ihr Blog West-östliche Diva geführt, in dem sie politisch Stellung bezog zu aktuellen Themen. Und auch ihr Roman hat, gerade in manchen Dialogen, hin und wieder etwas Leitartikelhaftes. Das allerdings wird wettgemacht durch die Subtilität der Beobachtungen und das Gespür für Details: Die Beschreibung beispielsweise einer Pilgerfahrt in ein vom Kapitalismus durch und durch kontaminiertes Mekka (der von Rolex gesponserte Uhrturm, eines der höchsten Gebäude der Welt, als Mittelpunkt eines gigantischen Hotel- und Shoppingcenters), in dem die Gläubigen zwischen McDonald’s und Starbucks die Moscheen suchen, hat in einem aufklärerischen Sinn etwas Befreiendes. Khayat verfügt über einen ideologisch unverstellten Blick. Ihr gradlinig erzählter Roman unternimmt den Versuch, Vorurteilen die Schwere zu nehmen und gleichzeitig die uneingeschränkte Selbstbejahung des Westens zu relativieren. Das kann derzeit nicht schaden.

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind.
Roman; DuMont Verlag, Köln 2016; 190 S., 19,99 €