An einem Abend, nach einem Seminar über Kunst, treffe ich mich in einer Gaststätte mit einigen anderen Teilnehmern. Sie erzählen von ihrer Zeit auf dem Gymnasium, einige von ihrem ersten Studiengang, irgendwann trifft es mich, die bisher geschwiegen hat. Mich, über die sie sich bisher schon gewundert haben, da ich doch in einer Zimmermannshose herumlaufe.

"Und, hast du auch schon etwas studiert?"

"Nein, ich habe gar kein Abitur."

"Echt nicht? Krass! Bist du früher vom Gymnasium runter und hast Fachabitur?"

"Nein, ich war gar nicht auf dem Gymnasium."

Fragende Blicke. "Warst du im Internat?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

"Nein, ich war auf der Hauptschule."

Da stockt das Gespräch. Wie soll man sich bloß mit einer ehemaligen Hauptschülerin unterhalten?

"Was liest du denn so?"

"Konkret und die Kirchenzeitung." Zweifelnde Blicke, aber kein Kommentar.

"Verstehst du denn alles, was im Seminar besprochen wird?", möchte eine aus der Runde wissen.

"Nö."

"Ja, das glaube ich, ihr habt ja wahrscheinlich in der Schule nur gelernt, wie man Anträge fürs Amt ausfüllt", kommt ein Statement vom Ende des Tisches.

Ich frage mich, warum ich nicht den Tisch umschmeiße und gehe.

Stattdessen: "Nein, ich verstehe nicht alles, was in dem Seminar erzählt wird, aber dafür wisst ihr nicht, was Wirtschaftsliberalismus ist." Das hatten sie mich am Nachmittag gefragt.

Ein paar Tage später erfahre ich, dass sich einige aus der Runde beim Leiter des Seminars erkundigt haben, warum ich so komisch sei. Sie waren nicht nur darüber verwundert, dass ich in seltsamer Kleidung und oft alleine herumlief, sondern auch darüber, dass ich frühmorgens, als mich der Seminarleiter etwas fragte, antwortete, dass ich, wenn ich um diese Uhrzeit Fragen beantworten wollte, Bauarbeiterin und nicht Schriftstellerin geworden wäre. Insgesamt war ich schon ein komischer Mensch. Warum nur? Das liege daran, so der Leiter, dass ich im Heim aufgewachsen sei. Warum mich keiner selbst darauf angesprochen hat? Man hört ja so einiges. Wer weiß, wie die ehemalige Hauptschülerin reagiert hätte?

In der bürgerlichen Gesellschaft wird viel über Chancengleichheit geredet, aber wenn dann tatsächlich der Aufsteiger neben einem im Seminar sitzt, einer, der nicht bildungsbürgerlich aufgewachsen ist, der sich vielleicht anders verhält, weil er diese ganzen Codes nicht kennt, lässt man ihn spüren, dass er nicht dazugehört. Da reicht es manchmal schon, wenn man ihn einfach nicht in Regeln einweiht, und schon ist der Aufsteiger aufgeschmissen. Wenn ich mit Museumsbesuchen, Lesungen, Konzerten groß geworden bin, dann habe ich andere Voraussetzungen als ein Jugendlicher, der ständig mit Geldsorgen in seiner Familie konfrontiert ist. All das, was man als junger Mensch nicht hatte, holt man nicht mal eben als Erwachsener nach. Selbst wenn man den Aufstieg geschafft hat, weil man einen guten Job hat oder ein sicheres Auskommen, fühlt man sich fremd. Fragen hat man, die man nicht stellt. Warum schauen alle auf dieses Bild, das einem gar nichts sagen will, warum lauschen alle diesen Zeilen, die keinen Sinn ergeben?

In Deutschland bleiben die Schichten unter sich. Selbst wenn es jemanden im meinem Umfeld gibt, der mir diese völlig fremde Welt zeigt, stellt sich die Frage: Hat das alles etwas mit meinem Leben zu tun? Vieles von dem, was ich weiß und kann, hat mit Bildung zu tun, und diese hängt immer noch mit der sozialen Herkunft zusammen. Das hat Pierre Bourdieu schon vor mehr als dreißig Jahren festgestellt. Dass sich daran nichts geändert hat, muss man als Niederlage sehen.