DIE ZEIT: Sie haben als Philosophieprofessor vor Jahren in Québec einer Kommission angehört, die im Auftrag der Regierung herausfinden sollte, wie man angstlos, friedlich und sinnvoll mit den Zuwanderern zusammenleben könne. Kann Europa davon heute etwas lernen?

Charles Taylor: Die Provinz Québec war ja faktisch seit den siebziger Jahren ein Einwanderungsland und wollte es nur nicht wahrhaben. Die Skepsis und die Fremdenfeindlichkeit wuchsen, die Medien malten Schreckensszenarios, und die Regierung wollte im Jahr 2007, dass die Zustände gründlich untersucht würden. Wir sind in die Dörfer und in die Vorstädte aufgebrochen, um uns ein Bild davon zu machen, was die Menschen befürchteten. Damit geht jede demokratische Erneuerung los: den Bürgern zuzuhören, ihre Lebenswirklichkeit zu untersuchen und so den Willensbildungsprozess zu beleben.

ZEIT: Und was kam heraus?

Taylor: Wir stellten fest, dass die Fremdenfeindlichkeit gar nicht in den abgeschiedenen ländlichen Regionen am stärksten war, sondern in den Schlafstädten, den Vororten, in denen die Gemeinschaften nicht intakt sind und das Fernsehen die Verbindung zur sozialen Wirklichkeit ist. Insgesamt gab es aber nach unseren Erkenntnissen wirklich keinen Grund, in Panik zu geraten. Die Medien hatten überreagiert.

ZEIT: Anders als im übrigen Kanada, das sich offen als Zuwanderungsland versteht, gibt es in der Provinz Québec traditionell ein Unbehagen gegenüber Fremden. Woran liegt das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Taylor: Québec definiert sich über die Vergangenheit, über die französische Herkunft und Sprache. Zwei Drittel der Bevölkerung sind französischsprachig. Québec hat eine starke, homogene Mehrheitsgesellschaft. Wer um die Jahrtausendwende vom Land in die vielfältige Stadt Montreal zu Besuch kam, war oft verwirrt: Das kann doch nicht mein Québec sein? Die Leute fremdelten.

ZEIT: Zur Vergangenheit und zur französischen Herkunft gehören auch die Kolonien in Nordafrika. Wie hält Québec es mit Zuwanderung von dort?

Taylor: Die Sprache ist das entscheidende Kriterium. Französische Muttersprachler und sogenannte francotropes, denen das Französische kulturell naheliegt, können am leichtesten nach Québec einwandern. Dazu zählen auch die Maghrebiner aus den früheren Kolonien, also Muslime. Das bedeutet in der Zuwanderungspolitik eine Öffnung für die französische koloniale Vergangenheit, auch das muslimische Kopftuch wandert ein. Québec bewegt sich also langsam: Gerade erst wollte Marine le Pen die Provinz offiziell besuchen, aber alle Politiker waren plötzlich verhindert. Es hat sich unter den politisch Verantwortlichen niemand gefunden, der sie treffen wollte.

ZEIT: Was zeichnet demgegenüber Kanadas Einwanderungspolitik gegenwärtig aus? In Europa gilt Kanada als Vorbild kluger Regulierung. Die große Zahl an zuwandernden Muslimen macht hier vielen Angst.

Taylor: Die Islamophobie entsteht auch aus Europas modernem Verhältnis zur Religion. Europäische Demokratien verstehen sich als weltlich, der Rechtsstaat gewährt Religionsfreiheit. Aber jeder Staat hat die Wahl zwischen zumindest zwei Modellen der Weltlichkeit: Entweder verdrängt man die Religion aus allen öffentlichen Belangen, wie es heute etwa Frankreich tut, weil seine politische Identität als Republik im Kampf gegen die Macht der katholischen Kirche geformt wurde. Oder man entscheidet sich in einem weltlichen Staat, die religiöse Vielfalt zuzulassen und in einem aufgeklärten Sinne zu moderieren. Diesen Weg ist Kanadas Multikulturalismus gegangen. Mit Erfolg, auch im Blick auf die Muslime.

ZEIT: Heißt das etwas anderes als nur ökonomischer Erfolg?

Taylor: Die Bevölkerung ist in ihrer überwältigenden Mehrheit stolz auf dieses Gesellschaftsmodell, weil sie merkt, dass man den Anforderungen der Globalisierung durch die Vielfalt besser standhalten kann. Die ganze Welt lebt im eigenen Land, aber jeder Einzelne als moderner Staatsbürger.