Papageien schreien im Hafen von Cartagena. Das Meer ist nah, aber man kann es noch nicht riechen. Ein Affe springt durchs Unterholz, Flamingos stehen sich in einem Teich die Beine in ihre rosaroten Bäuche, und irgendwo dazwischen winden sich Schlangen, stehen schwitzende Menschen an zur Passkontrolle, am Check-in-Schalter, an der Rampe zum Zoll. Koffer und Rucksäcke parken unter Palmen. Männer mit Klemmbrettern unterm Arm bemühen sich, mehr als 2.000 Passagiere zügig an Bord der Monarch zu lotsen, vergeblich. Die Einschiffung dauert Stunden. #livingthedream #lovetheworld #enjoylife

Früher schickte die Reederei Pullmantur ihre Kreuzfahrtschiffe zu Beginn des Sommers leer über den Atlantik, von der Karibik ins Mittelmeer und im Herbst retour. Die zwölftägige Überfahrt nutzte man für Instandsetzungsarbeiten. Mittlerweile wird die "Relocation Cruise" zwar vermarktet, aber die Tickets sind extrem günstig. Passagiere mit Innenkabine zahlen für die Reise weniger als 300 Dollar. Rund 20 Euro pro Tag. All inclusive. Johannes Völkner hat das vor ein paar Monaten auf eine Idee gebracht – die "Nomad Cruise".

Der 33-Jährige lebt seit sechs Jahren ohne festen Wohnsitz. Er ist "digital nomad", grob gesagt: jemand, der zum Geldverdienen kaum mehr als seinen Laptop und eine stabile Internetverbindung ("digital") braucht und die damit einhergehende Autonomie zum Reisen ("nomad") nutzt. Völkner verkauft über einen Online-Shop Therapiematerial für Psychologen, das geht von überall aus. Schätzungen zufolge sind weltweit mittlerweile rund 5.000 Menschen location independent unterwegs, genaue Zahlen gibt es nicht, vielleicht sind es auch doppelt so viele. Und sie bloggen, posten, twittern darüber. #digitalnomad #workisnolongeraplace #instatravel

Im Internet sieht das alles super aus

Im Internet sieht dieses Leben im Grunde immer super aus: Junge Menschen liegen mit ihren Rechnern in Hängematten, arbeiten ein bisschen, nuckeln an Strohhalmen, die in Kokosnüssen stecken, und stürzen sich zum Feierabend, wenn andere im Stau stehen, in malerische Brandungen.

Wie machen die das? Sind "digital nomads" einfach smarte Checker, die begriffen haben, wie das gute Leben geht? Postmoderne Hippies, die den Globus als Trampolin benutzen? Und wenn ja: Was hat der Globus davon? Kommt man überhaupt jemals an, wenn man ständig unterwegs ist? Und ist das nur eine neue Job-Beschreibung oder ein Lebensgefühl?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Johannes Völkner sagt, er reise vor allem, um kitesurfen zu können, dem Wetter hinterher. Endless summer 2.0. Am meisten Spaß macht das mit Gleichgesinnten. In Tarifa, Spanien, hat er eine Art Nomaden-Hub aufgebaut: Menschen reisen für ein paar Wochen an, leben zusammen, arbeiten zusammen, surfen zusammen und feiern zusammen, bis sich das Karussell weiterdreht. Sie nennen es "workation", eine Mischung aus Arbeit und Urlaub.

Wer immer nur im Büro arbeitet, weiß gar nicht, wie sehr Sonne auf dem Bildschirm nerven kann. © Karin Ceballos Betancur

Und was, wenn man sich dabei auch noch fortbewegen könnte? "Traworkation" quasi? Im Netz stieß Völkner auf die Pullmantur Cruise und postete seine Idee bei Facebook an die Community: Bucht euch Kabinen, und lasst uns zusammen nach Südamerika fahren! Die erste Nomad Cruise verließ Las Palmas im vergangenen Oktober in Richtung Rio de Janeiro.

Heute, ein halbes Jahr später, treten in Cartagena auch ein paar Pioniere die Rückreise nach Europa an. Man erkennt sie an der sehr braunen Haut und den blassblauen Armbändern am Handgelenk; Sonne, Salz und Sand haben die Schrift vom Gummi gefressen. Für die neue Tour gibt es am ersten Abend beim Meet-up in der Bord-Disco T-Shirts mit Logo und blaue Bändchen aus Stoff. Damit wir einander erkennen, eine Art Generalschlüssel, sagt Völkner, zum Networken auf dem Schiff.

Die Gruppe zählt 197 Menschen aus 33 Nationen, "digital nomads" und Leute, die vielleicht selbst gerne Nomaden würden, sich das Ganze aber erst aus der Nähe anschauen wollen. Einstweilen, sagt Völkner, verdiene er noch nicht viel an der Nomad Cruise, Testphase, ziemlich anstrengend, das alles. Sein freundliches Sesamstraßengesicht wirkt ein bisschen abgekämpft. Es trubelt um ihn herum.

Gelächter und Gesprächsfetzen wogen in Wellen durch die Disco. Männer mit Bärten stecken in Sitzgruppen die Köpfe zusammen. Am Tresen fällt eine Tussi einer anderen jauchzend um den Hals. Ein Mann mit Hemd und sehr heller Haut lehnt allein an einer Säule. Eine Blonde erzählt einer anderen Blonden, sie sei in Indien im Aschram gewesen und meditiere nun jeden Tag. Ein Typ trägt seine Procam mit Stativ wie ein Zepter durch die Menge, und jemand will wissen, ob man an Bord Kondome kaufen kann. Während draußen die Lichter von Cartagena vorübergleiten und die Monarch Kurs auf Nachtschwarz nimmt.