Die Fans von Donald Trump gelten als aggressiv, ausländerfeindlich, ungebildet. Ein Besuch in Orlando zeigt: Ganz so einfach ist es nicht.

Fragt man Leo Perrero, worunter Amerika gerade am allermeisten leidet, muss er nicht lange überlegen. Es ist dieses Ding, das wie ein Virus klingt: H-1B. Auch ihn hat es schon befallen. Seitdem gibt es jenes Video von ihm, auf dem er in Washington sitzt, vor den Senatoren, die sich mit dem Thema Einwanderung beschäftigen, und weint.

In unseren Köpfen hat sich ein recht klares Bild vom typischen Trump-Wähler festgesetzt. Er ist männlich, aggressiv, ausländerfeindlich und ungebildet. Er ist so etwas wie das Pendant zum deutschen Fußball-Hooligan, und der weint nicht. Trumps Auftritte nach dem Terroranschlag in Orlando scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Immer wieder bringt er seine Fans mit Attacken auf Muslime zum Rasen. Doch mit dem Bild des Hooligans könnte man falscher nicht liegen. Trifft man sich mit Leo Perrero in Orlando, versteht man, warum.

Perrero ist 42 Jahre alt, Vater von zwei kleinen Kindern, er liebt Hochseeangeln, Computer und Micky Maus. In Disney World, hier in Orlando, war er lange dafür verantwortlich, dass das Computersystem, das alle 3000 Kassen und 100 Server des Kinderparadieses miteinander verbindet, funktioniert. Zum Weinen hat er bislang nicht geneigt. Auch nicht dazu, nach Washington zu fahren, wenn er Probleme hat. Die wenigen, die er hatte, machte er mit Gott aus. Das Virus hat das alles verändert. Im Oktober 2014 hat es ihn erwischt. Da teilte ihm Disney mit, dass er und 250 seiner Kollegen durch kostengünstigere indische Gastarbeiter mit sogenannten H-1B-Arbeitsvisa ersetzt würden. Um ihre Jahresboni zu erhalten, mussten sie die Gastarbeiter jedoch noch drei Monate lang schulen. In Washington fragt Perrero die Senatoren: "Habe ich für einen Bonus mitgeholfen, Amerika zu ruinieren? – Was für ein Amerikaner bin ich geworden?" Dann bricht ihm die Stimme weg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

14 Millionen Amerikaner haben Donald Trump in den Vorwahlen bislang ihre Stimme gegeben, auch Perrero. Und wer sich die Wahlanalysen einmal genau anguckt, der stellt etwas Erstaunliches fest: Es geht diesen Menschen überraschend gut. Im Schnitt verdienen sie 72.000 Dollar im Jahr, das liegt weit über dem Durchschnitt Amerikas. 44 Prozent haben einen College-Abschluss, das ist ebenfalls überdurchschnittlich. Trotz seiner Entlassung muss sich auch Perrero keine wirklichen Sorgen machen. Er ist in das kleine Immobiliengeschäft seiner Frau eingestiegen, es läuft ordentlich. Es geht ihnen immer noch gut, das Problem ist nur: Es fühlt sich nicht mehr so an. Sie essen jetzt seltener in Restaurants, auch zum Hochseeangeln fährt Perrero nicht mehr so oft. Und er fragt sich jetzt jeden Tag: Wie lange bis zum nächsten Erdrutsch? Bis sie keine Käufer mehr für ihre Häuser finden? Welche Sicherheit gibt es noch in einem Land, in dem die Regeln des Aufstiegs – ein College-Abschluss und harte Arbeit – nicht mehr gelten? In seiner letzten Beurteilung hatte die Personalabteilung von Disney geschrieben: "Leo ist wertvoll für das Team. (...) Leo hat der Firma mehr als 10.000 Dollar gespart. (...) Wir freuen uns auf ein weiteres großartiges Jahr, in dem wir Leo in unserem Team haben." Genutzt hat es Perrero nichts. In was für einem Amerika werden seine Kinder aufwachsen müssen, fragt er sich nun.

Die Angst der Demokraten vor dem Phänomen Donald Trump ist groß. Zwar läuft es im Moment nicht so gut für ihn: Im Vergleich zu Hillary Clinton ist seine Wahlkampfkasse fast leer, er feuerte seinen Kampagnenmanager und ist selbst im eigenen Lager umstritten. Vielleicht wird Trump doch noch gestoppt, aber damit wäre das Problem nicht gelöst. Trumps Wähler werden bleiben, und darum muss man verstehen, was Menschen wie Leo Perrero zu ihm getrieben hat.

Perrero steht im Buchladen einer bunten Shoppingmall in Orlando. Seit seiner Entlassung liest er viel, er sucht nach Orientierung. Perrero ist ein ruhiger, überlegter Mensch. Kürzlich hat er sich einen Entsafter gekauft, damit macht er sich jetzt jeden Morgen einen Drink aus Grünkohl. "Seitdem fühle ich mich sehr viel besser", sagt er.

H-1B, den Begriff hatte er bis zu jenem Oktobertag 2014 noch nie gehört. Als er ihn abends googelt, erfährt er, dass dieses Visum eigentlich dafür da ist, Lücken im amerikanischen Arbeitsmarkt zu schließen. Es geht vor allem um hoch spezialisierte Experten. Für Perreros Job reicht ein College-Abschluss in Informatik, und von einer zu schließenden Lücke kann in seinem Fall auch nicht die Rede sein. Weil er nicht glauben kann, dass dies das Ende seiner Karriere bei Disney bedeuten wird, fährt er am nächsten Tag einfach wieder zur Arbeit. Genauso wie in den vergangenen zehn Jahren. Vorbei an den großen schwarzen Micky-Maus-Ohren, dem frisch gemähten saftigen Rasen, den Springbrunnen, den glücklichen Familien.

Es folgen die drei schlimmsten Monate seines Lebens. Er wird nicht nur zusehen, wie jemand anderes seinen Job übernimmt, er muss ihm auch noch die nötigen Fähigkeiten dafür beibringen. Am Ende kann er das gebrochene Englisch des Inders nicht mehr hören. Und er glaubt zu begreifen: Nach den Maschinen-Arbeitern entsorgen die Unternehmen nun auch die amerikanischen Computer-Arbeiter. Und das nicht etwa, weil Disney am Weltmarkt unter Druck geraten wäre, sondern im Gegenteil – obwohl der Disney-Konzern seit Jahren Rekordumsätze macht.

Perrero ist das, was man einen Patrioten nennt. Der Vater war Schreiner in Miami, der Sohn hat als Erster der Familie einen College-Abschluss gemacht. Perrero ist stolz auf dieses Land, von dem er bis vor Kurzem glaubte, dass es besser für seine Bürger sorgt als jeder andere Staat auf dieser Erde. Nach dem 11. September hatte er sogar überlegt, sich zum Militär zu melden, um die USA gegen die Terroristen zu verteidigen. Nun sieht er eine zweite Chance, seinem Land zu dienen. Er fühlt sich dafür verantwortlich, einen Angriff auf Amerika zu stoppen. Er will Amerika vor dem Virus retten.

Psychologen sagen, das Selbstwertgefühl eines Menschen ruhe auf mehreren Pfeilern. Das Gefühl, ein Ziel im Leben zu haben, ist einer der wichtigsten, aber auch, sich behaupten zu können sowie persönliche Integrität. Bricht nun einer dieser Pfeiler weg, beginnt das Selbstwertgefühl zwar zu wanken, andere Pfeiler können die Last aber noch übernehmen. Brechen jedoch weitere weg, beginnt sich der Mensch abzuwerten. Einige Menschen schaffen es, alte durch neue Pfeiler zu ersetzen. Anderen hilft Donald Trump dabei.

Nach Perreros Auftritt in Washington lädt Trump ihn auf seine nächste Wahlkampfveranstaltung ein. Perrero soll erzählen, wie das Virus Amerika zerstört. In Alabama scheint die Sonne, als Perrero auf die Bühne des Footballstadions tritt. Unter ihm ein Meer aus 30.000 Menschen, die gekommen sind, um Trump zu hören. Der Wind bläst, Perreros Atem geht schneller. Es fühlt sich an, als habe er einen Gipfel erklommen. "Es war unglaublich", sagt er, wenn er daran zurückdenkt.

Perrero ist ein Mann, der seine Worte vorsichtig wählt. "Ich bin kein Rassist." Auch die Inder hätten es nicht leicht, sagt er. Aber er halte es mit den Absturz-Anweisungen aus dem Flugzeug: "Ziehen Sie die Sauerstoffmaske über Mund und Nase. Helfen Sie erst sich selbst, dann anderen." America first. So ist er bei Trump gelandet. Nach Alabama ist Perrero noch auf zwei weiteren Trump-Veranstaltungen aufgetreten. Die Menschen hörten ihm stumm zu, wenn er über das Virus sprach. Nur wenn er "ausländische Arbeiter" sagte, buhte immer irgendwo einer, und die Menge fiel lautstark mit ein.

Was, wenn man Wut durch Demütung ersetzt?

Trump-Wähler werden oft als wütend beschrieben. Wut ist ein Gefühl, das schwer zu beherrschen ist, und man denkt schnell an Menschen, die sich nicht unter Kontrolle haben. Auf Leo Perrero passt das nicht. Was aber, wenn man Wut durch Demütigung ersetzt?

Fragt man Perrero, dann hat er sich noch nie so gedemütigt gefühlt wie in den letzten drei Monaten bei Disney. War er wirklich so wertlos? Am amerikanischen Kapitalismus hatte er nie gezweifelt, aber seitdem er weiß, wie weit sich das Virus schon in Amerika ausgebreitet hat, ist er ins Grübeln geraten. IBM, Bank of America, Toys ’R’ Us, Abbott Labs, Southern California Edison, New York Life, Lockheed Martin: Sie alle haben amerikanische Angestellte mit der Hilfe von großen indischen Outsourcing-Firmen durch H-1B-Gastarbeiter ausgetauscht. "Warum lässt die Politik das zu?", fragt Perrero. Er hat ja gar nichts dagegen, wenn Amerika sich die besten Leute aus dem Ausland holt. "So ist Amerika groß geworden." Aber er versteht nicht, warum die Politiker nichts dagegen tun, wenn Firmen eine Visa-Regelung ausnutzen, um einheimische Arbeiter auszutricksen. Mit diesen Fragen ist Perrero nicht allein. Als der erste Artikel über ihn in einem Online-Magazin erscheint, posten 1600 Leser Kommentare darunter. Als die New York Times daraufhin über seinen Fall berichtet, sind es 2800 Kommentare.

Perrero winkt seiner Frau und dem kleinen Sohn auf dem Spielplatz in der Shoppingmall zu, und man beginnt sich zu fragen, warum die Demokratische Partei diesen Mann mit seinen großen Fragen nicht für sich gewinnen konnte. Ist es nicht traditionell sie, die für die Mittelklasse eintritt?

Als Hillary Clinton ihre Präsidentschaftskandidatur bekannt gab, tat sie das mit einem Videoclip. Darin sah man zwei Mexikaner, die ein Restaurant eröffnen, eine schwangere Schwarze, die Umzugskisten auspackt, ein schwules Pärchen, eine weiße Frau, die Tomaten anbaut. Es ist das sorgfältig montierte Bild eines zufriedenen Mittelklasse-Amerikas. Das Wort Mittelklasse kommt Clinton in dem Video jedoch nicht über die Lippen. Sie spricht von "everyday Americans". Mit dem Begriff Mittelklasse, hatten ihre Berater gesagt, verbinde man in Amerika kein stabiles Leben mehr. Für wen aber macht eine Demokratin Politik, die auf diesen dramatischen Befund mit Wortkosmetik reagiert, statt ihn ins Zentrum ihres Wahlkampfs zu rücken?

Für wen machte sie als Senatorin Politik, als sie eines der größten indischen Outsourcing-Unternehmen im Norden von New York ansiedelte? Für wen machte sie Politik, als sie sich für eine Erhöhung der jährlichen Zahl von Gastarbeiter-Visa aussprach? Warum sieht sie H-1B nicht wie Perrero als Virus? Womöglich, weil Clinton und ihre Berater mehr Zeit bei den Mächtigen im Silicon Valley oder auf Martha’s Vineyard verbringen, dem Urlaubsort der Reichen, als in Disney World.

Was für Perrero ein Virus ist, erscheint Clinton als Heilmittel für die einheimische Wirtschaft. Sie sieht, dass durch das Auslagern der Arbeit die Preise sinken. Sie sieht, dass der steigende Lebensstandard in den Ländern, in denen die Arbeit nun verrichtet wird, die Nachfrage nach amerikanischen Produkten steigen lässt. Sie sieht, dass Amerikaner jetzt kompliziertere Arbeiten erlernen oder neue Produkte erfinden. Es ist das Versprechen der Globalisierung. Aber die durchschlagenden amerikanischen Firmengründungen wie Twitter, Facebook oder Uber bringen vergleichsweise wenige Jobs – und die gehen nun zunehmend ebenfalls an H-1B-Gastarbeiter. Silicon Valley kämpft seit Jahren dafür, die Zahl der Visa anzuheben. Und wer profitiert von der Nachfrage nach amerikanischen Produkten, die im Ausland produziert werden? Vor allem die Manager und Aktienbesitzer der Unternehmen. In dem Jahr, als Leo Perrero und seine Kollegen entlassen wurden, stieg der Verdienst von Disney-Chef Robert Iger um 35 Prozent – auf 46,5 Millionen Dollar.

Die Demokraten sind eine Partei der liberalen Elite geworden. Und die ist nun überrascht, dass die Mittelklasse sich Trump zuwendet.

Wenn Leo Perrero das nächste Mal Donald Trump trifft, weiß er schon, was er ihn fragen will. Er will mit ihm über Immobilien sprechen und ihn nach dem Geheimnis seines Erfolgs fragen. In der Zwischenzeit liest er seine Bücher.

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