Gäbe es einen Nobelpreis für Bakterien, der Streptococcus pyogenes wäre ein Kandidat mit echten Aussichten. Betrachtet man ihn durch ein Mikroskop, wirkt er eher hässlich. Beim Menschen verursacht das Bakterium eine eitrige Mandelentzündung oder sogar Scharlach. Doch Streptococcus pyogenes verfügt über ein einzigartiges Werkzeug zur Selbstverteidigung. Bis vor Kurzem hat das so gut wie niemanden interessiert. Es ist schließlich nur eine Mikrobe. Jetzt kennt man das Instrument besser, und plötzlich interessieren sich sehr viele Menschen auf der ganzen Welt für das winzige Geschöpf.

Sein Werkzeug ist eine Art intelligentes biologisches Skalpell für Präzisionsoperationen am Erbgut. Damit setzt sich das Bakterium gegen die Angriffe von Viren zur Wehr. Mediziner hoffen nun, mithilfe dieser Methode bald HIV-Infektionen heilen zu können, Leukämie und Erbkrankheiten. Genetiker schaffen damit bereits Pflanzen, die bislang niemand kannte. Die Technik weckt große Hoffnungen: Fehler im Genom aller denkbaren Lebewesen können womöglich künftig wegkorrigiert, ausgelöscht werden – wie vertippte Buchstaben in einem Textdokument.

Die Frau, die den Anlass für solche Hoffnungen gab, sitzt in ihrem Büro in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs und wundert sich. "Es ist alles so surreal", sagt Emmanuelle Charpentier. Sie hat dem Scharlachbakterium sein Geheimnis entrissen. Dafür hat sie allein in diesem Jahr acht Forschungpreise bekommen. Im Herbst wird ihr der nächste verliehen, diesmal die höchste Auszeichnung Kanadas für Medizinforscher. Es ist der achtzehnte Preis seit 2015. Kein anderer Wissenschaftler hat wohl in so kurzer Zeit so viele Ehrungen abgeräumt, erst recht keine Wissenschaftlerin. In China wollten die Menschen Selfies mit ihr machen, in ihrer Heimatstadt Paris blickte ihr Gesicht von riesigen Plakaten am Flughafen. Das Magazin Time hat sie auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gesetzt, Rubrik: Pionierin. Vor ein paar Jahren hatte sie noch nicht einmal einen festen Job – jetzt ist sie die Chefin des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie.

Wer eine Mail an die offizielle Adresse von Frau Charpentier schickt, der bekommt eine automatische Antwort zurück. Wegen zahlloser E-Mails könne sie leider nicht antworten. Auch der Nouvel Observateur hat versucht, sie zu erreichen, sie hatte keine Zeit. Irgendwann teilte sie den Journalisten aus der französischen Heimat mit, nun könnten sie ihre Fragen ja mailen – aber bitte auf Englisch. Der ZEIT hat Charpentier eine halbe Stunde Lebenszeit eingeräumt.

Angenehm enttäuscht wird, wer in ihrem Riesenbüro ein Riesen-Ego erwartet. Emmanuelle Charpentier ist klein, ihr Händedruck weich. Sie trägt Sakko, Jeans und Seidenschal. 47 Jahre ist sie alt, sieht aber deutlich jünger aus. Der schwarze Wuschelkopf umrahmt ein schmales, jugendliches Gesicht. Als noch niemand sie kannte, hielten die Forscher-Alphatiere sie auf Konferenzen für eine Doktorandin: "Who’s that girl?", fragten sie hinter ihrem Rücken, wer ist dieses Mädchen? Heute sitzen die Alphatiere von damals im Publikum, wenn Charpentier wieder einen Preis entgegennimmt. Sie spricht konzentriert, aber unverstellt. Wie eine, die nicht schon alle Fragen hundertmal beantwortet hat. Sie sagt: "Ich bin nicht so der Cliquentyp."

Auf ihrem Schreibtisch steht eine Tageslichtlampe, ein Mitbringsel von ihrer letzten Forschungsstation in Schweden. An der Tafel im Büro ist ihre Entdeckung skizziert wie ein Graffito: eine Strickleiter, umhüllt von einem Kreis. Die Strickleiter stellt die DNA dar, der Kreis das Werkzeug, das Charpentier dem Scharlachbakterium abgerungen hat. Mit diesem Werkzeug lassen sich die Bausteine im Erbgut versetzen, ganz einfach und präzise – bis vor Kurzem unvorstellbar. Charpentier nennt ihre Entdeckung einfach "the story".

Man kann diese Story auf vielerlei Weise erzählen: als Hoffnungsgeschichte für Millionen von Patienten, als Triumph der globalen Grundlagenforschung, als Lehrstück über das Funktionieren der modernen Wissenschaft. Oder als Märchen vom sturen Mädchen, dessen Neugier und Hartnäckigkeit dazu führten, dass es ein "wissenschaftlicher Superstar" (New York Times) wurde.

Die Entdeckung

Ihr Aufstieg begann mit einem Fachartikel. Sein Titel: A Programmable Dual-RNA-Guided DNA Endonuclease in Adaptive Bacterial Immunity. Charpentier hatte ihn zusammen mit der amerikanischen Forscherin Jennifer Doudna im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht. Das war im August 2012. Der Aufsatz veränderte nicht nur das Leben der beiden Frauen, sondern die Arbeit Tausender Genetiker, Biologen und Mediziner rund um die Welt. Auf fünf Seiten beschreiben die Biologinnen das Abwehrsystem des Scharlachbakteriums Streptococcus pyogenes: Es nutzt ein molekülkleines Instrument, das aus einem Sucher und einer Art Schere besteht. Die englische Abkürzung für dieses Abwehrsystem lautet Crispr/Cas9, meist kurz: Crispr.