Eine Google-Suche nach den englischen Begriffen für "Europäische Union" und "Krise" bringt derzeit 115 Millionen Treffer. Dieselbe Suche ergab vor der Euro-Krise 2009 "nur" 58 Millionen Treffer. Geht es der EU heute wirklich so viel schlechter?

Offenbar ja, zumindest wenn man den Schlagzeilen der Tagespresse glaubt: Brexit, Russland/Ukraine, Flüchtlinge, Terrorismus, Instabilität der Euro-Zone. Von den Ereignissen überwältigt, erklärte Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls unlängst, Europa könne "innerhalb von Monaten" zerbrechen.

Es ist nicht der erste Abgesang auf Europa, den Politiker und Medien anstimmen. Schon vor der Finanzkrise, die 2008 begann, hatten die meisten Analysten die Wirtschaft Europas abgeschrieben. Die EU leide an "Eurosklerose" und sei dem Untergang geweiht, hieß es. In den 1990er Jahren stempelte der Economist Deutschland zum "kranken Mann Europas", andere mediale Schwarzmaler beschworen eine Zukunft mit mehr Arbeitslosen herauf, mit mehr Verbrechen und Steuererhöhungen in einem Ausmaß, wie man es seit der Weimarer Republik nicht mehr gesehen habe. Und heute? Heute ist das florierende Deutschland ein wichtiger Akteur auf der globalen Bühne.

Es stimmt: Die EU muss eine ganze Reihe gefährlicher Situationen jonglieren, aber das ist nun mal das, was Supermächte tun: Sie sind fortwährend zum Krisenmanagement verdammt, innenpolitisch wie auf internationalem Parkett. Definitionsgemäß deckt eine Supermacht einen großen Teil der Erde ab, und stets passieren in ihrem Einzugsbereich Dinge, die ihre Handlungsfähigkeit testen. Wie Josef Joffe in seinem Buch The Myth of America’s Decline schreibt, hat schon so mancher Experte voreilig das Ende einer Supermacht heraufbeschworen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Was also bedeutet es, Supermacht zu sein? Es bedeutet, dass man groß und fähig genug ist, auf der Weltbühne einen Unterschied zu machen. Im Idealfall bedeutet es auch, zur Lösung globaler Probleme beizutragen. Erfüllt die EU diese Kriterien?

Diese Frage bejahe ich aus vollem Herzen. Vor allem aus einem Grund: Die EU ist eine der weltgrößten Wirtschaftslokomotiven. Selbst in der Euro-Krise bildet das, was ich die "EU plus" nenne (die 28 EU-Staaten, dazu Norwegen und die Schweiz), die weltgrößte Volkswirtschaft, die ein Viertel des globalen Bruttoinlandsprodukts generierte. Laut den Zahlen der Weltbank war die Wirtschaft der EU plus im Krisenjahr 2009 größer als die der USA und Indiens zusammen. Von den umsatzstärksten Unternehmen der Welt finden sich dort mehr als in den USA, Indien und Russland zusammen. Zudem liegen laut Weltwirtschaftsforum einige der konkurrenzfähigsten Volkswirtschaften der Welt in Europa (unter den Top 25 sind 13 europäische Länder).

Diese Vitalität erstreckt sich auch auf kleine und mittelständischen Betriebe. Sie stellen zwei Drittel der Arbeitsplätze in Europas Privatwirtschaft und stehen für 85 Prozent des Netto- Beschäftigungswachstums (in den USA kommen sie auf nur etwa die Hälfte). Viele Führungskräfte beschweren sich, Europa sei nicht innovativ genug – und fragen nach Europas Facebook, Google oder Apple. Tatsächlich aber schaffen diese berühmten Unternehmen nicht allzu viele neue Jobs, weil sie mithilfe von Software und Algorithmen menschliche Arbeitskräfte so weit wie möglich überflüssig machen. Sie suchen Innovation mit Arbeitsplatzeffekt? Dann sehen Sie sich den deutschen Mittelstand an.

In einem durchaus gewagten innovativen Akt hat Europa eine kleine Revolution angeführt, eine Hinwendung zu mehr wirtschaftlicher Demokratie und einem breit gestreuten Wohlstand. Getragen von Errungenschaften wie Mitbestimmung, Arbeitnehmervertretungen, effektiven Gewerkschaften und der "sichtbaren Hand" einer aktiven Regierung, die die soziale Marktwirtschaft lenkt.

Aber es wäre ein Fehler, eine Supermacht hauptsächlich an wirtschaftlicher Macht zu messen. Im 21. Jahrhundert steht die Welt vor zwei gewaltigen Herausforderungen: China, Indien und Brasilien verlangen zu Recht ihren Platz am großen Tisch, aber wie können wir für eine wachsende Weltbevölkerung von nahezu acht Milliarden Menschen die Lebensqualität aller auf ein wünschenswertes Niveau anheben? Und wie gelingt uns das, ohne die Atmosphäre des Planeten in eine CO₂-Hölle zu verwandeln? Es ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, gleichzeitig für wirtschaftliche wie ökologische Nachhaltigkeit zu sorgen.

Die EU ist weltweit ein Vorreiter bei diesem so wichtigen Unterfangen. Angeführt von Deutschland mit seiner ambitionierten Energiewende, macht Europa große Fortschritte bei erneuerbaren Energien wie Solar- und Windkraft, bei effizienten Netzen und bei "grünem" Design für öffentliche Gebäude, Häuser und Autos. Im Zuge dieser Maßnahmen haben die Mitgliedsstaaten Hunderttausende neue, "grüne" Jobs geschaffen.

Natürlich stößt auch Europas Macht und Reichweite an Grenzen. Der Sparkurs, den Deutschland der Euro-Zone nach der Weltwirtschaftskrise von 2008 verordnete, führte nur zu begrenzten Erholungseffekten. Vor allem Griechenland musste einen hohen Preis zahlen. Es folgten Russlands Abenteurertum in der Ukraine, ein Strom an Flüchtlingen aus den nahöstlichen Anrainerstaaten und die zermürbende, giftige Debatte um die Abspaltung der Briten. All dies hat bestehende Spannungen und Verwerfungslinien zwischen Nord und Süd, Ost und West deutlich gemacht.

Zum klassischen Bild einer Supermacht gehört zudem militärische Macht. Präsident Obama hat der EU kürzlich vorgeworfen, keine eigene Hard Power zu haben, sondern ein Trittbrettfahrer zu sein: dass sie sich im Grunde darauf verlasse, die USA würden die militärischen Aufgaben übernehmen. Aber in Wahrheit ist Europa keineswegs der militärische Schwächling, für den ihn einige halten. Selbst ohne Großbritannien zählt der Verteidigungshaushalt aller EU-Länder zusammengenommen zu den größten weltweit. Die EU verfügt über deutlich mehr als eine Million Menschen unter Waffen, über beträchtliche militärische Hardware und über Atomwaffen. Dabei hat die EU sogar noch wirkungsvollere Instrumente als ihre militärische Hard Power. Hätte eine militärische Antwort auf den Einfall Russlands in die Ukraine tatsächlich bessere Ergebnisse gezeitigt als die diplomatischen Anstrengungen der EU und die Sanktionen? Und was wurde durch die Luftangriffe in Syrien erreicht, außer dass sich Millionen Menschen auf die Flucht begeben haben?

Merkel ist die De-facto-Premierministerin Europas

Zum Teil sind die Probleme der EU die logische Folge davon, dass es Europas Institutionen an einem kohärenten Zusammenwirken mangelt. Regiert wird die EU von einem merkwürdigen Vierkammersystem, dessen einzelne Organe schwer auseinanderzuhalten sind: Europäische Kommission, Europäischer Rat, Rat der Europäischen Union und Europäisches Parlament. Jedes Gremium verfügt über einen eigenen Präsidenten. Es ist ein übertrieben komplexes System, das selbst die leidenschaftlichsten Europhilen verwirrt.

Auch aus diesem Grund wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel als Regierungschefin des größten Mitgliedsstaats durch die jüngsten Ereignisse in die Rolle der De-facto-Premierministerin Europas gedrängt. Aber wenn es auf EU-Ebene an Institutionen-Einigkeit fehlt, wie soll die Kanzlerin dann ihre nationale Rücksicht ablegen und tun, was am besten für Europa ist?

In dieser Rolle hat Merkel dennoch in mancher Hinsicht bewundernswerte Arbeit geleistet. Sie hat aber auch Fehler begangen, was vor allem daran liegt, dass ihre Rolle als EU-Premier in Konflikt zu ihren innenpolitischen Prioritäten steht. Um nationale Befindlichkeiten zu bedienen, hat sie unklugerweise gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy 2009 der Türkei erklärt, sie könne eine Aufnahme in die EU vergessen. Inzwischen bedauert Merkel diese Haltung – und Europa bezahlt einen höheren Preis für die Kooperation der Türken.

Doch auch die beiden anderen Supermächte dieser Welt, die USA und China, müssen sich mit Fehleinschätzungen und institutionellen Defiziten herumplagen. Die USA haben viele bewundernswerte Eigenschaften, aber auch sie leiden unter Zuwanderungsdruck, wachsender Ungleichheit und einem kaum mehr tragfähigen sozialen Netz. International verfügt Präsident Obama noch immer über viel Macht – allerdings weniger als frühere Präsidenten. Und ihr Gebrauch scheint die Dinge manchmal nur zu verschlimmern. NSA-Schnüffelei und übertriebener Überwachungseifer haben ebenso wie die Folterung von Gefangenen in Abu Ghraib zu Bush-Zeiten die gepriesenen Werte beschädigt und Amerikas Ansehen geschadet. Die US-Innenpolitik ist in einem Ausmaß gelähmt, das geradezu europäisches Niveau erreicht hat. All dies hat das Phänomen Donald Trump hervorgerufen.

Unterdessen bleibt Chinas Zwitter eines "kommunistischen Kapitalismus" ein autoritäres Rätsel voller gewaltiger Widersprüche. Die Mittelklasse wächst, ist aber immer noch sehr klein im Vergleich zur armen Bevölkerungsmehrheit. Gleichzeitig gedeihen Korruption und Vetternwirtschaft.

Es hat sich gezeigt: Wer viel Macht hat, kann auch große Fehler begehen. Eine Supermacht zu sein ist weder immer super noch etwas für schwache Nerven. Insofern schneidet die EU im Vergleich gar nicht mal so schlecht ab.

Und trotzdem stecken die Europäer fest in ihrer hochgradig selbstkritischen Mentalität. Sie sehen sich, wie früher im Kalten Krieg, immer noch als ein Juniorpartner, der vom Rücksitz aus zusieht, wie Amerika den Wagen lenkt. Es hat auch seine Vorteile, hinten zu sitzen: Man muss nicht die Verantwortung für die Fahrtrichtung übernehmen und kann heikle Manöver notfalls dem Fahrer überlassen. Jetzt aber sind die USA dank Trump kurz davor, den Wagen über die Klippe zu steuern. Deshalb ist es an der Zeit, dass Europa seine eigene Version von Führung und Vision mutiger vertritt. Dafür braucht es jedoch einen stärkeren Zusammenhalt der Institutionen und mehr Kompetenz. Es sind dies Qualitäten, die sich in der Regel langsam und über Jahrzehnte hinweg entwickeln.

Um Europas Gegenwart und Zukunft besser begreifen zu können, muss man sich die Vergangenheit vor Augen führen – und zwar die der jungen Vereinigten Staaten von Amerika. 1789 war die Nation zerrissen. Es gab regionale Spannungen, und die Mitgliedsstaaten pochten auf Eigenständigkeit. Sie begehrten auf gegen eine Zentralregierung und eine immer engere Einbindung in die Union.

Anfangs hatte das junge Amerika keine eigene Währung, jeder Staat und sogar einzelne Banken arbeiteten mit ihrem eigenen Geld. Derart groß war der Argwohn der Amerikaner gegenüber einer Zentralregierung, dass sich Präsident George Washington, immerhin ein Kriegsheld, nicht traute, Mittel für ein stehendes Heer zu beantragen. So sehr lehnten die Bürger den Föderalismus ab, dass die erste landesweite Steuer, eine Abgabe auf Whiskey, in Pennsylvania zu offener Rebellion führte. Präsident Washington musste Truppen entsenden.

Volle 70 Jahre nach der ersten Regierungsbildung trug Amerika einen blutigen Bürgerkrieg um die Rechte der Staaten aus – es ging um die Frage, ob eine Zentralregierung bei einem so explosiven Thema wie der Sklaverei die Mitgliedsstaaten überstimmen konnte. Kurzum: Es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich die USA zu einer Nation zusammenfanden. Während dieser Zeit durchlitt die Wirtschaft mindestens sieben Bank- und Finanzkrisen, gegen die die aktuellen Euro-Probleme gering erscheinen. Bis heute wirken diese zentrifugalen Spannungen nach.

Der Vergleich ist aufschlussreich, aber er hinkt natürlich auch. Die Europäische Union weist Spaltungen auf, die Jahrhunderte zurückreichen. Es ist schon ein Wunder, dass die Integration überhaupt so weit gekommen ist.

Und dennoch: Wenn Sie das nächste Mal die Überschrift "Europa stirbt" lesen, denken Sie daran, dass das "alte Europa" eigentlich ziemlich jung ist. Die EU kann die Kapriolen von David Cameron und Viktor Orbán ebenso überleben wie einige Millionen Flüchtende, radikalen Islamismus und eine übertriebene Sparpolitik – immer vorausgesetzt, dass Europas Lust auf eine Union ungebremst bleibt.

Die Europäische Union ist, um Winston Churchill zu zitieren, nicht am Ende, sondern nur am Ende ihres Anfangs.

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