Wann immer Apple das neueste iPhone, iPad, iDon’t-know-what präsentiert, dürfen die Ritter des angebissenen Apfels sicher sein, dass die Welt so gebannt nach Cupertino starrt, als werde dort der Gral enthüllt und nicht lediglich verkündet, ob wir demnächst auf Fünf-Komma-fünf- oder doch wieder auf retro-schmucken Vier-Zoll-Displays herumwischen. Wenn sich in Washington – wie im Dezember vergangenen Jahres – Biowissenschaftler aus allen relevanten Forschungsnationen versammeln, um sich über die Möglichkeiten und Grenzen von genome editing zu verständigen, gähnt die Welt und wischt schnell wieder dorthin, wo’s um Gadgets statt um Gene geht. Woher kommt diese Ignoranz? Sind wir mittlerweile so infantilisiert, dass uns technologische Durchbrüche nur noch zu fesseln vermögen, wenn sie uns neues Spielzeug in Aussicht stellen, mit dem wir die zunehmende Langeweile unserer Existenz – nicht bloß Bildschirme haben die Tendenz, immer flacher zu werden – betäuben können? Dort aber, wo es um die Frage geht, was wir künftig unter Menschsein verstehen wollen, wenden wir uns gelangweilt ab?

Mit der einschüchternden Komplexität des Gegenstandes lässt sich die Ignoranz nicht entschuldigen. Dem durchschnittlichen Zeitgenossen dürfte das Innenleben seines iPhones nicht weniger dunkel sein als das, was sich hinter jener "Crispr/Cas9" genannten Methode der Genmanipulation verbirgt, die seit geraumer Zeit die Welt der Biowissenschaften in teils euphorische, teils besorgte Unruhe versetzt.

Bereits im September 2015 veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den wichtigsten anderen deutschen Wissenschafts-Akademien eine Stellungnahme, in der dazu aufgefordert wurde, "die Debatte zu den wissenschaftlichen, ethischen und rechtlichen Möglichkeiten, Grenzen und Konsequenzen des genome editing in die Öffentlichkeit" zu tragen. Geschehen ist seither – nichts. Vor wenigen Wochen fand sich auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ ein ebenso ausführlicher wie ausgewogener Artikel des Präsidenten der Leopoldina, Jörg Hacker, in dem dieser die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Risiken von Crispr/Cas9 erläutert. Das Echo wäre vermutlich kräftiger ausgefallen, hätte der Biologe seine Worte an ein Matratzenlager gerichtet.

Warum verschläft die Öffentlichkeit, die doch sonst bereit ist, sich von jedem Unfug wenigstens für kurze Zeit aus ihrer Lethargie reißen zu lassen, just dieses Thema? Weil sie ahnt, dass es um eine echte Frage gehen könnte – und ihr Bedarf an echten Fragen mit der Sorge um die Zukunft Europas fürs Erste mehr als gedeckt ist? Weil sich die Wissenschaftler – trotz der Dringlichkeit ihrer Debatten-Aufrufe – um einen antireißerischen, antialarmistischen Ton bemühen, während heutzutage selbst die triftigsten aller Themen nur eine Chance haben, die Aufmerksamkeitsschwelle zu überschreiten, wenn sie als möglichst grelles Szenario über die Bildschirme flackern?

Endlich, endlich brauchen wir eine besonnene Debatte über die Folgen der Gentechnik

Vielleicht bin ich altmodisch, vielleicht bin ich naiv: Dennoch will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass es uns gelingen könnte, die Diskussion über Gentechnik endlich zu beginnen, ohne die Freudenfeuer der Hysterie zu entzünden. Wie es geschah, als Peter Sloterdijk 1999 in seiner Elmauer Rede darüber nachdachte, was es für das abendländische Konzept des Humanismus bedeutet, wenn am Horizont die Möglichkeit aufscheint, dass der Mensch nicht länger durch Erziehung und Bildung, sondern durch genetische Manipulationen "domestiziert" werden soll. Wie es zuletzt 2014 geschah, als Sibylle Lewitscharoff in fundamental-drastischer Weise ihre Abscheu vor den "Machinationen" der Reproduktionsmedizin zum Ausdruck brachte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Worum es beim jüngsten Durchbruch der Gentechnologie geht, ist im Kern erstaunlich einfach erklärt: Vor wenigen Jahren haben zwei Wissenschaftlerinnen, Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier – Letztere forscht seit Kurzem übrigens am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin –, molekulargenetische Werkzeuge entdeckt, die, wenn sie in einen Organismus eingeschleust werden, dort wie Genscheren funktionieren: Bestimmte Abschnitte eines Gens können herausgeschnitten, korrigiert oder durch andere Abschnitte ersetzt werden, weshalb sich für diese Methode der Name genome editing eingebürgert hat. Im Vergleich zu den herkömmlichen Methoden, die seit den siebziger Jahren bekannt sind und weltweit in Labors verwendet werden, arbeiten diese neuen Genscheren jedoch deutlich schneller und präziser, sind erheblich kostengünstiger und – einer der brisantesten Punkte dieser Technologie – können im Nachhinein nicht mehr nachgewiesen werden, während die sogenannten Vektoren, die bislang zum Einsatz kamen, im Organismus charakteristische Spuren hinterlassen.

Bevor die Freudenfeuer der Hysterie nun doch zum ersten Mal auflodern – Wie? Heißt das, kein Verbraucherschutz der Welt kann in Zukunft mehr prüfen, ob ich eine Gentomate auf dem Teller habe?! –, sollten wir einen Blick auf die unterschiedlichen Anwendungsgebiete des genome editing werfen.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Große Hoffnungen hegen die Wissenschaftler, dass ihnen mithilfe von Crispr/Cas9 der endgültige Sieg über Aids gelingen könnte, indem sie den Genabschnitt, der die Informationen für die Andockstelle des HI-Virus im Menschen enthält, so manipulieren, dass er derjenigen Variante gleicht, die bei den wenigen Glücklichen vorkommt, die von Natur aus gegen HIV/Aids immun sind. Auch könnten sämtliche erblichen Krebserkrankungen so wie alle anderen Krankheiten, die eindeutige genetische Ursachen haben – Sichelzellenanämie etwa, Bluterkrankheit oder Chorea Huntington –, bezwungen werden, indem die tickende Zeitbombe, die der Betroffene in seinem Erbgut herumträgt, einfach ausgeschaltet wird.

Täusche ich mich, oder lodern nun die ersten Freudenfeuer der Begeisterung? Sind wir nicht alle begeistert, wenn wir hören, dass die Medizin dabei ist, das Heer der Krankheiten, die uns zu hartnäckigem Leiden bis hin zu brutalem Siechtum verdammen, weiter zu dezimieren? Aber warum eigentlich sind wir so schnell bereit, die Errungenschaften der "roten" – also der medizinisch-therapeutisch genutzten – Gentechnik als eindeutigen Fortschritt zu begrüßen, während wir ebenso schnell bereit sind, "grüne" – also landwirtschaftlich genutzte – Gentechnik als Teufelszeug zu verdammen? In Deutschland sind mehr als 150 Medikamente zugelassen, die mittels gentechnischer Verfahren hergestellt werden: vom Insulin über diverse Krebstherapiemittel bis hin zur Hepatitis-Schutzimpfung. Warum gehen die Anhänger des grünen Friedens hier nicht auf die Barrikaden, wie sie es regelmäßig tun, sobald ein Agrarkonzern ankündigt, er wolle eine neue, durch Genmanipulation optimierte Getreidesorte auf den Markt bringen, die helfen könnte, den Hunger in den Armutsregionen der Welt zu lindern? Warum empfehlen diejenigen, die überzeugt sind, Tag und Nacht fürs Gute zu fechten, dass man lieber die afrikanischen und asiatischen Kleinbauern beim Gemüseanbau unterstützen oder Vitamintabletten an die notleidende Bevölkerung verteilen sollte? Müssten sie nicht mit derselben Entschiedenheit den westlichen Diabetes- oder Krebspatienten die Medikamente "aus dem Genlabor" verbieten wollen und ihnen stattdessen empfehlen, ihre Zivilisationskrankheiten allein mit mehr Bewegung und gesünderer Ernährung zu bekämpfen?