Am Gittertor des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos zerschellen an diesem Morgen viele Wünsche. Flüchtlinge wollen hinaus. Journalisten wollen hinein. Syrer, Afghanen, Iraker flehen, fluchen, drohen. Mitarbeiter eines belgischen Kamerateams zeigen ihre Presseausweise. Touristen, die sich irgendwie hierher verirrt haben, heben ihre Fotoapparate. Doch zwischen all diesen Menschen stehen drei griechische Polizisten mit Schlagstock am Gürtel und dem Wort "Nein" im Gesicht. Keine Fotos! Keine Presse! Kein Ausgang ohne Passierschein! Das Gitter bleibt geschlossen.

Bis auf einmal ein jugendlich aussehender Mann in kurzärmeligem Hemd auftaucht. Schwungvoll geht er auf die Uniformierten zu, sagt ein paar Worte, und die Polizisten öffnen das Tor.

Der Mann heißt Gerald Knaus. Das ist kein Name, der regelmäßig in den Zeitungen steht. Knaus, 46, hat kein Amt, das ihm Prominenz verleihen würde. Er ist kein Politiker. Er ist auch kein politischer Beamter. Trotzdem ist er eine der Hauptfiguren in dem großen Drama, das sich in Europa seit einem Jahr abspielt.

Mehr als 800.000 Menschen setzten 2015 in Schlauchbooten und Holzkähnen von der Türkei über die Ägäis nach Griechenland über; 807 Menschen ertranken, und das sind nur die dokumentierten Fälle. Dann trat am 20. März das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft. Es sieht vor, jeden Flüchtling, der in Griechenland an Land geht, in einem geordneten Verfahren zurück in die Türkei zu schicken. Im Gegenzug soll die EU der Türkei syrische Flüchtlinge abnehmen. So sollte das Sterben auf der Ägäis ein Ende finden. Wer begibt sich schon auf eine lebensgefährliche Überfahrt und zahlt Tausende von Euro, wenn er danach wieder zurückmuss?

Das Abkommen wurde unter dem Namen "Merkel-Plan" bekannt. Aber es war nicht die deutsche Kanzlerin, die sich den Plan ausgedacht hat. Es war auch keiner ihrer Mitarbeiter im Kanzleramt. Es war dieser Mann, der jetzt an den Polizisten vorbei das Flüchtlingslager Moria betritt: Gerald Knaus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Knaus ist Politikberater. Er leitet eine kleine, von ihm selbst gegründete Denkfabrik namens European Stability Initiative in Berlin, ESI. Es gibt Dependancen in Paris, Brüssel, Istanbul, Wien, Sarajevo und London. Das klingt nach einer großen Institution, aber insgesamt hat ESI nur 13 Mitarbeiter. Ihre Arbeit wird vor allem von der schwedischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert, dazu von diversen Stiftungen. Das Berliner Büro ist eine Altbauwohnung in Kreuzberg. Dort sitzt Gerald Knaus zwischen vollgestopften Ikea-Regalen und schreibt Berichte, Briefe, Analysen. Knaus empfiehlt und warnt. Er ist Teil des professionellen Stimmengewirrs, das heute jeden Regierungschef, jeden Minister umgibt. Läuft es schlecht für Knaus, verhallen seine Äußerungen ungehört. Läuft es gut, greift die Politik seine Ideen auf und verwandelt sie in Verträge und Paragrafen. Beim Flüchtlingsabkommen lief es sehr gut für Gerald Knaus. Es ist sein bisher größter Erfolg.

Seit sich seine Idee in Wirklichkeit verwandelt hat, kommen kaum noch Boote über die Ägäis. Keine Boote, das bedeutet: keine Ertrunkenen, keine Toten. Noch im Januar sind 275 Menschen in der Ägäis ertrunken. Im Mai war es kein einziger. Es sieht so aus, als sei der "Merkel-Plan" ein Sieg der Menschlichkeit, ein gelungener Versuch, Ordnung in die größte europäische Fluchtbewegung seit 1945 zu bringen. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Knaus hat in den vergangenen Wochen besorgniserregende E-Mails und Anrufe bekommen, von Mitarbeitern griechischer Behörden, von Informanten, die er seit Jahren kennt. Von Verzögerungen war die Rede, Intransparenz, Überforderung. In Wahrheit steht das Abkommen vor dem Zusammenbruch. Im Fernsehen waren Bilder von Flüchtlingen zu sehen, die einen griechischen Minister mit Steinen bewarfen. Die Flüchtlinge schrien nach Freiheit, ein Feuer brach aus, die Polizei setzte Tränengas ein.

Das Lager Moria ist heute das Nadelöhr auf dem Weg von der Türkei nach Europa. Deshalb ist Gerald Knaus nach Lesbos geflogen. Um seine Idee zu retten.

Knaus ist an diesem Morgen mit einem hochrangigen Mitarbeiter des Flüchtlingslagers verabredet. Die Polizisten am Gittertor haben den Mann über Funk gerufen, aber er lässt sich nicht blicken. Knaus steht da und wartet. Fünf, zehn, zwanzig Minuten lang. Die Sonne brennt, Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Aus einem zerbrochenen Rohr sickern Fäkalien in den Straßengraben.

Flüchtlingspolitik - Die Ghostwriter der Kanzlerin Das EU-Türkei-Abkommen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beruht auf einem Plan der kleinen Denkfabrik ESI. Wer steht dahinter?