Am Gittertor des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos zerschellen an diesem Morgen viele Wünsche. Flüchtlinge wollen hinaus. Journalisten wollen hinein. Syrer, Afghanen, Iraker flehen, fluchen, drohen. Mitarbeiter eines belgischen Kamerateams zeigen ihre Presseausweise. Touristen, die sich irgendwie hierher verirrt haben, heben ihre Fotoapparate. Doch zwischen all diesen Menschen stehen drei griechische Polizisten mit Schlagstock am Gürtel und dem Wort "Nein" im Gesicht. Keine Fotos! Keine Presse! Kein Ausgang ohne Passierschein! Das Gitter bleibt geschlossen.

Bis auf einmal ein jugendlich aussehender Mann in kurzärmeligem Hemd auftaucht. Schwungvoll geht er auf die Uniformierten zu, sagt ein paar Worte, und die Polizisten öffnen das Tor.

Der Mann heißt Gerald Knaus. Das ist kein Name, der regelmäßig in den Zeitungen steht. Knaus, 46, hat kein Amt, das ihm Prominenz verleihen würde. Er ist kein Politiker. Er ist auch kein politischer Beamter. Trotzdem ist er eine der Hauptfiguren in dem großen Drama, das sich in Europa seit einem Jahr abspielt.

Mehr als 800.000 Menschen setzten 2015 in Schlauchbooten und Holzkähnen von der Türkei über die Ägäis nach Griechenland über; 807 Menschen ertranken, und das sind nur die dokumentierten Fälle. Dann trat am 20. März das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft. Es sieht vor, jeden Flüchtling, der in Griechenland an Land geht, in einem geordneten Verfahren zurück in die Türkei zu schicken. Im Gegenzug soll die EU der Türkei syrische Flüchtlinge abnehmen. So sollte das Sterben auf der Ägäis ein Ende finden. Wer begibt sich schon auf eine lebensgefährliche Überfahrt und zahlt Tausende von Euro, wenn er danach wieder zurückmuss?

Das Abkommen wurde unter dem Namen "Merkel-Plan" bekannt. Aber es war nicht die deutsche Kanzlerin, die sich den Plan ausgedacht hat. Es war auch keiner ihrer Mitarbeiter im Kanzleramt. Es war dieser Mann, der jetzt an den Polizisten vorbei das Flüchtlingslager Moria betritt: Gerald Knaus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Knaus ist Politikberater. Er leitet eine kleine, von ihm selbst gegründete Denkfabrik namens European Stability Initiative in Berlin, ESI. Es gibt Dependancen in Paris, Brüssel, Istanbul, Wien, Sarajevo und London. Das klingt nach einer großen Institution, aber insgesamt hat ESI nur 13 Mitarbeiter. Ihre Arbeit wird vor allem von der schwedischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert, dazu von diversen Stiftungen. Das Berliner Büro ist eine Altbauwohnung in Kreuzberg. Dort sitzt Gerald Knaus zwischen vollgestopften Ikea-Regalen und schreibt Berichte, Briefe, Analysen. Knaus empfiehlt und warnt. Er ist Teil des professionellen Stimmengewirrs, das heute jeden Regierungschef, jeden Minister umgibt. Läuft es schlecht für Knaus, verhallen seine Äußerungen ungehört. Läuft es gut, greift die Politik seine Ideen auf und verwandelt sie in Verträge und Paragrafen. Beim Flüchtlingsabkommen lief es sehr gut für Gerald Knaus. Es ist sein bisher größter Erfolg.

Seit sich seine Idee in Wirklichkeit verwandelt hat, kommen kaum noch Boote über die Ägäis. Keine Boote, das bedeutet: keine Ertrunkenen, keine Toten. Noch im Januar sind 275 Menschen in der Ägäis ertrunken. Im Mai war es kein einziger. Es sieht so aus, als sei der "Merkel-Plan" ein Sieg der Menschlichkeit, ein gelungener Versuch, Ordnung in die größte europäische Fluchtbewegung seit 1945 zu bringen. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Knaus hat in den vergangenen Wochen besorgniserregende E-Mails und Anrufe bekommen, von Mitarbeitern griechischer Behörden, von Informanten, die er seit Jahren kennt. Von Verzögerungen war die Rede, Intransparenz, Überforderung. In Wahrheit steht das Abkommen vor dem Zusammenbruch. Im Fernsehen waren Bilder von Flüchtlingen zu sehen, die einen griechischen Minister mit Steinen bewarfen. Die Flüchtlinge schrien nach Freiheit, ein Feuer brach aus, die Polizei setzte Tränengas ein.

Das Lager Moria ist heute das Nadelöhr auf dem Weg von der Türkei nach Europa. Deshalb ist Gerald Knaus nach Lesbos geflogen. Um seine Idee zu retten.

Knaus ist an diesem Morgen mit einem hochrangigen Mitarbeiter des Flüchtlingslagers verabredet. Die Polizisten am Gittertor haben den Mann über Funk gerufen, aber er lässt sich nicht blicken. Knaus steht da und wartet. Fünf, zehn, zwanzig Minuten lang. Die Sonne brennt, Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Aus einem zerbrochenen Rohr sickern Fäkalien in den Straßengraben.

Flüchtlingspolitik - Die Ghostwriter der Kanzlerin Das EU-Türkei-Abkommen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beruht auf einem Plan der kleinen Denkfabrik ESI. Wer steht dahinter?

Er redet nicht sehr oft mit Flüchtlingen

Dann, endlich, kommt ein Mann den Schotterweg zum Verwaltungstrakt herunter. Aus dem offenen Hemd blitzt ein Goldkettchen, eine Sonnenbrille verdeckt seine Augen. Er geht auf Knaus zu, auf den Lippen ein abschätziges Lächeln, als wolle er sagen, jede Kritik an der Arbeit der griechischen Behörden sei unangebracht.

Die beiden Männer sprechen kurz. Es sei zu laut hier im Lager, zu unruhig, sagt der Grieche. Sie verabreden sich für den Abend in einer Taverne am Hafen.

Vier Stunden später sitzen sie sich gegenüber. Knaus könnte jetzt Vorwürfe erheben, Wut in die Stimme legen, ein Kräftemessen riskieren, aber das ist nicht seine Methode. Lächelnd sagt Knaus zu dem Griechen: "Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, welche Art Hilfe Sie bekommen sollten."

Der Grieche könnte den freundlichen Gerald Knaus für einfältig und ahnungslos halten. Aber jetzt legt Knaus einen mehrere Kilo schweren Papierstapel auf den Tisch, obenauf das Blatt mit den exakten, tagesgenauen Zahlen darüber, wie viele Mitarbeiter die griechischen Behörden auf die Inseln schicken, wie viele Flüchtlingsfälle sie bearbeiten. Es sind vertrauliche Informationen, die griechische Regierung veröffentlicht sie nicht, ein hochrangiger Beamter hat sie Knaus am Abend zuvor in Athen zugesteckt.

Auf den griechischen Inseln befinden sich derzeit 8500 Flüchtlinge, aber für sie sind nur 16 griechische Beamte zuständig, so steht es auf dem Papier. Eigentlich müssten die Flüchtlinge zügig erfasst und in die Türkei zurückgebracht werden, so sieht es das Abkommen vor. Aber bisher wurden gerade einmal einige Hundert Fälle bearbeitet. Wenn es bei dem Tempo bleibt, wird es bis nächstes Jahr dauern, bis alle Fälle geprüft sind.

Ein paar Stunden vor dem Treffen in der Taverne hat Knaus die Zähigkeit der Flüchtlingspolitik selbst erlebt. Nach seinem Besuch im Lager Moria war er zurück in den Hauptort Mytilini gefahren, als auf einmal eine Gruppe von vielleicht 50 Flüchtlingen vor ihm auf der Straße stand. Einer schlug kurz und wütend auf das Auto. Knaus hielt an, stieg aus, zog einen Notizblock aus der Tasche. Er, der es geschafft hat, die europäische Flüchtlingspolitik mitzubestimmen, redet nicht sehr oft mit Flüchtlingen.

"Woher kommen Sie?", fragte Knaus.

"Pakistan", antwortete einer der Männer.

"Wie lange sind Sie schon hier?"

"Drei Monate", sagte einer. "Vier Monate", ein anderer.

"Wohin möchten Sie?"

Sie antworteten alle dasselbe. "Deutschland."

Überall auf Lesbos begegnet man Flüchtlingen. Sie gehören zu jenen, die länger als 23 Tage auf der Insel sind. Von diesem Zeitpunkt an erhalten die Flüchtlinge einen Passierschein und dürfen das Lager tagsüber verlassen. Abends sollen sie wieder zurückkehren. Wohin diejenigen verschwinden, die nicht zurückkommen, weiß keiner. Wahrscheinlich bleiben manche illegal im Land, und andere versuchen, sich nach Mitteleuropa durchzuschlagen.

Noch eine Szene auf dem Weg zur Taverne: Gerald Knaus steht im Nordosten von Lesbos am Ufer der Ägäis. Die Wellen schlagen an die Felsen, man sieht die türkische Küste, sie ist nur zehn Kilometer entfernt. Es wirkt, als könne man hinüberschwimmen, aber das schafft keiner. Die Griechen haben an dieser Stelle einen Berg von Schwimmwesten aufgetürmt. Der Berg wirkt wie ein gespenstisches Mahnmal: Große Westen, kleine Westen und Schwimmflügel für Kinder liegen in der Sonne, zurückgelassen von Flüchtlingen nach ihrer Überfahrt. Knaus steht da und schweigt und lässt die Kamera seines Handys über das Bild gleiten.

Man kann diese beiden Szenen, die Flüchtlinge an der Straße und die Schwimmwesten am Ufer, leicht in Zusammenhang bringen. Man kann sich ausrechnen, was es bedeutet, wenn die Bootsflüchtlinge nicht in die Türkei zurückgebracht werden: Knaus’ Konzept für das Flüchtlingsabkommen folgt einer klaren Logik, wie ein Schachspiel. Wenn die Griechen jeden Neuankömmling zügig zurückschicken und wenn sich gleichzeitig ein sicherer, legaler Weg von der Türkei nach Europa öffnet, finden die Schlepper keine Kunden mehr. Wenn aber in den Lagern in der Türkei bekannt wird, dass es den Bootsflüchtlingen doch irgendwie gelingt, in Griechenland zu bleiben, dass sie es womöglich sogar bis nach Deutschland schaffen, dann fahren die Schlauchboote bald wieder. Und dann sind vielleicht in Passau die Turnhallen wieder voll, stehen vor den Ämtern in Berlin wieder Syrer und Afghanen Schlange und werden in Hamburg wieder Zelte aufgebaut.

Es sind diese Zukunftsaussichten, die Knaus im Kopf hat, wenn er jetzt in der Taverne mit dem Mitarbeiter des Flüchtlingslagers spricht. Knaus hört zu, fragt nach, zeigt Verständnis. Da geschieht etwas Erstaunliches. Das abschätzige Lächeln verschwindet aus dem Gesicht des Griechen. Er nimmt die Brille ab, und Knaus sieht, dass ihm die nackte Angst in den Augen steht.

"Moria ist 45.000 Quadratmeter groß", sagt der Grieche mit gepresster Stimme. "Es gibt immer mehr Ecken, in die sich nachts kein Wächter mehr traut. Da finden Drogenhandel, Prostitution, Gewalt und Menschenschmuggel statt. Die Mitarbeiter einer griechischen Hilfsorganisation haben das Lager schon verlassen – aus Angst vor Überfällen. Frauen trauen sich nachts nicht auf die Toiletten, und von den wenigen Polizisten, die es hier gab, sind uns auch noch welche abgezogen worden."

"Haben Sie Angst, zur Arbeit zu gehen?"

"Haben Sie Angst, zur Arbeit zu gehen?", fragt Gerald Knaus.

"Wenn ich meine Angst zeige, haben meine Kollegen auch Angst. Also habe ich keine." Der Grieche setzt die Sonnenbrille wieder auf.

Man kann seinen Bericht gut in eine Erzählung einordnen, die seit einigen Jahren populär ist: die Erzählung vom überforderten griechischen Staat, von der ineffizienten Bürokratie. Deshalb hatte die EU im Rahmen des Flüchtlingsabkommens zugesagt, 600 Sachbearbeiter aus ganz Europa nach Griechenland zu entsenden, um die dortige Bürokratie zu unterstützen. Drei Monate nach Inkrafttreten der Vereinbarung sind allerdings erst 65 von ihnen in Griechenland angekommen.

Könnte es sein, dass die EU genauso überfordert ist wie die griechischen Behörden?

Eine letzte Szene von Lesbos: Knaus sitzt im Café, trinkt einen Espresso, da klingelt sein Handy – eine Nummer aus Brüssel. "Gerald, wie viele griechische Sachbearbeiter sind derzeit auf den griechischen Inseln?", fragt der Anrufer, ein Beamter der EU. Knaus antwortet: "Ich geb dir die Zahl. Aber ist es nicht beunruhigend, dass du mich das fragen musst?"

Es gibt mächtige Menschen in Europa, über deren politisches Schicksal das Flüchtlingsabkommen mitentscheidet. Angela Merkel hat ihre Zukunft daran geknüpft – und muss sich dafür kritisieren lassen, dass Deutschland sich von einem unberechenbaren und autoritär regierten Land wie der Türkei abhängig macht. Schon jetzt sind die Rechtspopulisten fast überall auf dem Vormarsch. Was, wenn die Flüchtlingszahlen wieder auf das Niveau des letzten Jahres steigen? Was, wenn die Aggressionen der in Griechenland Gestrandeten nicht mehr zu kontrollieren sind? Wenn die Verzweifelten sich radikalisieren?

"Wenn der Deal scheitert", sagt Gerald Knaus, in Abwandlung eines Zitats Angela Merkels, "dann scheitert Europa."

An dieser Stelle lohnt es sich, kurz zurückzuspulen zu dem Moment, in dem aus einem Konzeptpapier des Politikberaters Knaus zuerst der "Merkel-Plan" wurde und schließlich das EU-Türkei-Abkommen. Es ist ein Moment, der nicht nur viel über Gerald Knaus erzählt, sondern auch über Europa. Darüber, was Europa heute ist und was es sein könnte.

Die Geschichte beginnt am 2. September 2015. An diesem Tag geht das Foto des dreijährigen syrischen Jungen Alan Kurdi um die Welt, der tot an einem Strand nahe der türkischen Stadt Bodrum angespült wurde, ertrunken beim Versuch, Griechenland zu erreichen. Gerald Knaus sieht das Bild, als er gerade mit seinem Notebook in einem Café sitzt, in Paris, wo er mit seiner Familie wohnt, wenn er nicht gerade in Berlin ist oder anderswo in Europa. Es ist eine Zeit, in der Knaus wenig Schlaf bekommt. Die Gedanken an das Mittelmeer, das sich unter den Augen der Politiker in ein Massengrab verwandelt hat, treiben ihn um. Tag und Nacht arbeitet er an einem Aufsatz mit dem Titel Warum niemand in der Ägäis ertrinken muss.

In diesem Text beschreibt Knaus die Spaltung Europas in der Flüchtlingspolitik: Da sind der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und praktisch alle rechtspopulistischen Parteien, die in den Flüchtlingen eine islamische Invasionsarmee sehen, die nur mit Mauern zu stoppen ist, zur Not mit Waffen.

Dem gegenüber steht die Philosophie der Humanität und der Willkommenskultur, die damals, im Spätsommer 2015, noch von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel verfolgt wurde. Eine Philosophie, die noch zaghaft, aber doch schon vernehmbar die Frage provozierte, wohin das denn alles führen werde: Wie viele fremde Menschen kann und will ein Land aufnehmen?

Fluchtbewegungen kann man steuern, durch Regeln, Verträge, Abkommen – so argumentiert Gerald Knaus in seinem Aufsatz. Man kann dafür sorgen, dass alle die gleiche Chance haben, ans Ziel zu gelangen: nicht nur die Jungen, Starken, Geschickten, die den Schlepper bezahlen und die Überfahrt auf dem Schlauchboot riskieren. Sondern auch die Armen, die Frauen und Kinder.

Knaus bringt einen Gedanken ins Spiel, der in Europa wenige Freunde hat: Ohne die Türkei wird es nicht gehen. Die Türkei muss die von den Griechen zurückgeschickten Flüchtlinge wieder aufnehmen. Als Gegenleistung muss die EU den Türken erstens finanzielle Hilfe gewähren und ihnen zweitens einen Teil der knapp drei Millionen Flüchtlinge im Land abnehmen – und sie legal mit dem Flugzeug über die Grenze bringen. Diese Menschen machen sich ohnehin auf den Weg, das ist Knaus’ Überzeugung. Die Frage sei nur, ob sie auf dem Meer ihr Leben riskieren oder in einem geordneten Prozess einreisen dürfen.

Er nennt es den "Merkel-Plan"

Am Vormittag des 17. September klickt Knaus auf seinem Notebook auf "Senden". Per E-Mail geht sein Aufsatz an europäische Regierungen, Beamte der EU-Kommission, Abgeordnete, Journalisten.

Gerald Knaus stammt aus einer Familie, der das europäische Drama in den Knochen steckt. Seine Großmutter, eine Russin, war einst nach Deutschland eingewandert. Kurz vor Kriegsende wurde sie von Soldaten der Roten Armee erschossen, weil sie mit einem Deutschen ein Baby hatte, Knaus’ Mutter. Das Mädchen wurde als Staatenlose von Versteck zu Versteck gebracht. Am Ende kam Knaus’ Mutter nach Österreich, wo dann auch Gerald aufwuchs – in einem Haus, in dem immer wieder Flüchtlinge aufgenommen wurden, Menschen, die ihre Heimat an den Krieg verloren hatten.

Gerald Knaus führt ein europäisches Leben, seit er 16 Jahre alt ist. Da zog er alleine nach Paris. Als die Mauer fiel, erkundete er Osteuropa. Er verliebte sich in eine Slowakin und in das Gefühl des großen Aufbruchs. Gerald Knaus studierte Politik und Wirtschaft in Oxford, Bologna und Brüssel. Seine Denkfabrik ESI entstand Ende der neunziger Jahre auf einer Caféterrasse in Sarajevo. Dort saß er mit ein paar Freunden. Sie blickten auf die zerschossene Stadt und träumten davon, eine neue Art der Politikberatung zu erfinden, eine, die nicht nur mit abstrakten Konzepten jongliert. Knaus’ erstes Projekt: die Rückkehr der Vertriebenen aus Bosnien. Knaus redete mit Bürgermeistern, mit kroatischen Extremisten, mit den Serben. Er lernte Bosnisch. Er suchte Flüchtlinge, die bereit waren, eine Rückkehr zu wagen. Er fand sie.

Später betrieb Knaus seine Denkfabrik mehrere Jahre in Istanbul. Dort wuchsen seine drei Töchter auf, die Türkei ist Knaus so vertraut wie kaum ein anderes Land. Das kommt ihm im Herbst des europäischen Sorgenjahrs 2015 zugute: Die türkischen Botschafter in Berlin und Brüssel sind alte Bekannte, auch ihnen schickt er sein Konzept. Die Diplomaten präsentieren dem Regierungsapparat in Ankara wenig später Knaus’ Argumentation: Die Türkei müsse den gemäßigt konservativen und sozialdemokratischen Regierungen in Mitteleuropa helfen. Sie könne kein Interesse daran haben, dass in Deutschland die AfD immer stärker wird, dass in Frankreich womöglich bald der Front National regiert, in Österreich die FPÖ. Dass antiislamische, prorussische Parteien in Europa den Ton angeben. Es sei im Sinne der Türkei, wenn die Merkel-Philosophie die Oberhand behält, nicht die Orbán-Philosophie.

Anfang Oktober, die Flüchtlingszahlen steigen weiter, verschickt Knaus einen zweiten Aufsatz, in dem er sein Konzept präzisiert. Kühn nennt er es den "Merkel-Plan". Dabei hat er Merkel nie getroffen.

Knaus’ Trick funktioniert. In der EU-Kommission wird der Plan diskutiert. In Berlin wird der Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt, der Knaus bei einer Konferenz erlebt, auf das Konzept aufmerksam. Am Ende findet der Text seinen Weg ins Kanzleramt. Dabei spielen persönliche Bekanntschaften zwischen Ministeriumsmitarbeitern eine Rolle, Parteifreundschaften, Kontakte zu Beratern aus dem Umfeld der Kanzlerin.

Am Abend des 7. Oktober sitzt Angela Merkel in der Talkshow von Anne Will. Die Kanzlerin sieht sich zu diesem Zeitpunkt wegen der steigenden Flüchtlingszahlen ersten massiven Angriffen aus den eigenen Reihen ausgesetzt. Jetzt sagt sie: "Wir müssen unsere Außengrenzen besser schützen. Aber das wird nur gelingen, wenn wir uns mit unseren Nachbarn, beispielsweise auch mit der Türkei, darüber einigen, wie man die Aufgabe der Versorgung von Flüchtlingen besser teilt. Das bedeutet: mehr Geld für die Türkei, die große Ausgaben wegen der Flüchtlinge hat. Das bedeutet auch, dass wir der Türkei eine bestimmte Zahl von Flüchtlingen abnehmen, sodass nicht Menschenhändler und Schmuggler Geld verdienen."

Es ist der Moment, in dem aus dem "Merkel-Plan" von Gerald Knaus der Plan von Angela Merkel wird.

Angela Merkel ist die mächtigste Frau Europas, aber ohne Verbündete kann auch sie nichts durchsetzen. Der Plan von Angela Merkel muss zum Plan der EU werden.

Die EU-Ratspräsidentschaft wechselt jedes halbe Jahr. Zurzeit sind die Niederlande dran. Ein paar Wochen nach dem Auftritt der Bundeskanzlerin bei Anne Will reist Diederik Samsom, der Parteichef der niederländischen Sozialdemokraten, in die türkische Hafenstadt Izmir. Er fährt an die Küste mit den kleinen Stränden, wo Flüchtlinge, getrieben von Schleppern, nachts die Ziegenpfade herunterrennen, ein Schlauchboot aufblasen, mit dem Mund oder kleinen Luftpumpen, und dann ablegen. Die türkische Küstenwache könnte sie stoppen, aber die kann nicht überall gleichzeitig sein. In der Nacht von Samsoms Besuch legen 20 Boote ab. Am nächsten Tag wird ein Fotograf am Strand die Leichen zweier ertrunkener Kinder aufnehmen.

Die EU hat sich vor den Griechen versteckt

Samsom sieht das Foto in der Zeitung. Und er erinnert sich daran, dass er über das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Flüchtlingen und Küstenwache schon einmal etwas gelesen hat. Auf dem Flug zurück in die Niederlande schaut er sich den Text noch einmal an. Es ist das Konzept von Gerald Knaus, der "Merkel-Plan". Samsom nennt diese Lektüre einen "Heureka-Moment". Begeistert berichtet er dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte von der Idee.

Rutte schlägt den Plan der Kommission vor, die Kommission akzeptiert, die Verhandlungen mit der Türkei beginnen. Gerald Knaus’ Plan verwandelt sich in praktische Politik. Beschlüsse werden gefasst, die in die Biografien von vielen Tausenden Menschen eingreifen. Eine größere Wirkung ist für Gerald Knaus nicht vorstellbar. Im Moment seines Erfolges ist er aber auch machtlos, zum Zuschauen verdammt. Er, der Urheber des "Merkel-Plans", der Mann mit dem kleinen Büro in Berlin-Kreuzberg, ist ja selbst nicht an der Umsetzung beteiligt. Jetzt müssen andere dafür sorgen, dass der Plan auch funktioniert.

Am 18. März, das Abkommen ist gerade mal ein paar Stunden alt, klingelt bei Albrecht Broemme in Berlin das Telefon. Der Bundesinnenminister möchte ihn sprechen, im Auftrag der Kanzlerin. Merkel ahnt offenbar damals schon: Für dieses Abkommen braucht sie einen Feuerwehrmann.

Albrecht Broemme war wirklich mal bei der Feuerwehr. Er ist ein kräftig gebauter, freundlicher Mann von 63 Jahren, der sagt: "Wie viele Tote ich aus Autowracks, aus U-Bahn-Schächten und aus brennenden Häusern geholt habe, kann ich gar nicht zählen." Broemme machte Karriere, leitete die Berliner Feuerwehr und wurde 2006 von Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, zum Chef des Technischen Hilfswerks ernannt. Broemme hatte Schäuble beeindruckt, weil er öffentlich selbstkritisch über eine misslungene Übung für die Fußball-WM gesprochen hatte.

Die Katastrophe, die der erfahrene Organisator Broemme diesmal abwehren soll, ist also ein Scheitern des EU-Türkei-Abkommens. Mehrmals im Monat fährt er jetzt in seiner THW-Uniform nach Athen. Auf seiner jüngsten Reise, am Dienstag vergangener Woche, lässt Broemme sich wie üblich vom Flughafen direkt zu einem anonymen Betongebäude im Zentrum der Stadt bringen. Kein Name steht auf der Fassade, kein Logo auf dem Klingelschild. Hier residiert die EU. Sie hat sich vor den Griechen versteckt.

Das Haus ist von Sicherheitsschleusen durchzogen, auf jeder Etage gibt es welche. Vor jedem Mittagessen, vor jedem Auswärtstermin muss jeder, der hier arbeitet, da durch.

Albrecht Broemme mag Griechenland. Er hat ein Haus auf einer winzigen Ägäis-Insel, auf Astypalea, er spricht ein paar Brocken Griechisch. Es ärgert ihn, dass die Lesart in der deutschen Presse über das Abkommen oft laute, die Griechen seien zu blöd und die Türken zu grob. Bis 2013 hatten beide Länder gar kein Asylsystem, sagt Broemme, niemand wollte dort Asyl beantragen. Alles musste erst erfunden werden. In Griechenland mitten in der Wirtschaftskrise. In der Türkei in einer Situation größter politischer Unruhe, mit einem Krieg im Nachbarland.

Er verschwindet in einem Konferenzraum, in dem sich das "Steuerungskomitee für das EU-Türkei-Abkommen" trifft. Außer dem Feuerwehrmann aus Deutschland sind dabei: der Chef des versteckten EU-Büros, die Leiterin der Athener Asylbehörde, der griechische Koordinator der Flüchtlingshilfe, Vertreter der EU-Grenzschutzagentur Frontex und weitere EU-Beamte – aber kein Türke.

An diesem Tag beschäftigt sich die Runde mit den Flüchtlingen, denen Knaus auf Lesbos begegnet ist: den Menschen, die nach 23 Tagen im Lager einen Passierschein bekommen und nach draußen dürfen – und die dann verschwinden. Die Runde kommt auf eine Idee, die aus dem Strafvollzug bekannt ist: Die Entlassenen sollen sich regelmäßig bei der Polizei melden, wie bei einem Bewährungshelfer.

Als Broemme wieder aus dem Konferenzraum herauskommt, sieht er zufrieden aus. Vielleicht haben sie gerade ein paar Flammen gelöscht. Das große Feuer aber brennt noch immer.

Es gelingt der EU einfach nicht, den Brandherd selbst zu bekämpfen. Weil die Griechen sich nicht reinreden lassen wollen. Weil sich in Brüssel 28 Staaten einigen müssen. Weil das Flüchtlingsthema für alle Regierungen gefährlich geworden ist und Nichtstun deshalb am sichersten scheint.

Ein Scheitern wäre für alle eine Katastrophe

An diesem Morgen hat Broemme auch einen riesigen blauen Plastikkoffer durch die Sicherheitsschleusen getragen. Darin sind Satellitenaufnahmen im Wert von 140.000 Euro. Die Bilder zeigen sämtliche Ägäis-Inseln, auch Lesbos, auch Astypalea, die Insel, auf der Broemmes Haus steht. Lila eingefärbt sind alle Gebiete, in denen man Lager bauen könnte.

Plant die Bundesregierung eine europäische Variante von Nauru? Jener Insel im Pazifik, 3.000 Kilometer von Australien entfernt, auf der die Australier ihre Flüchtlinge internieren, ohne Aussicht auf Freiheit, ohne Aussicht darauf, je ins Land zu dürfen? Ist das der Plan B für den Fall, dass Plan A, der Plan von Gerald Knaus, am Ende scheitert? Broemme kommentiert das nicht. Noch gilt ja Plan A.

Drei Monate nach Inkrafttreten des Abkommens ist noch kein einziger Flüchtling aus Griechenland in die Türkei zurückgeschickt worden. Von den wenigen, deren Fall schon bearbeitet ist, bekam die Mehrheit Asyl, die Übrigen haben Widerspruch eingelegt. Die linke Regierung von Griechenland, da ist Knaus sich inzwischen sicher, will sich nicht die Finger schmutzig machen, indem sie Flüchtlinge abschiebt. Schon gar nicht in die Türkei. 465 Flüchtlinge, immerhin, sind freiwillig gegangen.

Mehmet ist einer von ihnen, ein hagerer Mann, 36 Jahre alt, ein Handwerker aus Homs in Syrien.

Er sitzt am Hafen in der Nähe von Bursa, 90 Kilometer südlich von Istanbul, auf einer Holzkiste, die Füße in den Sandalen aufgeschrammt vom Müllsammeln, seiner Lebensgrundlage. Wenn er das Wort "freiwillig" hört, spuckt er aufs Pflaster. "Das ist einfach lächerlich", stößt er aus. "Die griechische Polizei hat mir gesagt, ich bekäme in der Türkei die 6.000 Euro zurück, die ich dem Schlepper gezahlt habe. Ich habe das geglaubt!"

Stattdessen habe man ihn und ein Dutzend anderer Flüchtlinge in einem Bananenboot übers Meer verfrachtet und dann per Bus in ein geschlossenes Lager in Düziçi gekarrt, im Süden der Türkei. Niemand habe dort gefragt, ob sie Asyl beantragen wollten. Er habe nie einen Anwalt gesehen. Das war im April. Vor zwei Wochen hat man Mehmet dann einfach gehen lassen.

Mit seinem letzten Geld sei er nach Bursa gefahren, sagt Mehmet. Jetzt führt er hier ein türkisches Flüchtlingsleben: Er schläft zwischen den feuchten Wänden eines Rohbaus, auf einem schmutzigen Teppich unter einem orangen Frotteelaken. Im Nachbarzimmer hausen syrische Kinder: Zehn-, Zwölfjährige, die helfen, ihre Familie zu ernähren, als Teeverkäufer, Schuhputzer, Straßenkehrer. Manche von ihnen sieht Mehmet abends auf der Straße Klebstoff schnüffeln.

Mehmet hat einen Gaskocher für Tee und Reis. Reis ist gut, Reis mögen die Ratten nicht so gerne. Gut sind auch: der Bäcker, der ihm regelmäßig ein Simit zusteckt, einen Sesamkringel; der Vorarbeiter, der ihn manchmal duschen lässt; der Imam, der die Flüchtlinge im Ramadan zum Fastenbrechen einlädt.

Mehmet will nicht fotografiert werden, und seine Angaben lassen sich nicht überprüfen, auch weil er seinen wahren Namen nicht nennen will. Er will sich seine Chancen auf einen Umzug nach Deutschland nicht verderben. Mehmet hat noch nie etwas von Gerald Knaus gehört, aber auch er hofft inständig, dass der "Merkel-Plan" aufgeht. Denn obwohl manche Politiker es am liebsten vergessen würden – es ist ja ein zentraler Bestandteil des Plans, dass Menschen legal nach Mitteleuropa kommen können.

Bislang sind im Rahmen des Abkommens 711 Flüchtlinge aus der Türkei in die EU gebracht worden. 711 von drei Millionen.

Als das Abkommen im März geschlossen wurde, verkündete Amnesty International: "Das ist ein dunkler Tag für Europa und ein dunkler Tag für die Menschheit." Alle großen humanitären Organisationen sind bis heute gegen das, was sie als einen schmutzigen Deal ansehen. Gerade hat Ärzte ohne Grenzen bekannt gegeben, kein Fördergeld der EU mehr anzunehmen.

Ein ausführlich recherchierter Bericht von Amnesty, der in der vergangenen Woche erschien, zählt Fälle auf, in denen die Türkei Flüchtlinge wieder nach Afghanistan und sogar nach Syrien zurückgeschickt hat, anstatt deren Asylgesuch zu prüfen. Für diese Menschen hat sich kein Weg nach Europa eröffnet, nur der Rückweg in den Krieg. So hatte Knaus sich das nicht gedacht, als er in Paris im Café seinen Plan formulierte.

Gerald Knaus hat den Bericht nicht nur gelesen. Er hat sich auch mit dem Autor getroffen. Nach seinem Besuch auf Lesbos ist er viel herumgereist. Er war im niederländischen Parlament und bei der Nato in Rom, er hat mit Studenten in Budapest diskutiert und mit türkischen Diplomaten. Zwischendurch ist er nach Wien gehetzt, um seine krebskranke Mutter zu besuchen.

Knaus kennt in diesen Tagen nur ein Ziel: Er will sein Abkommen retten. Er will zeigen, dass sich Mitgefühl und Kontrolle verbinden lassen. Nichts falscher, glaubt er, als jetzt auf die Orbán-Philosophie einzuschwenken und einfach die Grenzen dicht zu machen. Europa hat keine Wahl, es muss Flüchtlinge aufnehmen, es muss weiter zusammenarbeiten, und es muss auf die Kritik der Menschenrechtsorganisationen reagieren, zum Beispiel indem es eine Taskforce aus Beamten und Experten in die Türkei schickt. Sie könnten sicherstellen, dass das Land ein Ort ist, an dem Flüchtlinge fair behandelt werden. Alle Interessen vereinbaren – das ist die Philosophie des Gerald Knaus.

Wenn Knaus in den vergangenen Tagen nicht unterwegs war oder am Krankenbett seiner Mutter wachte, dann saß er wieder in seinem Stammcafé in Paris. Er schrieb dort an einem neuen Bericht. Ein Scheitern des Abkommens, tippte Knaus in sein Notebook, wäre für alle eine Katastrophe: für Griechenland, die Türkei, die ganze EU. Und diese Katastrophe werde kommen, wenn sich nicht bald etwas ändere.

Am Mittwoch um 24 Uhr, wenn diese Zeitung schon gedruckt ist, will Knaus wieder auf "Senden" drücken. Am Donnerstagmorgen, wenn diese Ausgabe erschienen ist, werden Politiker, Diplomaten und Beamte in Berlin, Ankara, Athen, Brüssel, Paris und anderswo auf dem Kontinent eine Mail mit Anhang in ihrem Posteingang finden. Gerald Knaus wartet darauf, dass Europa ein zweites Mal auf ihn hört.