Die Filmsequenz dauert 28 Sekunden. 28 Sekunden, aufgenommen mit einer Handykamera, die Gina-Lisa Lohfink beim Sex mit zwei Männern zeigen. 28 Sekunden, in denen zu hören ist, wie Lohfink mit schwerfälliger Stimme "Hör auf" sagt, als einer der Männer ihr während des Geschlechtsverkehrs an den Hals fasst. "Hör auf", sagt sie auch, als einer ihr seinen Penis in den Mund stecken will. 28 Sekunden, die bis heute im Internet abrufbar sind, auch wenn eine längere Version mittlerweile aus dem Netz genommen wurde.

Über dieses Sexvideo existieren zwei Geschichten: Die erste ist die, die Gina-Lisa Lohfink erzählt. Sie handelt von einer Vergewaltigung und von einer ignoranten Justiz, weil die Berliner Staatsanwaltschaft einer wie ihr – Model, Schauspielerin und Partygirl – nicht glauben will. Die andere Geschichte ist die, die sich aus den Ermittlungsakten ergibt. Sie erzählt von einvernehmlichem Sex, zärtlichen SMS an einen angeblichen Vergewaltiger und widersprüchlichen Aussagen.

Ihren Anfang nehmen beide Geschichten an einem Samstag vor vier Jahren. Es ist der Abend des 2. Juni 2012, Gina-Lisa Lohfink feiert im VIP-Bereich des Berliner Nachtclubs Maxxim, der Champagner geht aufs Haus. Mit von der Partie ist auch Pardis F., ein sportlicher Typ, der als Profifußballer durchstarten will. Er und Gina-Lisa haben sich am Tag zuvor kennengelernt und die Nacht gemeinsam in Lohfinks Hotelzimmer verbracht. An diesem Samstagabend nun landen sie später in der Wohnung von Pardis’ Kumpel Sebastian C. Der arbeitet als VIP-Betreuer im Maxxim. In seiner Wohnung haben die drei Sex, den beide Männer mit ihren Handys filmen. Einige dieser Aufnahmen versuchen sie am Tag darauf an die Bild-Zeitung zu verkaufen. Ein schmutziges Geschäft.

"Zu viele meinen, sie hätte ihr Recht verwirkt", schreibt die "FAZ"

An dieser Stelle ist ein kurzer Vorgriff nötig: Die Ermittlungen enden mit drei Strafbefehlen – je einer gegen Pardis F. und Sebastian C., weil sie die Videos aufgenommen und verbreitet haben. Der dritte Strafbefehl ergeht Ende 2015 gegen Gina-Lisa Lohfink – wegen falscher Verdächtigung. Und mit diesem Strafbefehl nimmt die Geschichte von Gina-Lisa Lohfink richtig Fahrt auf: Aus der C-Prominenten mit Schmuddelimage wird nun die Symbolfigur einer Reform des Sexualstrafrechts. Jetzt kann sich Lohfink sogar erlauben, Bundesjustizminister Heiko Maas höchstpersönlich zu ihrem Prozess einzuladen, damit er sich mal ein Bild machen könne, "wie in der Praxis mit Rechten von Opfern sexueller Gewalt umgegangen wird". In der solidarischen Aufschreistimmung ist allerdings eine entscheidende Frage untergegangen: Wurde Gina-Lisa Lohfink überhaupt ein Opfer sexueller Gewalt? Stimmt es tatsächlich, was sie über die Geschehnisse jener Nacht mit Pardis F. und Sebastian C. berichtet?

Gina-Lisa Lohfink hat bei ihrer Vernehmung durch die Polizei von K.-o.-Tropfen erzählt. Sie habe einen Filmriss gehabt, wisse nicht einmal, wie sie in die Wohnung dieses Sebastian C. gekommen sei. Woran sie sich jedoch genau erinnern will, sind mehrere Fluchtversuche aus der Wohnung, ihre Hilferufe, ihr "Nein" zum Sex. Zwar sind in den sichergestellten Handyaufnahmen der beiden Männer weder ein Fluchtversuch zu sehen, noch ein Hilferuf zu hören, aber immerhin dokumentieren sie eindeutig Lohfinks "Hör auf" und "Nein".

Ist das nicht Beleg genug, dass der Sex gegen den Willen von Lohfink stattgefunden hat? Oder bezieht sich das Nein, wie manche annehmen, in erster Linie auf das Filmen? Ist das Sexualstrafrecht tatsächlich zu zahnlos, wie es Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit Bezug auf Lohfink beklagt, die ja durch den Strafbefehl nun nicht mehr Opfer ist, sondern Täterin? Oder sind die Vorurteile gegenüber einer Frau mit Erotikmessen-Erfahrung und fragwürdigem Image so tief verankert, dass sich ihnen selbst eine ermittelnde Staatsanwältin nicht entziehen kann? "Zu viele meinen, sie hätte ihr Recht verwirkt", schrieb beispielsweise die FAZ.

Doch bei näherem Hinsehen hat die Entscheidung im Fall Gina-Lisa Lohfink weder mit einem reformbedürftigen Sexualstrafrecht noch mit Vorurteilen zu tun. Sie stellt sich vielmehr dar als das Resultat einer Ermittlungsarbeit von Fachleuten, die sich seit Jahren mit Sexualdelikten befassen.

Von dieser Arbeit handelt die andere Geschichte, die in den Akten zu finden ist. Diese Geschichte beginnt mit Lohfinks Strafanzeige wegen unerlaubter Verbreitung von Ton- und Bildaufnahmen, die einvernehmlichen Sex zwischen Gina-Lisa Lohfink und den beiden Männern zeigen. "Einvernehmlich" – so steht es in dem Fax, das Lohfinks damaliger Rechtsanwalt am 8. Juni 2012 um 13.42 Uhr an die Staatsanwaltschaft Berlin schickt.