Margaret Thatcher will keine Zweifel aufkommen lassen, auf welcher Seite sie steht. Dafür ist sie bereit, auch Risiken zu tragen. An dem Frühsommertag 1975, als die Briten über den Verbleib in der Europäischen Gemeinschaft (EG) abstimmen, schlüpft die Vorsitzende der Tories in ein enges, dicht bedrucktes Oberteil. Modisch gewagt, aber politisch eindeutig, prangen darauf die Flaggen der neun EG-Länder, die französische Trikolore und der dänische Dannebrog gleich neben dem Union Jack. "Ein für alle Mal", fordert Thatcher, müsse im Referendum die Frage beantwortet werden, welchen Platz das Vereinigte Königreich künftig einnehmen wolle: "Wir gehören zu Europa."

Die Eiserne Lady als bunt gescheckte Europäerin – zwanzig Jahre später hätte Thatcher dieses Bild am liebsten aus den Archiven gelöscht. Das Referendum über die EG-Mitgliedschaft sei ihre erste Herausforderung als Parteivorsitzende gewesen, schreibt sie in ihren 1995 erschienenen Memoiren. Es klingt beinahe wie eine Entschuldigung, ungewohnt kleinlaut fügt sie hinzu: "Aus einer Vielzahl von Gründen hätte ich ein anderes Thema bevorzugt." Europa sei damals eigentlich "Teds Sache" gewesen.

"Ted", das ist Edward Heath, Thatchers Vorgänger an der Spitze der Tories. Als Premierminister führt er das Vereinigte Königreich 1973 in die Europäische Gemeinschaft, zu der neben der Wirtschaftsgemeinschaft auch die Montanunion und die Atomgemeinschaft zählen. Heath liebt die französische Literatur. Als junger Mann hat er Frankreich, Spanien und Deutschland bereist, ihm ist der Beitritt eine Herzenssache. Die meisten seiner Mitstreiter versprechen sich davon, sehr viel nüchterner, vor allem wirtschaftliche Vorteile. Der Versuch Großbritanniens, mit der viel loseren Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) ein Gegengewicht zur EG zu schaffen, hat nichts ergeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Der Beitritt gelingt im dritten Anlauf, zweimal hat sich Paris in den Weg gestellt. Doch kaum scheint das Schicksal des Vereinigten Königreichs als Teil der EG beschlossen, steht diese Entscheidung auch schon wieder infrage. Nur zwei Jahre später wird auf der Insel ein erbitterter politischer Kampf ausgefochten.

Zum ersten Mal in der Geschichte der EG sollen die Bürger eines Mitgliedsstaats per Referendum darüber entscheiden, ob ihr Land Teil der Gemeinschaft bleibt. Leave oder remain, gehen oder bleiben – das ist die Alternative. Auch für Großbritannien ist diese Abstimmung eine Premiere: Niemals zuvor in der dreihundertjährigen Geschichte des Königreichs wurde eine politische Entscheidung in einer Volksabstimmung getroffen.

Im Juni 1970 hatten in Brüssel die Beitrittsverhandlungen begonnen, kurz darauf schrieb der linke Labour-Abgeordnete Tony Benn an die Wähler in seinem Wahlkreis: "Wenn die Menschen an dieser Entscheidung nicht beteiligt werden, wird sich niemand jemals wieder ernsthaft (an politischen Entscheidungen) beteiligen." Benn war anfangs noch für einen Beitritt, später wechselt er die Seite. Sein Argument für ein Referendum ist grundsätzlicher Natur. Die Mitgliedschaft in der EG, so Benn, bedeute einen wesentlichen Verlust von Souveränität und habe daher "große verfassungspolitische Bedeutung".

Am rechten Rand der Tories wächst das Unwohlsein, je weiter die Verhandlungen in Brüssel fortschreiten. Wortführer der Beitrittsgegner ist Enoch Powell, ein scharfkantiger Konservativer und ehemaliger Minister, der mit fremdenfeindlichen Reden Aufsehen erregt hat. Viele, nicht nur Tony Benn, halten ihn für einen Rassisten. Auch Powell fordert ein Referendum.

Bei den Konservativen wie bei Labour bleibt diese Forderung lange Zeit ungehört. Im Mutterland der parlamentarischen Demokratie gelten Volksabstimmungen als "unbritisch". Noch im Wahlkampf 1970 hat nicht nur Edward Heath, sondern auch der bis dahin amtierende Premier und Labour-Vorsitzende Harold Wilson jeden Gedanken an ein Referendum zurückgewiesen. Erst als Wilson in den eigenen Reihen unter Druck gerät, ändert sich die Situation.