Die Augenklappe gehört zum Piraten-Klischee wie das Holzbein, der Haken als Hand-Ersatz und der Papagei auf der Schulter. Und es gibt gleich mehrere Theorien dafür, warum die Freibeuter früher eine schwarze Klappe überm Auge getragen haben sollen.
Die nächstliegende Erklärung: Sie verloren ihr Auge bei einer der vielen Säbelfechtereien. Aber warum ausgerechnet das Auge und nicht etwa das Ohr? Eine andere Erklärung zitiert der Fragesteller dieser Woche in seiner E-Mail: Die Steuerleute hätten damals beim Blick durch den Sextanten manchmal unbeabsichtigt direkt in die Sonne geschaut, so sei auf die Dauer ein Auge erblindet.
Und dann gibt es noch die Leute, die sagen: Unter der Klappe verbarg sich in Wirklichkeit ein gesundes Auge. Beim Entern von Schiffen habe der Kampf mal auf Deck und mal unter Deck getobt. Wenn der Pirat vom Hellen ins Dunkle kam, hätte er schnell die Klappe abgenommen. Während der Gegner noch eine halbe Minute brauchte, um seine Augen an die Dunkelheit zu adaptieren, habe der Pirat sich sofort orientieren können und so einen Vorteil gehabt. Dass der Trick tatsächlich funktioniert, wurde einmal in der Fernsehsendung Mythbusters demonstriert.
Doch alle diese Erklärungen setzen voraus, dass die Augenklappe unter Piraten weit verbreitet gewesen wäre. Das aber kann man getrost bezweifeln. Sicherlich gab es einzelne Fälle von Seeräubern, die ein Auge verloren, sei es im Kampf oder auch durch eine Krankheit. Der eine oder andere von ihnen mag auch eine Klappe getragen haben. Es gibt jedoch keine zeitgenössischen Darstellungen von beklappten Piraten aus dem Goldenen Zeitalter der Piraterie, das um 1730 endete. Das Stereotyp entstand erst 100 Jahre später, und richtig populär wurde es durch die Cartoons des 20. Jahrhunderts.
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Kommentare
Die Piraten trugen eine Augenklappe, weil sie nicht immer ein Auge zukneifen wollten, wenn sie durch ihr Fernrohr schauten.
Da war so eine Augenklappe praktisch und wurde an Deck oft getragen.
Spätestens im 16. Jahrhundert kam es in Mode, zu feierlichen Anlässen und beim Modellstehen für Gemälde, Augenklappe zu tragen.
Sie gehörte zum Business-Look der Piratenbranche und wurde Standard-Accessoir, vergleichbar der heutigen Krawatte.
Ohne Augenklappe auf der Brücke zu stehen war für jeden stilbewussten Piraten ein No-Go, außer am casual friday.
Das einheitliche Schwarz der Augenklappen setzte sich übrigens erst nach Ende des Barocks durch.
Bei den echten Piraten verschwanden die Augenklappen übrigens aber bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts, zur gleichen zeit nämlich, als in den Metropolen Europas die Hipster sich den Piratenlook "ironisch" zu eigen machten und den Gehrock mit glitzernden, samtbespannten Augenklappen kombinierten.
Lach, das ist doch mal eine einleuchtende Erklärung. Aber noch nicht genau auf den Punkt gebracht.
Die Piraten trugen eine Augenklappe, um Schieleffekte bei der Sichtung der feindlichen Schiffe zu vermeiden. Wär ja blöd, wenn man zwei Schiffe sieht, aber nur eines ist da. Die haben zwar nicht alle geschielt, aber das hat keine Rolle gespielt. Sicher ist halt sicher. Außerdem sieht's cool aus. Ein paar Oberpiraten sind damit angefangen und die anderen haben es dann nachgemacht. Letzlich wurde es dann tatsächlich eine Mode. So wie bei uns die Hüte in den fünfziger und sechziger Jahren.
Warum Piraten eine Augenklappe trugen? Naja, zwei Augenklappen zu tragen wäre blöd.
Wo hat die Augenklappe heute noch ihren Sitz im Leben? Genau - bei den Sportschützen, die ein Auge abdecken, um mit dem anderen besser visieren zu können. Und das dürfte der ursprüngliche Sinn von Augenklappen bei Piraten gewesen sein, der scharfe Blick auf den Horizont. Beweis? Kann man bei Alexandre Olivier Exquemelin, De Americaensche Zee-Rovers, 1678, nachlesen. Dort steht, daß die die Bukaniere eine Zusatzprämie von 100 Piastern für denjenigen vereinbarten, der als erster ein Beuteschiff gemeldet hatte. Na bitte - es ging schlicht um die Moneten.
Spähen ist optisch eine andere Sache als Visieren.
Beim Letzeren bilden Sie eine Linie auf der Kimme, Korn und Ziel liegen.
Und vernünftigerweise nur ein Auge.
Wobei Ihre Erklärung Sinn macht, wenn ein Feldstecher/Sehrohr zum Einsatz kommt.
Dann braucht man das andere Auge nicht zuzudrücken und erspart sich zudem auch eine lästige Faltenbildung, die einen alt aussehen lässt....
...oder falls man sich (bei Sonnenauf- und -untergang) ein Auge dunkeladaptiert behalten lassen möchte für den Blick in die sonnenabgewandte Richtung.