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Es gibt alte Häuser, deren Balken und Träger so schief und wacklig geworden sind, dass Architekten sich bei ihrem Anblick fragen, warum sie nicht längst eingestürzt sind. Statische Instabilität heißt dieser Zustand. Manchmal steht so ein Haus nur noch, weil die Tapeten die Wände halten.

Von der Nato, dem vermeintlich schlagkräftigsten Verteidigungsbündnis der Weltgeschichte, kann man nach ihrem größten Militärmanöver seit Ende des Kalten Krieges Ähnliches sagen. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier warnte zwar angesichts des Aufmarschs von mehreren Zehntausend Nato-Soldaten in Osteuropa vor "Säbelrasseln und Kriegsgeheul" an der Grenze zu Russland. Wenn aber die Militärexperten im Kreml die Übungen der vergangenen Wochen tatsächlich als bedrohlich wahrgenommen haben sollten, wäre das ziemlich gnädig von ihnen. Die Geräusche, die die Nato während des Großmanövers Anakonda in Polen aussandte, waren eher Ächzen und Knirschen. Sowohl politisch wie militärisch wirkt das Bündnisversprechen des gegenseitigen Beistands äußerst brüchig. Wenn aber die Einlösbarkeit ihres Kernversprechens zweifelhaft ist – lebt die Nato dann eigentlich noch? Oder ist sie hinter der politischen Tapete längst tot?

Aus dem Helikopter betrachtet, ist die Landschaft im Nordosten Polens eine Idylle. Auf den masurischen Seen ziehen Segelboote kleine weiße Striche im Wasser, Ferienhäuser säumen die Ufer. Die Soldaten an Bord des Black-Hawk-Hubschraubers aber sehen etwas anderes: Probleme. Ein schwer zu durchquerendes Terrain. Flüsse, die überwunden werden müssen. Marschland, in dem Radfahrzeuge stecken bleiben könnten. General Ben Hodges, Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, klickt auf die Taste für den Bordfunk und tippt auf die Karte, auf der er den Flugverlauf verfolgt. "Die Geografie ist für die Verteidiger nicht gerade ein Vorteil", sagt er. Auch deswegen fordern die Polen von ihren Nato-Partnern die Versicherung, im Notfall mit vereinten Kräften zu Hilfe zu eilen.

Doch wie begrenzt die Solidarität ist, zeigte sich schon in der Planungsphase für den Übungsfall. Das Manöver Anakonda gilt offiziell nicht als Nato-, sondern als ein nationales polnisches Manöver. Zwar nehmen 25.000 Soldaten aus 22 Nato-Staaten teil – "aber einige Staaten wie Deutschland und Frankreich fanden es zu provokativ Russland gegenüber, es eine Nato-Übung zu nennen", sagt Hodges durch den Rotorenlärm. Ob das nicht etwas bizarr sei? Der General zuckt mit den Schultern. "Die Russen vergleichen das Manöver mit dem Unternehmen Barbarossa", sagt er, also mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Jahr 1941. Offenbar, so lässt sich Hodges’ Schulterzucken deuten, lasse sich der eine oder andere Politiker wohl etwas zu sehr von Moskaus Propaganda beeindrucken.

Die polnische Regierung will das Manöver vor allem als Reaktion auf Großübungen der russischen Armee verstanden wissen. Die habe im vergangenen Jahr mit 95.000 Soldaten Angriffsszenarios an der Grenze zur Nato durchgespielt, heißt es aus dem Bündnis. Schon früher sei ein Schlag mit Atomraketen auf Warschau geprobt worden sowie Angriffe auf die drei baltischen Staaten, und zwar unter dem Manövernamen Zapad (russisch für: Westen). Mit einem Rüstungsetat in Höhe von etwa 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wendet die russische Regierung mehr als doppelt so viele Steuermittel für seine Streitkräfte auf wie die europäischen Nato-Staaten.

Landung mit dem Black-Hawk-Hubschrauber in Węgorzewo, einer Kleinstadt keine zwanzig Kilometer südlich der russischen Enklave Kaliningrad. Im Innenhof einer polnischen Kaserne hat die 4. US-Infanteriedivision aus Fort Carson, Colorado, ein Quartier aus kugelförmigen Hightech-Zelten aufgeschlagen. Die Kuppeln strahlen ockergelb in der Sommersonne, genau wie die Humvees auf dem Parkplatz. Der Wüstentarnanstrich sticht in der mitteleuropäischen Wiesenlandschaft heraus wie eine Signalfarbe. "Sollten wir wohl mal umlackieren, was?", scherzt ein Offizier.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Im Inneren des Hauptzeltes drängen sich Soldaten an vier langen Tischreihen voller PCs. Der Kampf findet hauptsächlich am Bildschirm statt. "Aber wenn der Strom ausfällt oder wir gehackt werden", sagt ein Presseoffizier, "haben wir noch das hier." Er weist auf einen Kartentisch mit beschrifteten roten und blauen Pokerchips. Sie zeigen die taktische Lage, und die sieht so aus: Die "Bothnier" (wie die russische Armee hier heißt) sind von Norden aus in Polen eingefallen, sie wollen die Ölreserven des Landes einnehmen. Unterstützt werden sie von irregulären Truppen aus dem Süden (den man für Weißrussland halten könnte) und einem "Informationskrieg" (gemeint ist Kreml-Propaganda). Schon 100.000 Menschen befinden sich auf der Flucht in Richtung Süden, auf ebenjenen Straßen, die die Nato-Truppen nutzen müssten, um nach Norden vorzustoßen.

Die Karte mit den Pokerchips ist nur scheinbar fiktiv. Tatsächlich zeigt sie einen Landstrich, den Strategen für den derzeit verletzlichsten Teil des Bündnisgebietes halten, einen etwa 120 Kilometer breiten Streifen entlang der polnisch-litauischen Grenze, der im Norden an Kaliningrad, im Süden an Weißrussland stößt. Durch diesen Korridor, die "Suwalki-Lücke", wie ihn die Nato nennt, müssten sämtliches Gerät und aller Nachschub geschafft werden, der nötig wäre, um die baltischen Staaten zu verteidigen. Um dort hinzugelangen, hätten die Verbündeten allenfalls zwischen 36 und 60 Stunden Zeit, bevor die russischen Truppen die estnischen und lettischen Hauptstädte Tallinn und Riga einnehmen würden. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine aufwendige Simulationsstudie des renommierten US-Thinktanks RAND.

Der Nato bliebe nur der Versuch der Rückeroberung. Doch dieser, so die RAND-Vorhersage, würde "im Desaster" enden. Die Nato-Bataillone wären den gepanzerten Verbänden Russlands zahlenmäßig weit unterlegen, sie könnten nicht einmal Kampfpanzer aufbieten. Von der hochgerüsteten Hafengarnison Kaliningrad aus könnte die russische Armee zudem sowohl die Ostsee für Kriegsschiffe blockieren wie auch den Suwalki-Korridor mit schwerem Artilleriefeuer belegen. "Im Großen und Ganzen", so die RAND-Studie, "wäre die Infanterie der Nato nicht einmal imstande, sich zurückzuziehen. Sie würde an Ort und Stelle zerstört werden."

General Hodges bestreitet diese Analyse ebenso wenig wie andere Nato-Vertreter. "Es stimmt, Russland könnte die baltischen Staaten schneller erobern, als wir dort wären, um sie zu verteidigen", sagt er. Der Befehlshaber impft den Manöverspielern deshalb überall, wo er hinfliegt, "Geschwindigkeit" ein. Aus jedem Mangel, den Hodges sieht, wird sofort eine E-Mail, die er per Blackberry an die Verantwortlichen schickt.

"For god’s sake ...", stöhnt der General, als er hört, was in den gelben Zelten von Węgorzewo das Problem ist.