Gerät einer im Internet unter Feuer: Shitstorm. Wahrscheinlich kennen Sie den Ausdruck, seit drei Jahren hat er seinen eigenen Platz im Duden. Ein Shitstorm war zum Beispiel, als Tausende von geplagten O₂-Kunden die Standardausflucht des Unternehmens, ihr Problem sei eine Ausnahme, mit dem Hashtag "Einzelfall" ad absurdum führten. Ein Shitstorm war es, als Nestlé versuchte, die Aktivisten von Greenpeace mundtot zu machen. Der Konzern ließ Videos der Umweltorganisation aus dem Netz entfernen, die zeigen sollten, wie das Unternehmen den Lebensraum von Orang-Utans zerstört – nur damit diese Videos kurz darauf von Tausenden empörten Internet-Usern wieder hochgeladen wurden und Nestlé deutlich mehr schadeten.

So hässlich es klingt, das Wort Shitstorm hat einen positiven Kern. Ein Shitstorm bedeutet verdienten Ärger, eine wüste, aber letztlich faire Abreibung. Ein Shitstorm ist Anarchie, die funktioniert. Inzwischen brauchen wir deswegen wohl ein neues Wort: den Shamestorm. Denn verdient, fair, funktionierend – all diese Attribute passen schwerlich auf viele der Empörungswellen, die heute durch das Netz schwappen.

Siehe, brisant und aktuell, den Fall Jacob Appelbaum. Appelbaum ist Journalist, Aktivist und Hacker, ein Amerikaner in Berlin. Als Programmierer hat er an Netzwerken gearbeitet, in denen sich Whistleblower und ihre Quellen anonym bewegen können. Am 2. Juni schmiss Appelbaum seinen Job hin, wahrscheinlich um seiner Kündigung zuvorzukommen. Fast zeitgleich ging eine Website online, auf der namenlose Autoren schwere Anschuldigungen gegen ihn erheben: sexueller Missbrauch, Plagiat, Nötigung.

Man könnte das als Heimsuchung betrachten. Der Freund der Whistleblower Appelbaum wird von Whistleblowern attackiert. Er wird wegen Vorwürfen, deren Substanz noch nicht bewiesen wurde, an den globalen Netzpranger gestellt: Schande über ihn. Shamestorm.

Als der Shitstorm populär wurde, in den frühen Jahren von Twitter, erlebte das Netz eine Demokratisierung der Diskussionskultur. Auf einmal konnte jeder Shell, Erika Steinbach oder den Papst auf großer Bühne in 140 Zeichen angehen. Doch bei der Entwicklung zum Massenmedium blieb das Verbundenheitsgefühl der Twitter-Pioniere auf der Strecke. Was als Gemeinschaft von Nerds und Nachrichtenfreaks begonnen hatte, wurde mit wachsender Nutzerzahl heterogener, anonymer, zerstrittener: Aus "wir gegen die" wurde "jeder für sich" – und immer öfter "alle auf einen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Von der leichtherzigen, subversiven Mentalität des Shitstorms ist nicht mehr viel übrig. An ihre Stelle ist ein humorloser Kampfgeist getreten, der vermeintliche Verfehlungen mit schrillem Gezeter anprangert. Und diese Shamestorms sind nicht Gegenwind für das Establishment, sondern Naturgewalten, die jeden treffen und vernichten können, der sich unvorsichtig, töricht und vielleicht geschmacklos im Netz äußert.

So geschmacklos wie Niels Ruf zum Beispiel. Als der frühere Fernsehmoderator nach dem Tod des Jazzsängers Roger Cicero twitterte, er habe zwei Karten für dessen Konzert zum halben Preis abzugeben, verfiel das Netz so sehr in Rage, dass diverse Zeitungen und Magazine berichteten (Bunte: "Dieser Tweet von Niels Ruf regt ganz Deutschland auf!"). Als der Journalist Tilo Jung am Weltfrauentag 2015 ein Foto twitterte, auf dem ein Mann einen Tritt in den Rücken einer Frau andeutete, brachte das die Netzgemeinde derart auf, dass Jung sich trotz klarer, öffentlicher Reue für eine Weile zurückziehen musste und kaum noch Aufträge bekam.

Shamestorms können auch Menschen treffen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Wie Justine Sacco, ihr Fall wurde international bekannt. Die frühere PR-Chefin des Medienunternehmens IAC, dem Tinder und Vimeo gehören, versandte Ende 2013 vom Flughafen Heathrow einen giftigen Scherz an ihre 170 Twitter-Follower: "Auf dem Weg nach Afrika. Hoffentlich kriege ich kein Aids. Nur ein Scherz: Ich bin ja weiß!" Als sie zwölf Stunden später in Kapstadt landete, war von ihrem Leben nicht mehr viel übrig. Während des Fluges hatte ein amerikanischer Journalist ihren Tweet entdeckt und an seine 15.000 Follower weitergetwittert. Binnen weniger Stunden wurde Sacco auf dem Kurznachrichtendienst zum weltweit diskutierten Thema, ihre Profilseite ächzte unter Zehntausenden Kommentaren, die von beleidigend ("Geht alle und meldet diese Fotze") bis bedrohend reichten ("Jemand mit HIV muss die Hure vergewaltigen, dann sehen wir, ob ihre Hautfarbe sie schützt"). Den weiteren Verlauf kann man sich denken: Durchforsten ihrer Vergangenheit auf kleinste Fehltritte (BuzzFeed: "16 Tweets, die Justine Sacco bereut"), Kündigung. Häme, Morddrohungen, Isolation.

Die Schande im Netz lässt sich nicht einfach abwischen

Vieles an Saccos Fall ist typisch für die Mechanismen des Shamestorms: Am Anfang steht ein echter, aber nicht allzu gravierender Fehltritt des Betroffenen. Wer im Netz veröffentlicht, vergisst womöglich manchmal, dass er sich auf der größten Bühne der Welt bewegt. Wird so ein Ausrutscher zufällig von einem ungnädigen Meinungsmacher entdeckt und verbreitet, wird er schnell viral. Die Masse der Empfänger rottet sich zur Meute zusammen und beginnt unter dem Banner der Moral mit der gesellschaftlichen und psychologischen Vernichtung des Frevlers. Die geht umso leichter von der Hand, als man sie im Internet über beliebige Distanz betreiben kann. Das ist komfortabler und braucht auch weniger Überzeugung als zu früheren Zeiten, da man sich auf den Dorfplatz begeben musste, um die Büßer am Pranger mit faulem Obst zu bewerfen. Im Gegensatz zum Obst lässt sich die Schande im Netz auch nicht einfach abwischen: Bis an Saccos Lebensende wird jeder Arbeitgeber und jeder Flirtpartner, der ihren Namen googelt, als Erstes auf die Geschichte ihres unseligen Flughafen-Tweets stoßen. Gerichtliche Gegenwehr ist schon aus praktischen Gründen kaum möglich: Die unzähligen, rund um den Globus verteilten und oftmals anonymen Peiniger kann kein Mensch allesamt identifizieren, geschweige denn verklagen. Die Verantwortung der Anklagenden löst sich in der Masse auf wie die Gesichter der Menschen in einem Mob. Und während jede Replik auf Justine Saccos Tweet für sich betrachtet vielleicht eine Lappalie war, kamen alle zusammen einer Steinigung gleich.

Im Fall von Jacob Appelbaum geht es nun um einen ungleich schwereren Vorwurf als den bloßer Geschmacklosigkeit: Auf der Website, die gegen ihn zu Felde zieht, wird behauptet, Appelbaum sei vielen seit Jahren als sporadischer Vergewaltiger bekannt. Zur Polizei, schreiben die Betreiber, sei man deswegen allerdings nicht gegangen; denn "unsere Community vertraut der Polizei nicht". Die Öffentlichkeit wolle man aber auf diesem Wege endlich einmal vor Appelbaum warnen. Menschen, die sein aggressives Sexualverhalten erlebt oder erlitten hätten, werden von den Betreibern aufgefordert, selbst einen Bericht einzureichen, aber tunlichst anonym, damit Appelbaum nicht etwa wegen Verleumdung vor Gericht ziehen oder seinen Beschuldigern sonst irgendwie schaden könne. Schaden soll die ganze Aktion ausschließlich ihm selbst, wie die Seite unverhohlen klarstellt: "Wir hoffen, dass diese Website Gruppen und Organisationen Anlass geben wird, eine Verbindung mit Appelbaum zu überdenken."

Derzeit sind auf der Prangerseite acht Berichte abrufbar, deren Inhalt von zwischenmenschlichen Schweinereien bis hin zu Vergewaltigungsvorwürfen reicht. Da berichtet etwa eine "Phoenix", wie Appelbaum bei einem Geschäftsessen in großer Runde offensiv mit ihr geflirtet, sie gefüttert und zur allgemeinen Erheiterung bemerkt habe, sie habe alles geschluckt. Und eine "River" erinnert sich an einen Abend, an dem Appelbaum und mehrere seiner Freunde gegen ihren Willen gemeinsam mit ihr Sex gehabt hätten, während sie unter Drogen gestanden habe.

Appelbaum bestreitet sämtliche Vorwürfe, bewiesen ist nichts und die jeweilige Anklägerin obendrein oft einzige Zeugin des angeblichen Geschehens. Dass es auf so dünner Grundlage jemals zu einer Verurteilung kommen wird, bezweifeln die Betreiber der Seite selbst: "Wir haben nicht viel Vertrauen in das Rechtssystem – deswegen haben wir beschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen." Auf die ist Verlass: Über die Anschuldigungen gegen Appelbaum wurde vom Guardian bis zur NZZ berichtet, an seine Hauswand haben Unbekannte "Hier lebt ein Vergewaltiger" gesprüht. Eines der ältesten Hackerkollektive, Cult of the Dead Cow, hat ihn schon ausgeschlossen.

Appelbaum müsse nun Abbitte leisten, fordern seine selbst ernannten Richter, die sich inzwischen aus der Anonymität wagen. Das ist der in seltener Deutlichkeit formulierte Versuch, eine Paralleljustiz zu errichten, die auf einen gerichtlichen Tatnachweis verzichtet und durch Schande und Ausgrenzung straft.

Die Zahl der Vorwürfe gegen Appelbaum legt nahe, dass sie zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Dass Appelbaum ein schwieriger Charakter und offensiver Flirter sei, hört man auch von Menschen, die nicht mit ihm zerworfen sind. Schon möglich, dass sein Auftreten taktlos, einschüchternd oder sogar kriminell war. Ebenfalls möglich aber, dass seine Anklägerinnen sich übersensibel, inkonsequent oder verlogen verhalten haben. Völlig unmöglich hingegen, derlei als Außenstehender zu sagen. Deshalb überlässt man Moralurteile gemeinhin dem persönlichen Umfeld – und Strafurteile der Justiz.

Eine Gesellschaft, die nicht in denunziatorischen Schlammschlachten und küchenpsychologischen Parteinahmen versinken will, darf sich nicht als Ersatzrichter einspannen lassen. Ein Gerichtsverfahren ist zwar kein perfekter Weg zur Wahrheitsfindung, aber der beste, den wir haben. Vorwürfe, die sich dem Rechtsweg nicht stellen wollen, sollten wir als nicht existent behandeln.

Dass der Volkszorn sich immer wieder einmal auf Einzelne entlädt, lässt sich in Zeiten der digitalen Öffentlichkeit nicht verhindern. Oft werden Individuen Opfer einer Wut, die eigentlich einer ganzen Gruppe gilt. Justine Sacco, die ignorante weiße Rassistin. Appelbaum, der erfolgreiche, egomane Sexist.

Was folgt daraus für uns? Vielleicht sollten Menschen, die gerade zum nächsten digitalen Steinwurf ansetzen, einmal innehalten und sich fragen, was von einem Prozess zu halten ist, der keinen Richter kennt. Die Opfer von Shamestorms haben selten eine andere Möglichkeit, als öffentlich zu Kreuze zu kriechen, unabhängig davon, wie schuldig sie sind. Die Rechtsordnung muss sich überlegen, ob und wie sie versuchen will, der Online-Justiz Herr zu werden. Dem Aufkommen von Shamestorms kann sie nicht vorbeugen.

Immerhin könnte sie helfen, haltlose Anschuldigungen aus dem kollektiven Gedächtnis zu entfernen, indem sie Suchmaschinen die Anzeige entsprechender Einträge untersagt. Das klingt bescheiden. Aber manchmal ist es das Beste, was die Gesellschaft ihren Bürgern anbieten kann: das Recht, vergessen zu werden.