Selbst Menschen, die dem Glauben an eine höhere Existenz nichts abgewinnen können, geraten ganz unvermutet in einen eigentümlichen Seelenzustand, wenn sie die Sphäre des Religiösen betreten. Auch sie können sich dem Sog des Andächtigen nicht entziehen. Unweigerlich kommt die Frage auf: Heiligt der Ort den Menschen oder der Mensch den Ort? Hallt in den heiligen Hallen ein spiritueller Echoraum zurück, oder wird der Mensch dort zu einer Membran, mit der der Glaube an das Göttliche ins Schwingen gerät?

Die aus Bonn stammende Fotokünstlerin Sandra Then arbeitet in Basel als Theaterfotografin. Sie hat sich für das Projekt "Eine Welt, viel Gott" mit ihrer Kamera an heilige Stätten der verschiedenen Weltreligionen begeben, um sich ein Bild zu machen von den Menschen, die die Begegnung mit Gott suchen oder unter seinem Dach ihren Glauben an ihn zelebrieren. Ihre großformatigen Bilder aus Jerusalem, Istanbul, Rom, Indien und Japan zeigen ein alles umspannendes Wesen der Religion, das von den religiösen Konflikten leider überlagert wird. Thens Blick ist kein folkloristischer, sie bedient nicht den Touristenaffekt, die religiöse Welt nur als kunterbuntes Spektakel, als oberflächliche Sehenswürdigkeit wahrzunehmen.

Die Künstlerin macht sich unsichtbar in jedem spirituellen Moment, zerstört ihn nicht durch ihre teilnehmende Beobachtung. Die Zurückhaltung, mit der sie die Betenden ablichtet, respektiert deren Würde. Denn innere Einkehr, die Zwiesprache mit Gott ist eine sehr intime, persönliche Angelegenheit. Da gebietet es sich von selbst, dem Betenden nicht zu nahe zu treten. Nicht umsonst wurden Eindringlinge, die sich unbefugt Zugang zu heiligen Kultstätten verschafften, bei den Azteken, Hindus und manchen Stammesreligionen wegen Tabuverletzung mit dem Tod bestraft. Es galt als Schändung des Heiligtums.

Religiöse Orte sind dagegen in den monotheistischen Weltreligionen, die das Menschenopfer abschafften, öffentliche Räume: Sie verwehren dem Gottsuchenden den Zugang nicht. Mit der Einladung zur Teilhabe am Ritual wird der Gast ein Teil dieser Sphäre. Umgekehrt wird der Hinzugestoßene sich durch Imitieren etwas zu eigen machen wollen. Nichts anderes passiert, wenn Menschen im Gottesdienst gemeinsam die Riten zelebrieren. Die Choreografie der Demut vor der höheren Macht, die Gesten des Niederkniens, des Niederwerfens, des sich Bekreuzigens oder des Schockelns, wie das Wippen der Betenden im Judentum heißt, ist festgeschrieben.

Jede Religion hat ihre eigenen Regeln ausgeprägt. Die Tatsache, dass die Schriftgelehrten jeder Glaubensrichtung ihre kultischen Handlungen bis ins kleinste Detail determiniert haben, verstellt den Blick dafür, dass hinter allem doch ein Gleiches steht. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Werke, die sich mit der Phänomenologie der Religion an sich beschäftigen, ohne bloße Anthropologie zu betreiben. Der Münchner Religionswissenschaftler Friedrich Heiler (1892–1967) verfasste einen Solitär mit dem Titel: "Erscheinungsformen und Wesen der Religion". Dieses Werk ist keine Religionsgeschichte, in der die einzelnen Glaubensrichtungen in jeweiligen Kapiteln getrennt vorgestellt werden, sondern es besticht dadurch, dass es die verschiedenen Glaubensinhalte und die damit verbundenen Praktiken in einen direkten Vergleich setzt.

Dabei stellt sich heraus, dass die Initiationen, die das religiöse Leben eines Gläubigen von der Geburt bis zum Tod begleiten, bei aller Verschiedenheit doch auch starke Gemeinsamkeiten aufweisen. Das ermutigte den Religionswissenschaftler, von übergeordneten Wesenszügen der Religion zu sprechen, die sich nur in mannigfaltigen Erscheinungsformen spiegeln.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Sandra Then scheint diese These massiv zu unterfüttern, wenn sie ihre Bilder aus den Moscheen in Istanbul, von der Klagemauer in Jerusalem, von indischen Hindutempeln oder vor buddhistischen Schreinen in Japan absichtsvoll und doch scheinbar intentionslos nebeneinanderstellt. Es wird deutlich: Jeder Mensch sucht doch, wenn er sich einer fremden Religion gegenübersieht, zunächst einmal das Eigene, indem er es über ähnliche kulturelle Grundmuster auslotet. Auf den zweiten Blick eröffnet sich ihm sein drittes, sein spirituelles Auge.

Dann blitzt, wie auf Thens Fotografien, im besten Fall jener magische Moment auf, in dem Gläubige mit ihrem Gott oder ihren Göttern in Gleichklang zu kommen scheinen. Das ist der Augenblick, in dem sich das Eigene im Fremden wiederfindet. Hat man diesen einmal erfahren, ist fortan jede Intoleranz gegenüber anderen Religionen nicht mehr möglich.