Der Himmel über London ist wie meistens bewölkt, die gläsernen Türme der City stehen noch, die roten Busse kriechen die Straßen mit derselben Langsamkeit entlang wie früher. Früher, das ist diese Ära, die am vorigen Donnerstag endete. Alles wirkt gleich, doch alles ist anders. Es ist, als habe sich das Bild im Kopf umgedreht, und dort, wo der Himmel war, verläuft nun die Straße. Die Ordnung ist aufgehoben. Ich erkenne das Land, in dem ich vier Jahre gelebt habe, nicht wieder. Es fühlt sich an wie nach einer Trennung.

Hier in Großbritannien; drüben auf dem Kontinent; noch weiter drüben in den USA; in den Sphären des Internets und der Finanzmärkte spaltet sich die Welt nun in zwei Hälften: Es gibt die, die mit dem Brexit den Sieg ihres Lebens errungen haben. Und die, denen etwas aus ihrem Herzen gerissen wurde. Was wollen die Gewinner mit ihrem Sieg erreichen? Wie gehen die Verlierer mit ihrer Niederlage um? Und wie sollen alle jetzt verdammt noch mal weitermachen?

Ein Pub in Westminster

Ich war so sicher, dass Remain gewinnen würde, dass ich im Wettbüro 100 Pfund darauf gesetzt hatte. Auch wenn alle Umfragen ein knappes Ergebnis vorhergesagt hatten, ging ich davon aus, dass sich die pragmatischen Briten für die Vernunft und gegen die Wut entscheiden würden. Doch am Morgen nach dem Referendum sehe ich auf meinem Handy als Erstes einen Newsletter mit dem Betreff "Independence Day". Beim Frühstück höre ich David Camerons Stimme brechen, als er seinen Rücktritt erklärt. Am Vormittag kündigt die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon an, die Bedingungen für ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum zu überprüfen.

Boom, boom, boom. Die Folgen des Referendums krachen wie Felsbrocken auf den Boden der Realität. Fünf Stunden nach der Verkündung des Brexits liegt die politische Landschaft Großbritanniens in Trümmern.

So ist das also, wenn Wahlen Wandel auslösen. So sehen also Wähler aus, die das zum ersten Mal begreifen. "Ich habe nicht geglaubt, dass meine Stimme etwas bewirkt! ", sagen nun einige Briten mit bedröppelten Gesichtern in die Kameras.

Ein Gefühl von Müdigkeit und Schwindel begleitet mich auf dem Weg in die Stadt. Ich schiebe mich vorbei an unbeschwerten Touristen, die die Themse fotografieren, und britischen Anzugträgern, die zu ihren Terminen eilen. Ich muss an Google denken, das acht Stunden nach Schließung der Wahllokale die beliebtesten Suchanfragen aus Großbritannien veröffentlicht hat.

Platz 1: Was heißt es, die EU zu verlassen?

Platz 2: Was ist die EU?

Platz 3: Welche Länder sind in der EU?

Ich passiere den Palast von Westminster. Mahnmal einer intelligenteren Zeit.

Auf dem Bürgersteig laufe ich in einen Mann mit einem roten Schild hinein, das mit lauter Unterschriften bekritzelt ist, wie ein Fußballtrikot. "Vote Leave – take back control" . Das Leitmotiv der Brexisten, im Wahlkampf so oft wiederholt, dass es an neurolinguistische Programmierung erinnerte. Es scheint gewirkt zu haben: Boris Johnson, Führungsfigur des Leave-Lagers, wird wahrscheinlich der Nachfolger von David Cameron. Eine Kampagne, die auf Lügen und Stimmungsmache basierte, soll aus den Trümmern dieses Landes ein neues Empire errichten. Kein Experte hatte an diesen Ausgang geglaubt. Alle hatten prognostiziert, dass die Menschen nicht gegen ihre wirtschaftlichen Interessen stimmen würden.

Was wir über die Regeln der Politik zu wissen meinten, war ein Irrtum. It’s not the economy, stupid! It’s immigration!

Der Mann, der das "Vote Leave"-Schild trägt, heißt Sean Howlett und war bis gestern Kampagnenmanager. Schmales Kinn, helles Haar, blauer Anzug. Er sei seit 36 Stunden wach, sagt er und wirkt wie besoffen vor Glück. Zwei Frauen in schwarzen Etuikleidern tanzen um ihn herum. Ein Polizist, der hinter dem Gitter von Westminster die Abgeordneten bewacht, grinst ihm zu. Fußgänger klopfen ihm auf die Schulter. Howlett führt eine kleine Gruppe zu einem Pub gegenüber der Downing Street.

"Happy Independence Day!", rufen die Brexisten und stoßen an. Die Regierungskrise, die mir Angst macht, gibt ihnen Hoffnung. "Raus mit den Alten und rein mit den Neuen!", jubeln sie.

Die Frauen sind stolz, denn sie kommen aus Basildon, in der Brexit-Welt so etwas wie ein Leuchtturm. Der Londoner Vorort ist die symbolische Heimat des kleinen Mannes – jenes Wählertyps, der entgegen allen Warnungen für den Austritt gestimmt hat. 70 Prozent für Leave! Glauben Sie, dass der Brexit Ihr Leben verändern wird? Die Frauen zucken die Schultern: "Wahrscheinlich gehen die Preise für Lebensmittel und Benzin hoch, aber sonst? Wahrscheinlich nicht viel." Howlett ruft herüber: "Im Herbst haben wir endlich eine richtige Regierung, und im Winter ist wieder alles klar!"