Der Premierminister ist in die Hafenstadt Hull im Nordosten Englands gereist, um die Nettozahler aus Deutschland feierlich zu begrüßen. Manager des Siemens-Konzerns hatten hundert Standorte in Europa geprüft und sich für die britische Nordseeküste entschieden, um dort Rotorblätter zu fertigen. Die Aussichten zu verkünden ist eine dankbare Aufgabe für David Cameron: Tausend neue Jobs in einer von Arbeitslosigkeit geplagten Region, die mit dem Bau von Offshore-Windrädern den Anschluss an die Zukunft gewinnt! Für einen Politiker gibt es kaum Schöneres. Auch der zuständige Siemens-Vorstand zeigt sich zufrieden mit England: "Wir investieren in Märkte mit zuverlässigen Rahmenbedingungen..."

Das war vor zwei Jahren. Nun haben die Briten in einer Volksabstimmung für den Austritt aus der EU votiert. David Cameron erklärte seinen Rücktritt. Und die Rahmenbedingungen sind überhaupt nicht mehr zuverlässig.

Siemens hat inzwischen mit Partnern 310 Millionen Pfund in die Rotorenfabrik investiert und ein Netz aus Zulieferfabriken gespannt, das vor allem ein Binnenmarktnetz ist: ohne Zoll und Bürokratie. Hull wird fertiggestellt. Doch nach dem Brexit hat Siemens sofort weitere geplante Windkraftinvestitionen in Britannien gestoppt. Zugleich lässt Vorstandschef Joe Kaeser eine kaum verhohlene Drohung auf die Website des Konzerns setzen: Die britische Regierung solle "unverzüglich Maßnahmen einleiten, um sich über die Natur der Beziehungen Großbritanniens zur EU und zu anderen Handelspartnern abzustimmen und einen klaren Weg vorzuzeichnen, um künftige Investitionen anzuziehen".

Nach nationaler Selbstbestimmung der Briten klingt das nicht. Dabei hatten die Brexit-Befürworter bis zur vergangenen Woche mit dem Slogan "Take back control!" geworben, der sehr nach Selbstbestimmung klang. Doch nachdem eine Mehrheit der Wähler beschlossen hat, keine EU-Bürger mehr sein zu wollen, ist der Alltag vieler in Großbritannien aktiver Konzerne weiter: europäisch. Und deren Führungen planen keineswegs, diesen Umstand wegen des Brexit-Referendums zu ändern. Im Gegenteil: Sie arbeiten daran, dass aus dem Abschied der Briten ein EU-Austritt light wird: mit möglichst freiem Handel, einheitlichen Standards und ohne Hürden für Arbeitsmigranten.

Es ist dies eine ironische Pointe der Geschichte: Europas Politiker nutzten seit der Montanunion die Wirtschaft und den Markt als Werkzeuge, um die Interessen der Staaten auf dem Kontinent zu verflechten und die EU politisch zu vertiefen. Nun könnte eine politische Entscheidung diese Verflechtung zunichtemachen – und Unternehmen versuchen, das mit wirtschaftlichem Druck zu verhindern. Ihnen graut davor, dass die EU die Kontrolle verliert.

Europa hat dafür gesorgt, dass nicht jede Regierung ihre eigenen Regeln erlässt für Standards, dass Unternehmen Produkte und Dienstleistungen nicht in jedem Staat neu genehmigen lassen müssen. Klar, die Konzernmanager haben es manchmal auch nicht so gern gehabt, wenn die EU-Kommission sie zu mehr Wettbewerb und damit zu günstigeren Angeboten zwang – zum Beispiel bei Telefontarifen oder Medikamenten. Und natürlich haben irre Subventionssysteme für die Agrarwirtschaft und strukturschwache Regionen den Wohlstand nicht nur gemehrt. Doch für Konzerne und Verbraucher ist in Brüssel bei allen Defiziten auch eine Ordnungsmacht erwachsen: Die Beamten und Politiker dort haben der Wirtschaft einen Rahmen geschaffen, der nationale Bürokratien geschwächt und Konsumenten gestärkt hat.

Den Verlust dieser Ordnungsmacht fürchten jene Konzerne, die inzwischen weit europäischer sind als viele Bürger Europas. Aus ihrer Sicht haben die Briten nicht etwa ein Bürokratie-Europa abgewählt. Sie haben sich vielmehr für ein Bürokratie-Britannien entschieden, dessen Unternehmen gleichzeitig weiter mit dem Ordnungs-Europa auskommen müssen. Dagegen wehren sich nun viele Konzerne. Die britische Regierung wird sich diesem Druck kaum entziehen können.