DIE ZEIT: Frau Farhat, noch bis vor wenigen Jahren hatte kaum einer je von Crystal gehört. Inzwischen ist das eine der am weitesten verbreiteten Drogen. Warum ausgerechnet Crystal?

Loretta Farhat: Weil keine andere Droge so eine Wirkung hat. Wer Crystal nimmt, wird erst einmal sehr, sehr glücklich. Und gleichzeitig unglaublich leistungsfähig. Ich kenne Patienten, die unter ihrer Sucht gelitten, die sie überwunden haben. Und die dennoch fast ein bisschen wehmütig zurückblicken auf die Zeit ihrer Abhängigkeit. Obwohl Crystal sie fast zerstört hätte!

ZEIT: Sie sind Chefärztin am Fachkrankenhaus Großschweidnitz in der Lausitz, das spezialisiert ist auf psychische Krankheiten. Wann hatten Sie erstmals einen Crystal-Fall in der Klinik?

Farhat: 2002 war das. Obwohl ich schon sehr viel länger als Ärztin arbeite, schon seit Jahrzehnten mit Suchterkrankungen zu tun habe. Ich wusste, dass Crystal schon im Zweiten Weltkrieg bei Soldaten eingesetzt worden war, dass später in Tschechien frustrierte 68er ihren Trost in dieser Droge gesucht hatten. Aber selbst vor 15 Jahren war Crystal in unserem Krankenhaus noch ein Randthema.

ZEIT: Wie ging es nach dem ersten Crystal-Fall weiter?

Farhat: Nach 2002 hatten wir jedes Jahr einige wenige Crystal-Abhängige in der Klinik. Aber 2010 stieg die Zahl plötzlich sprunghaft an. Der Drogenmarkt wurde von billigem Crystal aus Tschechien überschwemmt. Weil wir hier sehr nah an der Grenze liegen, traf es unsere Region sofort heftig. Seit 2014 betreuen wir jährlich zwischen 350 und 400 Crystal-Patienten. Und es werden ja nur die schlimmsten Fälle bei uns eingewiesen! Die Dunkelziffer kennen wir nicht. In unserer Forensischen Klinik, in der süchtige Straftäter untergebracht sind, ist Crystal-Abhängigkeit inzwischen die häufigste Erkrankung.

ZEIT: 2014 gestand der Politiker Michael Hartmann, Crystal konsumiert zu haben. Anfang dieses Jahres wurde der Grüne Volker Beck mit einer Droge, mutmaßlich Crystal, erwischt. Überrascht es Sie, dass sogar Spitzenpolitiker dazu greifen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 28 vom 30.6.2016.

Farhat: Bedauerlicherweise – nein. Viele würden sich wundern, wer alles Crystal nimmt. Das sind nicht nur Menschen aus problematischen Schichten, sondern auch gut situierte Leute. Studenten, auch Selbstständige. Einer unserer Patienten, Anfang 30, war gerade dabei gewesen, seinen Meister zu machen und nebenbei den Betrieb der Eltern zu übernehmen. Er nutzte den Stoff, um sich nachts um die Abrechnungen kümmern zu können. Crystal ist eine Droge für Menschen, die mehr schaffen wollen, als sie können. Einige von ihnen haben nie zuvor Drogen konsumiert.

ZEIT: Wie wirkt Crystal?

Farhat: Crystal bedeutet, um es mal auf den Punkt zu bringen: mehr Arbeit, mehr Party, mehr Sex. Letzteres ist übrigens der große Unterschied zu Kokain. Langfristiger Kokaingenuss hemmt die Libido, Crystal steigert das sexuelle Verlangen permanent. Anfangs kann man feiern wie verrückt und arbeiten wie ein Held. Ein Patient sagte mal: Mit Crystal hab ich Urlaub im Kopf. Alle Sorgen sind vergessen. Man hat weniger Hunger, wird schlank, braucht wenig Schlaf. Manche Patienten sagen, sie hätten bis zu zwei Wochen nicht geschlafen. Das muss später wieder wettgemacht werden. Wenn die Patienten zu uns kommen, schlafen sie oft erst einmal drei Tage durch. Die Ruhe muss man ihnen dann auch gönnen.

ZEIT: Crystal gilt als eine der gefährlichsten Drogen. Wenn man sich schon aufputscht – wieso ausgerechnet damit?

Farhat: Ein Problem sind die vielen Crystal-Mythen. Manche dämonisieren es, manche verharmlosen es – beides finde ich falsch. Ein Mythos ist zum Beispiel, dass jeder nach dem ersten Crystal-Konsum zwangsläufig körperlich abhängig werde. Die Leute werden nicht unbedingt sofort körperlich abhängig, sondern eher psychisch: Sie wollen dieses Glücksgefühl wieder erleben. Meine erste Crystal-Patientin war eine OP-Krankenschwester, knapp 30 Jahre alt. Sie nahm Crystal, weil sie arbeiten und Party machen wollte. Bis morgens halb vier hat sie gefeiert, und um acht Uhr stand sie pünktlich im OP. Diese Frau sagte mir: Das war meine schönste Zeit. Wer Crystal nimmt, fühlt sich stark, klug; alles, was man tut, fühlt sich erfüllend an – selbst die banalste Aufgabe. Unter Crystal finden Sie sogar Geschirrspülen erhebend und berauschend.

ZEIT: Wie ist das medizinisch zu erklären?

Farhat: Crystal zwingt den Körper, zehnmal mehr vom Glückshormon Dopamin auszuschütten, als er das normalerweise tut.

ZEIT: Wie lange dauert es, bis die Konsumenten gesundheitliche Probleme bekommen?

Farhat: Die Krankenschwester, von der ich erzählt habe, bekam nach einem halben Jahr Halluzinationen. Sie sah und hörte Dinge und Gestalten, die nicht da waren.