Was spricht eigentlich dagegen, dass eine Frau ihre sogenannten weiblichen Reize einsetzt, wenn sie etwas erreichen möchte? Rabatt beim Autohändler, Einser-Examen, Pöstchen als Vorstandssprecherin etc. Das Einsetzen weiblicher Reize als Mittel der Vorteilsbeschaffung und der Karrierebeschleunigung gilt als unemanzipiert, eine Frau, die das Mittel anwendet, als unterbelichtet (wenn sie was im Kopf hätte, müsste sie ja nicht mit dem Hintern wackeln) und als unterwürfig (wenn sie Persönlichkeit besäße, müsste sie sich nicht auf ihr erotisches Potenzial reduzieren).

Diese Logik hat allerdings einen puritanisch blinden Fleck. Nach dieser Logik werden weibliche Reize vom Rest der Frau gleichsam isoliert. Niemand stört sich daran, dass eine Frau, die beim Chef um ihre Beförderung ringt, die komplette Schokoladenseite ihrer Person präsentiert: Intelligenz, Berufserfahrung, Autorität, soziale Kompetenz, rhetorisches Vermögen, gute Manieren. Wenn nun aber die sogenannten weiblichen Reize nicht zu den präsentationswürdigen Merkmalen der weiblichen Person zählen, wozu zählen sie dann?

Wahrscheinlich sollte man die Frage heute sowieso anders stellen: Was spricht dagegen, dass Männer ihre männlichen Reize einsetzen, wenn sie etwas erreichen wollen? War es nicht ein Vergnügen, wie Alexis Tsipras die deutsche Bundeskanzlerin bezirzte, um ihr ein paar Milliarden aus dem Rücken zu leiern? Niemand nahm es dem knackigen Griechen übel. Niemand hielt ihn wegen seiner bengelhaften Charmeoffensive für unemanzipiert oder unterbelichtet. Er wurde bewundert. Und warum? Weil männliche Reize offensichtlich als selbstverständlicher Bestandteil der männlichen Persönlichkeit gelten. Tja, so sieht es aus, das Kleingedruckte der Geschlechterungleichheit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 30.6.2016.

Einen noch schlechteren Ruf als das Einsetzen weiblicher Reize genießt lediglich die weibliche Partnersuche mit scharfem Blick auf den Kontostand potenzieller Kandidaten. Die blitzgescheite französische Komödiantin Audrey Vernon, nach eigener Aussage überzeugte Marxistin, zerlegt das Tabu der Geldheirat nach allen Regeln subversiver Argumentation: Wenn Geld die wichtigste Sache der Welt ist (was sich in Zeiten des globalen Kapitalismus nicht bestreiten lässt), dann gilt das ja wohl auch für die wichtigste Entscheidung des Lebens, oder? Ihre Botschaft an Frauen: Vergesst den romantischen Blödsinn! Studiert die Forbes-Liste! Vernons Buch, das aus einem Bühnenprogramm hervorging, liest sich in drei vergnüglichen Stunden. Man erfährt viel über die Forbes- Liste (weltweit gibt es 1826 Milliardäre, in Deutschland immerhin 103) und empfindet als Wohltat: Es gibt weibliche Marxisten mit unverschämtem Humor.

Audrey Vernon: Geld spielt keine Rolex. Aus dem Französischen von Susanne Reinker; Piper Verlag, München 2016; 96 S., 8,99 €