DIE ZEIT: Frau Becker-Stoll, wie gut sind unsere Krippen und Kindergärten?

Fabienne Becker-Stoll: Von hervorragend bis grottenschlecht und kindeswohlgefährdend ist da leider alles dabei. Es gibt Leuchttürme, aber auch Katastrophen-Kitas, die sofort geschlossen werden müssten. Schon innerhalb einer Einrichtung kann es erhebliche Qualitätsunterschiede geben: Bei den "Schmetterlingen" herrschen dann Heulen und Zähneklappern, während bei den "Bienchen" die Tage in schönster Fröhlichkeit vergehen.

ZEIT: Die von unseren Lesern, aber auch von Kita-Mitarbeitern geschilderten Missstände verwundern Sie nicht?

Becker-Stoll: Nein, die Ergebnisse Ihrer Online-Befragung überraschen mich nicht. Das sind mit Sicherheit keine Einzelfälle. Wir müssen davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. Die letzte große nationale Studie zur Qualität in Krippen und Kindergärten hat gezeigt, dass über 80 Prozent aller Einrichtungen nur über eine mittelmäßige Qualität verfügen. Unzureichende Qualität, und hier müssen wir schon von einer Kindeswohlgefährdung ausgehen, gibt es in 6,8 Prozent der Krippen und in 17,6 Prozent der altersgemischten Einrichtungen. Dazu muss man wissen, dass der massive Ausbau der Plätze für die unter Dreijährigen an vielen Orten keine neuen Krippengruppen nach sich zog, sondern einfach zusätzliche Kindergartengruppen eröffnet wurden für ein- und zweijährige Kinder. Die wuseln dann zwischen Fünf- und Sechsjährigen umher. In diesen gemischten Betreuungsformen kann den Bedürfnissen der Kleinen meist nicht entsprochen werden, auch weil die Erzieherinnen dafür häufig nicht ausgebildet sind.

ZEIT: Wie oft stoßen Sie selbst auf Missstände?

Becker-Stoll: Meine Kollegen und ich sind für Forschungszwecke, Fortbildungen und Gespräche oft in den Einrichtungen. Wir begeben uns dann sehr früh am Morgen schon an den Ort, sodass wir sehen, wie die Kinder ankommen und begrüßt werden. Beim Begrüßen, aber auch beim Essen, Wickeln, Verabschieden, überhaupt bei der Interaktion zwischen Erzieherin und Kind entspricht vieles nicht den Bedürfnissen der Kinder.

ZEIT: Was kann man beim Begrüßen und Verabschieden falsch machen?

Becker-Stoll: Zunächst braucht man überhaupt ein Bewusstsein dafür, dass es sich hier um wichtige Situationen handelt, um mit den Kindern, aber auch den Eltern ins Gespräch zu kommen, eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Wir wollten für eine Studie wissen, wie viele individualisierte Gesprächsangebote ein Kind innerhalb einer Woche bekommt, und haben erfasst, wie oft eine Erzieherin das Kind direkt anspricht oder aus einer Alltagssituation ein Gespräch entwickelt. Und obwohl wir Begrüßung und Verabschiedung mitgezählt haben, gab es Kinder, die in der gesamten Woche nicht ein einziges Mal direkt angesprochen wurden. Sie wurden also nicht mal begrüßt oder verabschiedet.

ZEIT: Warum ist es so wichtig, solche Situationen mit dem Kind zu erleben?

Becker-Stoll: Weil wir wissen, dass es dem Kind gerade dann besonders gut geht, wenn es sich in der fremden Umgebung sicher fühlt. Dafür spielt die Interaktion zwischen Kind und Erzieherin eine entscheidende Rolle.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 30.6.2016.

ZEIT: Daran kann ich als Vater oder Mutter die Qualität einer Einrichtung erkennen?

Becker-Stoll: Ja, so ist es. Der Maßstab für die Qualität einer Kita ist allein das Wohlergehen des Kindes. Also all das, was ein Kind tagtäglich am eigenen Leib erfährt. Ob die Fachkräfte in der Lage sind, feinfühlig auf all seine Bedürfnisse zu reagieren. Nur wenn sich ein Kind wohlfühlt, kann seine Entwicklung langfristig gefördert werden. Ein Kind, das keinen Trost erfährt, wenn es weint, nicht ab und zu die exklusive Aufmerksamkeit der Erzieherin bekommt, wird nie in der Lage sein, sich frei zu entfalten und seinem Bedürfnis nachzugehen, die Welt zu entdecken. Die Stunden in der Kita verbringt es dann wie in einem emotionalen Panzer, in Angst und purem Stress.

ZEIT: Ist es nicht illusionär, dass die Eltern die Qualität der Kita richtig beurteilen? Für Eltern ist es doch schon schwer, überhaupt einen Kita-Platz zu finden.

Becker-Stoll: Eltern gewähren Einrichtungen und Erziehern einen unglaublich hohen Vertrauensvorschuss. Sie können ihr Kind nur mit einem Gefühl der Sicherheit in fremde Hände geben, sonst würde das ja keiner übers Herz bringen. Es kann ihnen aber niemand die Verantwortung für ihr Kind abnehmen. Daher sollten sie bei der Wahl der Kita sehr sorgfältig sein und sich darum kümmern, in der Kita hospitieren zu dürfen, einen ganzen Vormittag am besten. Und dann müssen sie sofort sehen, dass da ganz viel gekuschelt und geschmust und geherzt wird. Wenn Kinder weinen, und keiner kümmert sich drum: ganz schlimm! Sofort abmelden.