Warum soll es in Deutschland nicht möglich und richtig sein, für Transparenz bei den Löhnen zu sorgen? Warum sollen Frauen und Männer nicht erfahren, ob sie fair bezahlt werden?

ZEIT-Redakteur Kolja Rudzio räumt in seinem Artikel vom 23. Juni ein, dass die Bruttostundenlöhne von Frauen um 21,6 Prozent niedriger sind als die der Männer. Unbestritten ist auch, dass diese Lohnlücke verschiedene Ursachen hat: Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen, sie gehen in Elternzeit, sie arbeiten öfter in Teilzeit und weniger in Führungspositionen. Tatsache ist auch: Sieben Prozentpunkte sind nach den Daten des Statistischen Bundesamts nicht zu erklären, da ist die Benachteiligung also direkt. Sieben Prozent entsprechen einem Drittel der gesamten Lohnlücke – oder 2.700 Euro, die bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 41.000 Euro jeder Frau jedes Jahr fehlen gegenüber einem Mann, der gleichwertige Arbeit macht. Das hat Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, berechnet.

Sieben Prozent, stabil über viele Jahre, sind eine hartnäckige Ungerechtigkeit und ein Grund zu handeln. Wo liegt die Grenze zwischen der grundgesetzlichen Aufgabe des Staates, die Gleichberechtigung durchzusetzen und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken und einem angeblichen "Regulierungswahn", den Rudzio beschwört? Bei zwei Prozent? Bei sieben? Bei zwanzig?

Kolja Rudzio führt im Wesentlichen zwei Argumente für seinen Vorwurf des Regulierungswahns an. Das Gesetz bedeute zum einen "viel Bürokratie" und "umfangreiche Berichte". Der Bürokratievorwurf ist eine Ausrede: Für den Auskunftsanspruch genügt ein Blatt mit sechs Fragen. Ist das zu viel, um dafür zu sorgen, dass Frauen nicht bloß zufällig erfahren, dass sie weniger bekommen?

Das zweite Argument: Äpfel würden mit Birnen verglichen, Kantinenfachkräfte mit Fachinformatikern. Auch das stimmt nicht. Erprobte Prüfverfahren gibt es bereits. Sie sind in der Praxis bewährt, etwa bei der Berliner Messe oder der Hamburger Hafen und Logistik AG. Sie vergleichen Beschäftigte, die messbar gleichwertige Arbeiten verrichten. Und sie begradigen Lohnstrukturen, die laut dem Gehaltscoach Martin Wehrle "schief sind wie der Turm von Pisa". Nicht nur zwischen Frauen und Männern übrigens. Verbindliche Prüfverfahren bringen große Unternehmen – und nur um die geht es – dazu, sich mit ihren Lohnstrukturen auseinanderzusetzen. Große Unternehmen haben die IT-Infrastruktur, um das ohne unzumutbaren Aufwand zu schaffen – ansonsten wird es umso dringlicher Zeit, dass sie sich über ihre Lohnstrukturen klar werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 30.6.2016.

Was die übrigen 14 Prozent Lohnlücke angeht, hat Kolja Rudzio recht: Unterschiedliche Ursachen müssen von unterschiedlichen Seiten angegangen werden. Das ist für die Politik nichts Neues: Schon der Mindestlohn hat zu leichten Verbesserungen geführt. Es muss leichter werden, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dazu schlage ich eine bezahlte Familienarbeitszeit vor. Wenn Mütter und Väter gemeinsam Zeit für die Familie haben, werden es nicht mehr so oft die Frauen sein, die im Beruf zurückstecken. Ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf die frühere Stundenzahl muss kommen – es steht im Koalitionsvertrag. Der Ausbau der Kinderbetreuung geht voran. Wir brauchen auch einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Schulkinder. Und schließlich müssen Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, aufgewertet werden. Wer mit dem Hinweis auf die Vielfalt der Ursachen für die Lohnlücke ein Gesetz ablehnt, muss zumindest bereit sein, Initiativen zur Beseitigung dieser weiteren Ursachen zu ergreifen.

Nicht überall, wo man sich Gerechtigkeit wünscht, würden neue Vorschriften und Gesetze helfen, schreibt Rudzio. Das stimmt. Aber überall, wo man sich Gerechtigkeit wünscht und gleichzeitig fordert, ein Gesetz möge "noch lange geprüft und nie zertifiziert" werden, bleibt Ungerechtigkeit. Die Gleichberechtigung von Frauen ist immer nur durch Gesetze vorangebracht worden, wenn der politische Mut und Wille vorhanden waren. Frauen wissen das – und fortschrittliche Männer sollten das unterstützen.