Marcel Beyer erhält den Büchnerpreis. Das ist gut so; jedenfalls ist es kein Drama. Die Auszeichnung hat vielleicht nicht das ehern Unabweisbare wie letztes Jahr bei Rainald Goetz, diesem idiosynkratischen Klassiker seiner selbst. Sie wird aber auch keine Feinde auf den Plan rufen wie 2013 im Falle der exzentrischen Sibylle Lewitscharoff oder 2012 bei Felicitas Hoppe, deren Werk manchen zu fragil für die Marmorlast des Preises erschien. Gleichwohl verrät die Entscheidung nicht die erschöpfte Lustlosigkeit, die von der Jury in den vergangenen Jahren auch schon bewiesen wurde (Beispiele verbietet der Takt). Marcel Beyer ist ein wirklicher Dichter mit einer poetischen Gabe, die sich in seiner Lyrik zeigt, aber auch in der allegorischen Grundgestalt seiner Romane. Beyer hat den Sinn für das große schlagende Bild im Hintergrund, vor dem sich das subtile Gewusel seiner Prosa entfalten kann. Zweimal hat er Wissenschaftler in dem undurchsichtigen Netz ihrer Nazi-Verstrickung gezeigt – Flughunde (1995), Kaltenburg (2008) – und dabei zugleich viel über die Hilflosigkeit unseres zeitgenössischen Stocherns in der Vergangenheit gesagt. Immer bleiben ein paar Spinnenfäden an unseren Sonden kleben, immer zerreißt aber auch das Bild, das wir uns machen wollten. Seit Gert Hofmann, der für einen Büchnerpreis leider zu früh starb, hat sich kein Schriftsteller derart raffiniert des Fortwucherns der Geschichte angenommen. Man muss Marcel Beyer gelesen haben, wenn man den Anspruch hat, literarisch à jour zu sein. Mehr kann man von einem Büchnerpreisträger nicht verlangen.