Neulich stand ich mit zwei Taschen voll Altglas in meinem Flur, regungslos, minutenlang. Eigentlich hatte ich es eilig, ich musste zur Arbeit, aber ich konnte unmöglich die Wohnung verlassen, denn nebenan wurde gerade die Türe aufgeschlossen. Es ertönte der Aufbruch-Soundtrack des Durchschnittszerstreuten: Schlüsselklimpern, Schlossschnalzen, Treppenstufengepolter, Stille, wieder lauter werdende Schritte, aha, was vergessen, Türe auf, Rascheln, Türe zu. Mir schnitten die Trageriemen in die Finger.

Seit einem Jahr wohne ich mit 16 anderen Klingelschildnamen unter einem Dach, aber aus ihnen Menschen mit Gesichtern und Small-Talk-Themen für eine gemeinsame Treppenhausbegegnung zu machen, hatte ich immer vermieden. Das ist ja auch der Plan, wenn man aus der Enge der Provinz in die Großstadt zieht: endlich mal nicht teilhaben zu müssen. Was sich dann aber als unmöglich herausstellt, denn die anderen sind ja trotzdem andauernd da. Nehmen Pakete an und gehen damit in Freundlichkeitsvorleistung, sind nächtliches Möbelrücken, Bratengeruch, die absurd laut aufgedrehte Fernsehsendung Punkt 12, der kleine Ganzjahresflohmarkt auf dem Fensterbrett im Hochparterre (aktuell liegen dort: eine Gala, zwei Leitz-Ordner, ein Miniaturbilderrahmen, der das Bild einer grimmigen Eule fasst).

Mit den Tüten in der Hand dachte ich auf einmal an zu Hause. An Dinslaken, den Bruch, unsere Straße. "Wenn man dich im Bruch nackt auf den Gehweg stellt, bist du fünf Minuten später angezogen und hast fünf Mark in der Tasche", hat mein Vater immer gesagt und meinte damit: Das ist Nachbarschaft. Wir passen aufeinander auf. Das war damals. Und heute in Hamburg? Vermeide ich jede Flurbegegnung, weiß ich noch nicht mal, wer diese Leute sind, mit denen ich mir ein Dach teile. Ich beschloss, das zu ändern.

Guten Nachbarn verrät man den WLAN-Schlüssel

Samstagnachmittag, ich klingle an der Wohnungstüre von Claus Friede. Herr Friede ist für mich das, was man in der Drogenberatung ein niedrigschwelliges Angebot nennt. Wenn ich mich nach all den Monaten dieser eremitischen Kontaktverweigerung – meine Wohnung, meine Grenze, meine Ruhe – der Gemeinschaft dieses Hauses zumindest nähern will, verspricht er den leichtesten Einstieg, stand Herr Friede immerhin selbst schon einmal unangekündigt vor meiner Türe. Sein Internet machte damals Probleme, er bat um kurzfristige Überbrückungshilfe in Form meines WLAN-Schlüssels.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 30.6.2016.

Ich will heute ein bisschen mehr von ihm als eine 17-stellige Zahlenkombination, ich möchte wissen, wo ich hier eigentlich genau lebe und mit wem, und erstaunlicherweise findet Herr Friede das gar nicht merkwürdig, sondern bittet mich herein und geradewegs auf seinen Balkon.

Das Angenehme ist: Herr Friede scheint sofort eine klare Idee zu haben, was wir besprechen könnten und in welcher Reihenfolge. Wir starten mit dem Standard, Geschichte des Hauses. Während er mit zwei ausladenden Armbewegungen alle Straßenzüge rechter und linker Hand des Balkons wegradiert ("Überall nur Felder, unsere war lange die einzige Straße der Gegend") und anschließend die Entwicklungen der Nachbarschaft im Zeitraffer skizziert ("Nebenan hatte eine jüdische Brauereifamilie ihr Lager, die wurden aber in der NS-Zeit zwangsenteignet und sind nach Rio geflohen"), mustere ich ihn. Claus Friede ist hochgewachsen, Mitte 50 und einer dieser Menschen, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie schlau sind. Es gibt für dieses Gesicht kaum eine Möglichkeit, dumme Sätze zu sagen. Während des Gesprächs lächelt er über lange Strecken überhaupt nicht, tut er es doch, machen seine Augen mit.

Zurück in seiner Wohnung, verliere ich kurz die Orientierung. Obwohl sie genau so geschnitten ist wie meine, haben wir die Räume sehr verschieden interpretiert. Was bei mir Wohnzimmer ist, hat Claus Friede als Arbeitszimmer eingerichtet, hell und wissensschwer, Bücher, Blocks, Zeitungsstapel; alles sagt, dass in diesem Raum ernsthaft gearbeitet wird. Auf seinem Schreibtisch stehen drei kleine Acrylständer mit verschiedenen Visitenkartenstapeln, laut ihnen ist Claus Friede Leiter einer Kulturstiftung in Schleswig-Holstein, Chefredakteur eines Internetfeuilletons und Professor in Riga. Überhaupt klingt sein Lebenslauf sehr kosmopolitisch: aufgewachsen in der Schweiz, Schulzeit auf einem Internat in der Eifel, Studium in Chicago und Los Angeles. Sein Sohn Max, 24, lebt gerade noch in Lugano, geht aber bald zum Studieren nach Harvard.

Tolle Straße, wie in Paris oder Zürich

Irgendwie erstaunt mich, dass ein Mann wie er in diesem Haus wohnt. Natürlich, Hamburg, Eimsbüttel, Ecke Grindelviertel: tolle Lage, aber wenn einem doch offenbar die ganze Welt offensteht, wieso ausgerechnet diesen Ort wählen? "Ich mag die Straße." Herr Friede lächelt jetzt, er weiß, wie merkwürdig klein dieser Satz klingt. Er erklärt: "Das Kopfsteinpflaster, die alten Häuser. Wenn Sie morgens aufwachen und aus dem Fenster schauen, könnten Sie genauso gut in Paris sein oder Zürich. Alles wirkt wie aus Raum und Zeit gefallen." Je mehr er schwärmt, desto mehr schwinge ich mit. So gesehen ja wirklich: tolle Straße.

Seit meinem Einzug gibt mir die Wohnungstür von Herrn Friede ein Rätsel auf. Neben dem Messingschild mit seinem Namen steht: "Hier auch Post für Dr. Reichardt". In meiner Vorstellung ist Doktor Reichardt ein beschäftigter Wissenschaftler, der für seine Forschungen ständig unterwegs ist und seinen alten Freund Claus Friede gebeten hat, die lästigen Briefe für ihn aufzubewahren. Ist das so? "Der Name gehört meiner Frau. Sie lebt nicht mehr in Deutschland, aber manchmal kommt Post für sie." Herr Friede schaut wieder ernst, aber nicht peinlich berührt.

Ich bin es schon. Die Situation ist so merkwürdig wie das Konzept Mehrfamilienhaus überhaupt. Wie intim es da von einem auf den anderen Moment werden kann. Völlig absurd eigentlich, welche Kriterien man für die Einzugsentscheidung so akribisch abklopft: Raumaufteilung, Helligkeit, Lage; die Frage, ob Grillen auf dem Balkon okay und von wann an die Staffelmiete gedeckelt ist. Als ich vor einem Jahr das Haus besichtigte, gefielen mir die Ruhe, die Fassade, der Schnitt der Wohnung. Ich wollte sie unbedingt haben, ohne die geringste Ahnung, mit wem ich da unter einem Dach wohnen würde. Irgendwie fragt man bei der Wohnungssuche nicht, wem man in den nächsten Jahren beim Leben zuhört und wen man dazu umgekehrt zwangsläufig einlädt. Nachbarschaftsverhältnisse werden wohl auch deshalb so oft Schauplätze von absurden Streitigkeiten, weil die Menschen diese distanzierte Nähe nicht aushalten.

"Ankommen finde ich als Idee erstrebenswert, Bleiben ängstigt mich."

Eine Distanzfrage ist es auch, die ich mir am nächsten Tag stelle. Vier Mal hänge ich das Ryan-McGinley-Foto in meinem Esszimmer ab und wieder auf. Ich bin unsicher, ob Annabelle es nicht vielleicht seltsam finden würde, sich unter einer Aktfotografie mit ihrer fremden Nachbarin zu unterhalten. Annabelle lebt seit acht Jahren in der Wohnung über mir, ich habe sie seit meinem Einzug genau zwei Mal gesehen, wir hatten jeweils Päckchen füreinander angenommen. Bei der letzten Übergabe hatte sie mich gefragt, ob mich ihr Husten sehr störe, der sei leider chronisch. Das menschliche Hirn ist leicht zu beeindrucken. Bis zu diesem Tag hatte ich nie etwas wahrgenommen, seither höre ich ihr Husten ständig.

Man will die akustischen Rätsel, die einem jedes Haus aufgibt, manchmal ja gar nicht so genau aufschlüsseln. Als ich neulich das junge Ehepaar Maren und Marco Braun traf, das in der Wohnung neben mir lebt und zusammen ein gutes Abbild meiner schizophrenen Gefühle zu Nachbarschaft wiedergibt (er findet engen Kontakt zu den Hausmitbewohnern unnötig, sie würde gerne voller Tatendrang am jährlichen Straßenfest teilnehmen), erzählten sie mir, wie Marco einmal im Halbschlaf durch die Wohnung geirrt sei, weil er Wasser laufen hörte und dachte, er habe vor dem Zubettgehen womöglich einen Hahn nicht richtig zugedreht. Irgendwann kapierte er, dass das Geräusch aus der Wand kam, hinter der meine Dusche steht, in der ich mir gegen halb drei morgens den Rauch der Nacht aus den Haaren wusch. Seit ich das weiß, fühle ich mich unter der Dusche nicht mehr alleine.

Jetzt sitzt Annabelle, 42, glänzendes rotes Haar, an meinem Esstisch, erzählt von ihrer Kindheit und dass der Beruf ihres Vaters, Bundeswehroffizier, sie früh zum Umzugsprofi gemacht habe. Ich überlege, wie ich das Gespräch dezent auf ein Thema lenken kann, das mich seit meinem Einzug neugierig macht. Da wir aber ja unter einer Aktfotografie sitzen, ist die höfliche Distanz ohnehin merkwürdig angeknackst, also: "Sag mal, du hast da ja diesen interessanten Nachnamen." Annabelle lacht und antwortet erst einmal nicht. Vermutlich ist ihr Name dauernd Thema, da muss man es schon zu Selbstunterhaltungszwecken spannend machen. Vor sechs Jahren, beginnt sie nun eine Geschichte, hatte sie eine neue Stelle als Grundschullehrerin angenommen. Vor ihrem ersten Schultag ging sie wie immer zu ihrem Stammbäcker, der ihr dazu riet, besser mal einen Blick auf die Titelseiten der Tageszeitungen zu werfen. Ihr Einstand im neuen Job fiel auf den Erscheinungstag von Deutschland schafft sich ab, und als Annabelle zwei Stunden später mit Kreide ihren Nachnamen, Sarrazin, an die Klassentafel schrieb, begann das große Flüstern. "Erst Wochen später haben sich die Eltern zu fragen getraut, ob es da eine Verbindung gebe." Kurzes, effektvolles Schweigen. "Thilo Sarrazin ist tatsächlich ein entfernter Vetter meines Vaters. Ich kenne ihn aber nicht persönlich."

Hörst du morgens eigentlich mein Radio?

Aha. Als Fragezeichengeschichte war die ganze Angelegenheit irgendwie spannender gewesen. Kurz bevor wir uns verabschieden, hat Annabelle dann auch noch eine Frage: "Ich stehe ja immer so früh auf und lasse dann das Radio laufen, um wach zu werden. Hörst du das eigentlich?"

Anderntags ist es mal wieder so weit: "Ihre Sendung wurde bei Ihrem Wunschnachbarn hinterlegt." Meistens müssen die älteren Brauns aus der Einliegerwohnung im Souterrain meine nicht gerade zurückhaltend getätigten Online-Einkäufe entgegennehmen. Das Ehepaar lebt seit 42 Jahren dort, 30 davon ist Karin Braun schon die Hausmeisterin. Den Job teilt sie sich mit ihrem Mann Lothar, der Ur-Hamburger ist – was sein Siegelring mit Stadtwappen und die ebenso designten Rückspiegelüberzüge des Familienkombis bezeugen. Herr Braun ist lustig und zugewandt und erzählt gerne von den 38.000 Fotos, die er im Jahr von Hamburg macht. Bei ihnen Pakete abzuholen ist normal, aber heute steht ein anderer Nachbarbarsname auf dem Postvermerk: Udo Salomon, zweites OG.

Von seiner Wohnung kenne ich bisher nur den spaltbreiten Ausschnitt, den man manchmal bei Flurbegegnungen erhascht und der immer so merkwürdig interessant ist, dass man versucht, extra nicht hinzuschauen. Bei der Salomon-Wohnung aber ist das unmöglich, weil einen dieser Anblick so umhaut: Überall sind Bücher, vom Boden bis zur Decke, die Regale ziehen sich durch den gesamten Flur, durch fast alle Räume. "6500 waren es bei der letzten Zählung, irgendwann vor der Jahrtausendwende", sagt Herr Salomon, dessen feines, von weißem Haar umrahmtes Gesicht das vielleicht freundlichste ist, das ich je gesehen habe. Die Salomons leben seit 1973 in diesen Räumen, länger, als es mich gibt, sie haben ein eigenes Badezimmer ein- und den Kaminofen ausgebaut, Einrichtungsmodewellen genommen und umschwommen, ihre Tochter Nina großgezogen, die mittlerweile beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg arbeitet (schon wieder so ein Vorzeigelebenslauf), etliche Mieter kommen und gehen sehen. Ich finde das schön und unvorstellbar zugleich. Ich bin Nomade, seit meinem Auszug aus dem Elternhaus vor zehn Jahren bin ich siebenmal umgezogen. Alle paar Monate sortiere ich inzwischen auch anlasslos Dinge aus, Blumenvasen, Kleidung, sogar Möbel, um beim nächsten Umzug weniger mitschleppen zu müssen. Ankommen finde ich als Idee erstrebenswert, Bleiben ängstigt mich.

Herr Salomon nickt, im großen Kommen und Gehen der Mitmieter hat er über die Jahrzehnte viele dieser unsteten Biografien verfolgen können: "Zum Beispiel die Dame aus Mecklenburg, die wegen ihrer Beziehung zu einem deutlich jüngeren Mann von ihrer Familie verstoßen worden war und erst wieder aufgenommen wurde, als er eines Tages tot umfiel." Er erzählt, dass Menschen in diesem Haus geboren wurden, wie Herr Herrmann aus dem Fünften, und gestorben sind, wie die Schwester von Frau Dunda aus dem ersten Stock, die sich in der Silvesternacht 1975 das Leben nahm. "Die Alten", sagt er, kennen sich und sprechen miteinander, mit den Jüngeren gebe es weniger Kontakt, vermutlich einfach, weil sie selten Zeit für einen kleinen Klönschnack hätten. Ich finde es nett von Herrn Salomon, meinen Hausgemeinschaftsautismus mit Geschäftigkeit zu begründen, bin mir aber nicht sicher, ob ich mich um die Verbindlichkeit nicht einfach gedrückt habe, weil sie automatisch Verantwortung nach sich zieht. Wenn man mit den anderen mehr teilt als nur hastiges Zunicken, dann muss man doch fortan irgendwie zur Verfügung stehen. Muss sich zum Teil eines Ganzen machen, muss sich interessieren.

Seine Tochter, erzählt Herr Salomon, sage oft, seine Frau und er sollten nach Offenburg ziehen. Dann könnten sie einander öfter sehen. Herr Salomon aber hängt an Hamburg, er hängt sowieso sehr an bestimmten Orten. Nach seiner Pensionierung als Geschichtslehrer hat er angefangen, Bücher über Städte zu schreiben. Einfach weil sie ihm gefallen. Gerade hat er eines über Idar-Oberstein beendet.

Als ich ihn nach seinem Lieblingsautor frage, wendet sich Herr Salomon konzentriert dem Regal zu. "Wir haben die Bücher nach Geburtsdatum des Autors sortiert, Moment, ... Ah, hier! Mein Liebster: Norbert Scheuer, Heimatbücher aus der Eifel." Selten, sage ich, hat mich eine Antwort derart überrascht. Herr Salomon lacht. "Das ist wirklich ganz wunderbar. Es passiert darin praktisch nichts. Leute stehen in der Gaststube und betrinken sich und sind unglücklich verliebt, und manchmal gehen sie zum Jahrmarkt. Aber die Plätze werden so genau beschrieben, da können Sie hinfahren und die ganze Geschichte ablaufen. Bücher müssen Orte haben."

Wie ist es, wenn man alleine alt wird?

Was geschieht aber, wenn eine Geschichte an einem Ort einfach angehalten wird?

In der Wohnung von Christa Dunda ist es dunkel, die Möbel liegen schwer in den Räumen. Als ich ins Wohnzimmer trete, stellt Frau Dunda den Fernseher lautlos. "Mein Freund", nennt sie ihn und erzählt, dass sich die Nachbarn im vergangenen Sommer beschwert hätten, weil sie ihn immer so laut aufgedreht habe. "Jetzt benutze ich ein Hörgerät", sagt sie und legt sich ein Kissen in den Rücken. Im März 1963, da war Frau Dunda 23 Jahre alt, sei sie mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter in die Wohnung gezogen. Sie spult frühe Lebenslaufstationen ab. Sie wirkt nicht so, als würde sie sich selten unterhalten, aber ein Gegenüber, das noch mal ganz von vorne zuhört, wird irgendwann selten. 42 Jahre lang hat Frau Dunda bei Karstadt gearbeitet, Schreibwarenabteilung, ihre liebste Zeit, die Kollegen von damals sind heute noch Freunde. "Lamy", sagt sie, macht eine Kunstpause, deutet auf meinen Kugelschreiber. Kennerblick. Irgendwann lernte ihre Schwester einen Mann kennen und zog aus, sie bekamen drei Kinder, die Ehe scheiterte, sie kam zurück ins Haus, lebte in der Souterrainwohnung, litt an Depressionen und nahm sich das Leben. Der älteste Sohn kam zu Frau Dunda und ihrer Mutter, auch er starb früh. Die Mutter pflegte Frau Dunda dann 14 Jahre lang. Jetzt ist sie selbst 75, hat drei Bandscheibenoperationen hinter sich, kommt nur noch schwer die Treppen hinauf. Sie erzählt das alles binnen weniger Minuten, einfach so, wie einen Filmtrailer, der die brutalsten, emotionalsten, anrührendsten Szenen eines Menschenlebens in schnellen Schnitten aneinanderreiht. Nur ohne Musik. So ist das also, wenn man alleine alt wird. Frau Dunda lacht ihr kräftiges hanseatisches Lachen. "Der Lack ist ab, nech?"

Mit der Nachbarin nach London

Im Haus verstehe sie sich mit vielen, die jungen Brauns von oben nehmen immer ihren Müll mit runter, am nächsten sei ihr aber die Nachbarin von gegenüber, im vergangenen Jahr hätten sie sogar gemeinsam deren Kinder in London besucht, da habe sie auf einmal prima laufen können. Wenn sie zu Hause ist, schmerzt jeder Schritt. "Wieso sind Sie nie weggegangen von hier, Frau Dunda?" Ein paar Sekunden schaut sie mich ratlos an. "Aber wohin denn?"

Ich folge ihr durch den Flur, langsamer als vorher. Ich habe ein schlechtes Gewissen, mich bald schon wieder zu verabschieden, junge Geschäftigkeit hin oder her. Beim Hinausgehen führt Frau Dunda mich noch in die Küche und zeigt mir Fotos von Freunden, Arbeitskollegen und Reisen, sie hängen am Kühlschrank, als Kalender an der Wand, überall sind Bilder. Die Küche ist der hellste Raum der Wohnung. "Ich habe mein Leben gelebt", sagt sie dann wirklich. Es klingt, als wolle sie mich trösten.

Und auf einmal, hier in dieser fremden Küche, wird alles viel ernster und größer und also genau so, wie ich es ursprünglich hatte vermeiden wollen. Ich weiß jetzt Dinge über die Menschen in diesem Haus, und dieses Wissen, viel Kleines und Belangloses, manches aber auch intim und gewichtig, führt zu einer ebenso banalen wie konkreten Gewissheit: Die anderen sind wirklich da. Und ich bin es damit irgendwie auch. Als ich ein paar Tage darauf spätabends noch einmal das Haus verlasse und Frau Dundas Müllsack vor der Türe sehe, ihn mit auf die Straße nehme, was eigentlich ja immer die Brauns erledigen, aber vielleicht sind die gerade im Urlaub, merke ich, dass das nun etwas weniger bedrohlich für mich klingt und, wenn ich ehrlich bin, sogar schön: unser Haus.