Sylt war ja nicht immer so. Früher, lange bevor die Champagnerbars auf der Insel ihre Klientel entdeckten und die Klientel die Champagnerbars entdeckte, vor der Kolonialisierung durch Prominente wie Günther Jauch und Jogi Löw, durch Wechseljuicer und Flexitarier, vor der Invasion von SUVs, schwarzen Möpsen mit Kuhhalsband und nervösen Polo-Pferdchen, vor langer, langer Zeit also war Sylt der Fluchtpunkt von Dichtern, Denkern und Verlegern. Thomas Mann, Alfred Kerr, Gottfried Benn, Robert Musil, auch Peter Suhrkamp und Axel C. Springer, Rudolf Augstein – die intellektuelle Elite zog sich hierher zurück, in die meditative Monotonie, starrte aufs Watt, auf Wellen und Heide und schluderte sommerlang herum.

Max Frisch zum Beispiel: "(...) draußen flötet der Wind, Regen prasselt gegen die Scheiben, die vom Anfall des Windes zittern, Wolken jagen über das Uferlose. Man sitzt und schaut, ganz sich selber ausgesetzt. Hin und wieder kippe ich einen Steinhäger oder zwei; man braucht das bei so viel leerem Himmel. (...) Es bleibt das Gefühl, man befinde sich am Rande der Welt."

So beschreibt es Frisch in seinem Tagebuch, Juli 1949. Ein Dichter "am Rande der Welt", verdammt lange her. Ist das Sylt von Frisch und Grass und Musil, von Springer, Raddatz und wie sie alle heißen, im Champagner ertrunken?

Ist es nicht. Es hat sich nur zurückgezogen. Das Dichter-Sylt wird konserviert und gepflegt, an einem Ort, den es nach allen Regeln des Marktes längst nicht mehr geben sollte: in der Büchertruhe Keitum von Hildegard Schwarz. Eine Buchhandlung – natürlich eigentlich viel mehr als das – zwischen Bäckerei, Boutique und Juweliergeschäft, Am Tipkenhoog. Nur zehn Minuten Fußweg entfernt von dem Friedhof, wo Suhrkamp, Augstein und Raddatz in Frieden ruhen, hoffentlich.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 28 vom 30. Juni 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Am Tipkenhoog also. Küstenschwalben, Dünenrosen, viel Reet ringsum. Man kann das Watt hier riechen, es ist nur wenige Meter entfernt. Das Geschäft: ein kleines Wohnzimmer, Bücherregale, die bis an die Decke reichen und keinen Zentimeter Platz lassen. Vor allem nicht für Frühstücksbrettchen, Parfüms und anderes sogenanntes Nonbook-Sortiment, das bei Thalia und Hugendubel ablenkt. Stattdessen Bücher. Und die Frau der Bücher: Hildegard Schwarz.

Man sieht sie zunächst nicht, sie ist klein, fuhrwerkt irgendwo hinter den Regalen herum. Nur ihre Brillen sieht man, die überall bereitliegen. Kleine, runde Brillen in Rot, Grün und Schwarz, immer das gleiche Modell.

In der Büchertruhe von Hildegard Schwarz entdeckte Rosemarie Springer philosophische Traktate für ihren Mann Axel Caesar. Spiegel- Gründer Rudolf Augstein fragte nach einer Biografie über Friedrich den Großen. Stern- Chefredakteur Henri Nannen wollte wissen, ob er es sich gemütlich machen und rauchen dürfe (er durfte nicht). Der ZEIT- Feuilletonchef Fritz J. Raddatz rauschte herein, raumfüllend, "ein exzellenter Schreiber", sagt Frau Schwarz, allerdings "privat auch ungezogen". Das Gegenteil von Richard von Weizsäcker; der fragte als Erstes nach großen Reden der Antike, tauschte das Buch am nächsten Tag dann gegen Gesetzestexte aus dem Beck-Verlag ein. Gern zog der Bundespräsident sich zum Plaudern mit der Buchhändlerin ins Souterrain zurück und fand es so lustig, wenn seine draußen wartenden Bodyguards ihn aus den Augen verloren hatten und in Panik gerieten.

Wenn man mit Hildegard Schwarz spricht, begreift man sofort, was Sylt-Stammgäste erzählen: dass diese Buchhandlung eine Mischung sei aus Bibliothek, Literaturhaus und Refugium, ein Gegenpol zur Sylter Chichi- und Proll-Flut.

Eine Dame von 84 Jahren, enorm belesen, versteht sich. Frisur: eine Kreuzung aus ritterlichem Pagenkopf und Mireille Mathieu. Gern kleidet sich die Chefin der Truhe anthroposophisch erdfarben, wollig, dazu schwarze Leggings und festes Schuhwerk, schwarz.

Ein typisches Gespräch mit der Buchhändlerin, die niemals Buchhandel gelernt hat, hat wenig mit Handel zu tun – aber viel mit Verhandlung. Wer sie zum ersten Mal fragt: "Was soll ich lesen?", den schaut sie prüfend an. Man fühlt sich leicht verunsichert, wie in der ersten Sitzung beim Therapeuten.

"Was haben Sie denn zuletzt gelesen?" Unmerklich wird man umkreist, erforscht, nur um plötzlich Neugier zu verspüren – große Neugier genau darauf, was die Kennerin einem nahelegt. Dann verlässt man die Truhe mit mehr als einem Titel und dem vagen Gefühl, gerade selbst gelesen worden zu sein.

"Der Kunde findet bei mir Bücher, die er sonst nicht liest"

"Der Kunde findet bei mir Bücher, die er sonst nicht liest", sagt Schwarz. Wie sie erkennt, was das Richtige für ihn ist, in diesem Moment, in diesen Ferien? "Es ist eine Gottesgabe."

Der Kunde soll sich erst einmal umschauen bei ihr. Er kann gleich rechts ein Regal mit russischer Literatur finden – Dostojewski, Tolstoi, Puschkin, auch der Oblomow von Gontscharow bietet sich für lange faule Tage an. Links warten, mehrere Meter übereinander, die komplette "Manesse Bibliothek der Weltliteratur" sowie Bände der Sammlung Tusculum, Literatur der griechischen und römischen Antike. Worauf ja "im Grunde" alles fuße, wie Schwarz kurz einstreut. Das Zentrum besetzen Büchertische mit Neuerscheinungen. Nicht einfach die Bestsellerliste – nein, die wichtigen Titel werden kuratiert präsentiert. Diesmal etwa Anthony Doerrs Alles Licht, das wir nicht sehen, immer sind Sachbücher dabei wie der Zoologe Frans de Waal mit Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote oder Heinrich August Winklers Geschichte des Westens. Nicht zu vergessen eine illustrierte Ausgabe von Herman Melvilles Bartleby.

Hildegard Schwarz empfiehlt mit missionarischem Ehrgeiz und hat ihre Favoriten – es sind die Philosophen der Antike, aber auch "unsere Russen", und nicht zu vergessen: die Gruppe 47.

Was sie nicht sagt, ist, dass es zu ihrer Agenda gehört, ihre Favoriten der Kundschaft so hartnäckig anzupreisen, dass Leidenschaft ein viel zu schwaches Wort dafür wäre. Jüngstes Beispiel: ein 1200-Seiten-Brocken Das achte Leben von der Autorin Nino Haratischwili, eine georgische Revolutionshistorie, verwoben mit einer Familienchronik, besser als Tolstois Krieg und Frieden, findet Schwarz. Wenn sie beschließt, dass dieser Roman ein Erfolg werden muss, dann präsentiert sie ihn im Fenster. Dann stellt sie ihn auf den Tisch in der Mitte. Dann zieht sie jedes passende Opfer hinein in dieses berauschende Opus. Sagenhafte 450 Exemplare à 34 Euro hat sie bis jetzt davon abgesetzt. Der Verleger sollte ihr Champagner schicken.

Wobei, na ja – die Verleger, die Vertreter: Nicht alle sind ihre Freunde. Anfangs haben sie die komische Neue da oben im Norden eingedeckt mit Standardware. Mit dem, was sie für passend hielten. Die neue Utta Danella, der neue Stephen King, Frederick Forsyth, P.S. Ich liebe dich . Ging alles zurück an den Grossisten. "Ich habe weder Utta Danella genommen noch andere Strandkorb-Lektüre." Strandkorb-Lektüre gibt es bei Schwarz nicht. Was nicht bedeutet, dass sie Besucher von oben herab anschauen würde, die danach fragen. "Der Mensch, der vor Ihnen steht, den dürfen Sie nicht verachten, weil er Strandkorb-Lektüre will", sagt sie. "Es ist ja nur ein Ausdruck dafür, dass er etwas möchte, das sich leicht liest. Das muss nicht minderwertig sein."

So läuft das in der Büchertruhe. Man fragt sich natürlich, wie das seit 37 Jahren funktionieren kann. Eine inhabergeführte Buchhandlung, so eigenwillig, so anspruchsvoll, auf einer Insel hoch oben im Norden, wo die Leute doch ans Meer und nicht in eine Buchhandlung wollen. Wie kann sie überleben? Und: Wie kam Hildegard Schwarz überhaupt zu ihrer Büchertruhe dort?

Zufall war es. Schwarz kommt nicht von der Insel, sie ist aufgewachsen in Essen – also maximal weit entfernt von Sylter Habitus und Lebensart. Das Verlagsgeschäft gelernt hat sie nie, dafür etliches anderes. Zum Beispiel Komparatistik studiert bei dem Heidelberger Professor Horst-Jürgen Gerigk, ihrem "großen Lehrmeister". Zum Beispiel auf der Essener Folkwang-Schule Aquarelltechnik gelernt, Farben mischen. Mit ihrem ersten Mann hat sie Werbekampagnen entworfen, auch mal Kochtöpfe promotet in Kaufhäusern. Dann eröffnete sie eine Buchhandlung in Dortmund. Deren Pachtvertrag lief aus, Schwarz fand ein anderes Ladenlokal, aber sie bekam es nicht, jemand anderes war schneller gewesen.

Damals hatte Hildegard Schwarz viel Zeit, mehr, als ihr lieb war. Sie wollte raus aus der Stadt und fuhr mit ihrem Mann nach – Sylt. Sie liefen über die Insel, kamen in Keitum an einem Haus vorbei, fünf Geschäfte entstanden da gerade, ihr Mann sagte: "Kannste ja deine Buchhandlung hier aufmachen." Schwarz hörte auf ihn.

Mit einem Mal verkaufte sie Bücher an einen Menschenschlag, den sie als Frau aus dem Ruhrpott kaum kannte, an Professoren und "Wirtschaftsmänner", wie Schwarz sie nennt. Und die kamen nicht nur, um sich mit Lektüre einzudecken. Hildegard Schwarz unterhielt sich mit ihnen, lud sie nach Hause ein und bewirtete sie in ihrem Morsumer Haus, zwischen Stockrosen und Rittersporn. Sie blieben wochenlang, diese Freundschaften halten seit Jahrzehnten.

"Eine Buchhandlung braucht keine Verführung zum Eintritt"

Freundschaften stiften, das kann Sylt. Konnte es immer. "Heute nachmittag widerfährt meinem niedern Strohdach die Ehre", schreibt Siegfried Jacobsohn 1921 aus Kampen an Kurt Tucholsky, "daß Thomas Mann unter ihm weilt. Der alte Waterkantler hatte die Insel nicht gekannt und ist so erschlagen, daß er sofort ein Friesenhaus kaufen will."

Was Thomas Mann nicht schaffte, schafften viele andere Inselbesucher nach ihm. Sie kauften und bauten. Immer neue Lkw-Ladungen Klinker, Reet und Mörtel werden über den Hindenburgdamm herangekarrt, als gelte es, irgendwann jeden Zentimeter Düne zuzupflastern. Die Quadratmeterpreise steigen. Seit die ehemalige CSU-Politikerin Gabriele Pauli als Kandidatin für das Sylter Bürgermeisteramt einen sehr lauten Wahlkampf betrieb, weiß die ganze Republik Bescheid über die Krise der Insel – Immobilienhype, Personalnot, Einwohner, die keine Wohnungen mehr finden und aufs Festland fliehen.

Und natürlich liegt die Frage auf der Hand: "Frau Schwarz, wie sehen Sie dieses neureiche Publikum, das sich Pseudo-Friesenhäuser hinknallen lässt?" Man denkt, es folge eine schmissige Gesellschaftskritik. Nö. "Was wäre die Insel ohne die Schönen und Reichen? Wo bliebe ich mit meinem Geschäft?" Und nach einer Pause fügt sie hinzu: "So wie die Insel jetzt ist, wurde sie von Insulanern geschaffen. Sie hätten den Hindenburgdamm nicht bauen lassen dürfen. Dadurch ist etwas gewachsen, und dann lässt es sich nicht mehr bremsen."

Es ist nicht nur etwas gewachsen. Es ist auch manches verschwunden. Der Winter ist ruhig geworden, bis auf Silvester natürlich und die Tage rings ums Biikebrennen im Februar, bei dem die alten Weihnachtsbäume am Strand in Flammen aufgehen.

In manchen Monaten ist es gefährlich ruhig auf der Insel: Das Schwimmbad neben dem Buchladen wurde dichtgemacht, es kamen zu wenig Menschen. Ein Investor versprach goldene Zeiten, setzte einen Betonklotz ans Tipkenhoog – Riesenpleite. Neu war das für die Keitumer, dass mal etwas richtig schiefging. Nun dient die Ruine als Mahnmal der Immobiliengier.

Vor ein paar Jahren, als das Bauen ringsum richtig losging, haben Schwarz und ihr Mann ihr großes Haus in Morsum verkauft, in dem sie Lesungen und Diskussionen veranstaltet hatten. Vom Festland aus pendeln die beiden seither täglich mit Hunderten von Handwerkern, Geschäftsleuten und Servicekräften per Bahn von Klanxbüll auf die Insel.

Schön sei das, morgens in die Frische hinein übers Watt zu fahren und abends auf der Rückfahrt "auszuschludern". In der Hochsaison arbeitet Schwarz nie weniger als 70 Stunden in der Woche. Und das mit 84!

Jeden Morgen schließen sie und ihr Mann um 7.30 Uhr die Truhe auf, abends um 18 Uhr rollen sie die Ständer mit den Ansichts- und Kunstpostkarten wieder herein, Kassensturz und dann schnell zum Bahnhof. "Wir kommen zurecht", sagt sie.

Aber wie lange noch?

Hildegard Schwarz mag es nicht, über einen möglichen Nachfolger zu sprechen. Würde es dem gelingen, die neue Sylt-Prominenz einzufangen, jene Leute, die jetzt im Juli wieder die Klatschspalten füllen, Jürgen Klopp oder Jogi Löw? Am Tipkenhoog wurden sie bislang noch nicht gesichtet. Sie spielen lieber Golf.

Und überhaupt, wer soll denn so einen Laden übernehmen, der eben einzig und allein davon lebt, dass diese Frau ihn führt?

Die Schriftstellerin Ursula Krechel hat einmal gesagt: "Eine Buchhandlung braucht keine großen Schaufenster, keine Verführung zum Eintritt, keine himmelhohen Stöße, die ›abverkauft‹ werden müssen. Sie braucht kenntnisreiche Menschen mit großer Zuneigung zu den Büchern, Sucher und Finder."

Sie muss dabei an Hildegard Schwarz gedacht haben.