Der Junge sagt, er sei schon elf. Aber das mag geschwindelt sein; er sagt auch, er heiße Hermès. Er verkauft fast echte Markenkleidung in der Altstadt von Alanya. Wenn jemand vorbeikommt, der nach Tourist aussieht, klappert er eine Melodie mit den Sohlen zweier Sandalen. "Come in, my friend. Special price for you today!"

Im Laden ist keine Menschenseele bis auf einen mürrischen jungen Mann; Hermès ist sein Cousin. Zeitvergeudung, das alles hier, sagt er. "Die Bomben in Istanbul versauen mein Geschäft." Er weiß noch nicht, dass in drei Wochen ein Anschlag den Atatürk-Flughafen treffen wird. Aber er hat an diesem Morgen von dem Attentat auf einen Polizeibus gelesen. "Ich weiß nicht, wann ich zuletzt was verkauft habe, heute jedenfalls nicht." Diesmal soll es klappen, das merkt man ihm an. Er nimmt den Gürtel aus der Hand des Kunden und kokelt ihn mit seinem Feuerzeug an. "Siehst du? Spitzenqualität! Kunstleder würde jetzt brennen."

Eine halbe Stunde später ist er ihn los – und außer sich vor Wut. Was der Kunde zu zahlen bereit war, hat ihn entehrt und ruiniert. Die üblichen Basar-Floskeln, aber ohne das Lächeln, das sie sonst begleitet. "Wenn nicht Ramadan wäre, ich würde dich ...", der Händler drischt mit seinem Schuhlöffel in die Luft. Zuletzt muss Hermès noch einmal ran. Er hält die Hand auf und bettelt.

Erzählt man Alanyanern von diesem Vorfall, schauen sie einen ungläubig an. Nicht wegen der Markenpiraterie oder der Kinderarbeit – beides natürlich verboten. Sondern weil ein Verkäufer einen Touristen derart bedrängt hat. Dabei steht in der Stadt doch schon das Anquatschen von Passanten unter Strafe. Aber in diesem Sommer ist wenig, wie es war.

Alanya an der türkischen Riviera, Hochburg der Deutschen – hier passt diese Floskel. Über dem Ort thront eine seldschukische Festung. Sie gibt ihm eine Seele, die den benachbarten Retortenstädten wie Side oder Belek fehlt. Darum kommen pro Jahr um die 150.000 Touristen, ein Drittel davon aus Deutschland. Und wegen des Kleopatrastrands, der gleich an die Altstadt angrenzt.

Wer am Vormittag vom Burgfelsen zu ihm herunterschaut, sieht ein langes Nagelbrett vorm Blau des Mittelmeers. Tausende Sonnenschirme stecken im Sand, fast alle sind geschlossen. Am Abschnitt hinter dem Fischlokal hat Ceyhun einen für sich selber aufgespannt. "Einen Sommer wie den", sagt er, "habe ich noch nicht erlebt." Normalerweise geht er von Liege zu Liege und kassiert die bescheidene Miete, 4 Euro am Tag. Heute pirscht er sich an die wenigen Strandspaziergänger ran: "Hallo, wir haben WLAN gratis. Setz dich doch, ich richte es ein."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 30.6.2016.

Sein Kumpel Hasan kommt vorbei. Er ist noch brauner als Ceyhun, was darauf hindeutet, dass sein Geschäft noch schlechter läuft. Hasan verkauft Zeitungen. Mit einem Packen unterm Arm läuft er die drei Kilometer Strand auf und ab, bis alle verkauft sind. Er kann die Volkskrant auf Niederländisch anpreisen und das Aftonbladet auf Schwedisch. Dieses Jahr nützt ihm das wenig. Etwas macht den Ausländern Angst, so sehr, dass viele von ihnen fortbleiben. Was das sei? Hasan klopft auf seinen Stapel: "Die Politik."

"Politik" ist in Alanya das Sammelwort für jene fernen Erschütterungen, die alles hier ins Wanken bringen. In kaum vier Jahrzehnten wuchs die türkische Riviera vom dünn besiedelten Küstenstreifen zur wichtigsten Urlaubsregion im östlichen Mittelmeer. Und obwohl hier gar nichts vorfiel, erlebt sie nun ihre tiefste Krise. Diesen Sommer werden 40 Prozent weniger Gäste als in den Vorjahren erwartet. Die Folgen spürt man jetzt schon. Hunderttausende Saisonarbeiter werden nicht mehr gebraucht. Selbst die Bestatter, heißt es, müssen Personal entlassen, weil Badeunfälle seltener geworden sind.

Alanya ist noch übler dran; hier fehlt sogar die Hälfte der Touristen. Das liegt zum einen an den Russen, die gerne wie jedes Jahr kämen. Sie dürfen es bloß nicht mehr. Seit dem Abschuss eines Militärflugzeugs im November boykottiert Russland die Türkei. Und dann eben die Deutschen; die wollen nicht mehr. Viele sorgen sich um ihre Sicherheit. Sie änderten ihre Reisepläne, als im Januar deutsche Urlauber in Istanbul starben, und noch einmal, als Islamisten am Brüsseler Flughafen mordeten. Andere misstrauen dem politischen Kurs des Landes. In Alanya erzählt man sich von einem Deutschen, Stammgast seit dreißig Jahren. Sein Gastgeber wollte ihn zum Dank eine Woche gratis einquartieren. Seine Antwort: "Ich komme gerne, sobald Erdoğan nicht mehr regiert."