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Ich habe zwei Kinder, eine Tochter, einen Sohn, fast 16 und 13 Jahre alt.

Sie sind nicht mehr klein, sie sind noch nicht groß, sie wachsen, wie man wohl sagt, behütet auf, aber sie bekommen vieles mit. Sie sehen abends die Nachrichten, sie sind im Netz unterwegs. Hören von Putin, von Trump, von Erdoğan. Und manchmal fragen sie mich, in letzter Zeit häufiger: Spinnen die eigentlich alle?

Tja, gute Frage.

Vater zu sein, das ist für die Männer meiner Generation ja so etwas wie ein Projekt, eigentlich das Großprojekt schlechthin. Wir wollen das gut machen, aber tasten uns immer nur versuchsweise vorwärts. Man hat so seine Gedanken, man hat so seine Sorgen. Und in den letzten Monaten beschleicht mich immer häufiger ein mulmiges Gefühl. Das Gefühl, dass sich gerade etwas ziemlich Grundlegendes verändert. Für mich, aber auch für meine Kinder. In was für einer Welt werden sie eigentlich erwachsen?

Früher, als sie noch kleiner waren, vor drei, vier Jahren, da haben sie gern eine Art Spiel gespielt, so etwas wie ein Familienquiz. Sie haben mich gefragt, was es denn noch nicht gegeben habe, als ihre Großeltern Kinder waren. Was war damals anders?

Da gab es noch kein Telefon in jedem Haus, habe ich gesagt, denn eure Großeltern sind ja schon ziemlich alt. Es gab noch keine Fernseher, nur Radios. Keine Geschirrspüler, keine Toaster, keine Pizza vom Lieferdienst. Überhaupt keine Pizza.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 28 vom 30.6.2016.

Das schien ihnen eine fremde, merkwürdige Welt, faszinierend, aber unglaublich weit weg. Dabei ist es erst sechzig, siebzig Jahre her.

Manchmal haben sie auch mich gefragt, was es noch nicht gegeben habe, als ich so alt war wie sie heute.

Da gab es noch keine iPhones, habe ich dann gesagt, kein Google, kein WhatsApp oder Skype. Nur drei Fernsehprogramme. Und Sendeschluss irgendwann kurz nach Mitternacht.

Komisches Leben, haben sie geantwortet und gelächelt, halb erstaunt, halb mitleidig.

Was ich ihnen nicht erzählt habe oder erst viel später, ist all das, was es damals, Mitte der siebziger Jahre, gab und heute nicht mehr gibt.

Damals gab es noch Flüsse in Deutschland, in denen man nicht baden konnte, weil sie zu giftig waren. Damals stand das Schwulsein noch unter Strafe, und eine Frau an der Spitze des Staates war undenkbar. Das kommt mir selber heute schier unglaublich vor.

Damals gab es noch eine Grenze mitten durch Deutschland, mit Betonwällen und Stacheldraht, und wer darüberzuklettern versuchte, in die falsche Richtung, wurde erschossen. Ich habe meinen Kindern nicht erzählt oder nur einmal, eher beiläufig, dass eine Stunde Autofahrt von Hamburg entfernt sowjetische Panzer standen und Soldaten der Roten Armee, feindliche Soldaten. Ich habe ihnen nicht erzählt, dass meine Freunde und Mitschüler, als wir so alt waren wie sie jetzt, über die Aufstellung von neuen Atomraketen mitten in Deutschland gestritten haben. Und dass wir fest davon überzeugt waren, es gehe dabei wirklich um das Überleben der Menschheit.

Warum ich das nie erwähnt habe? Nicht weil ich das verschweigen wollte. Sondern weil es mir nicht mehr so wichtig schien. Weil es auch mir wie ein ferner, seltsamer Albtraum vorkam, eine Verirrung der Geschichte. Weil es danach immer besser wurde. Und weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass sich die Dinge positiv entwickeln. Nicht von selbst, aber durch Hartnäckigkeit und Arbeit.