Ich erinnere mich noch gut: Es ist Hochsommer, wir stehen auf der Autobahn im Stau, meine kleine Schwester quengelt, ich habe mich gerade auf der Rückbank erbrochen, und meine Eltern streiten darüber, wer vergessen hat, mir eine zweite Spucktüte einzupacken.

Es war die Strecke meiner Kindheit: MünchenGardasee. Für mich ein Grauen, aber gleichzeitig der Weg zum Glück, denn Italien stand immer auch für Ferien. Tolles Essen, Sonne – und im Sommer waren praktisch alle, mit denen ich zur Schule ging, irgendwann am Lago di Garda. Meistens fand sich dort ein Nachbarskind aus München, mit dem man spielen oder, ein paar Jahre später, rumhängen konnte.

Jetzt bin ich 31 und will die Strecke meiner Kindheit noch einmal zurücklegen. Aber so, dass sie sich sofort wie Urlaub anfühlt. Deshalb fahre ich mit der Vespa! Mit einer, die nur magenfreundliche 50 fährt und an die ich, Urlauber in weißem Hemd und Chino-Hosen, mich lehnen und Espresso trinken kann. Die Vespa ist das italienischste Fortbewegungsmittel, das es gibt, sozusagen das italienische Pendant zum Volkswagen. Wer darauf in München startet, hat Italien gewissermaßen schon unter sich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.

Mein Kumpel Jakob begleitet mich. Wir beide sind erst einmal im Leben Vespa gefahren, an einem Wochenende in Wien vor zwei Jahren, eine halbe Stunde lang. Jakob hat recherchiert, dass im Fach unter dem Sitz nicht viel Platz ist, deshalb nehmen wir doch keine weißen Hemden mit, sondern stopfen jeder nur T-Shirts in einen kleinen Rucksack. Es war immer schon so, dass Jakob Tage vor einer Reise seinen Koffer packte, während ich noch kurz vor Aufbruch meine frühmorgens gewaschenen Reiseklamotten trocken föhnte. Diesmal hat er sogar noch Handschuhe dabei, weil es in den Alpen kalt werden könnte, wie er sagt.

Unsere Roller leihen wir uns an einem sonnigen Donnerstagmorgen im Münchner Stadtteil Giesing. Die Kaution beträgt 1100 Euro pro Fahrzeug – dabei verraten wir nicht mal, dass wir damit über die Grenze wollen. Die Vespas sind weiß mit rotem Sitz und stehen nebeneinander geparkt vor dem Laden. Ich muss bei ihrem Anblick an Heiner Lauterbach denken. Ist er vielleicht der letzte Mann, der sich diese Farbkombination kaufen würde?

Jakob hat sich für 9,99 Euro eine App namens Outdoor Active heruntergeladen, die Landkarten mit Rennradrouten speichert. Auch er ist Münchner, wir beide kennen bisher nur die klassische Autobahnroute zum Gardasee. Mithilfe der App und Google Maps wollen wir uns nun abseits der großen Straßen über die Alpen schlängeln. Und uns unterwegs Pensionen und Hotels zum Übernachten suchen.

Dass wir beide praktisch keine Vespa- Erfahrung haben, merkt die Frau vom Verleih sofort. Wir bekommen unsere Roller zunächst kaum gestartet. Ist ja auch nicht so einfach: Den rechten Lenkergriff drehen zum Gasgeben, gleichzeitig die Bremse ziehen und einen Anlasser-Knopf drücken.

Die ersten Kilometer auf den Landstraßen von München in Richtung Tegernsee erinnern mich an den Film Dumm und Dümmer. In dieser Neunziger-Jahre-Komödie, die ich mit 13 liebte, sitzen Jim Carrey und Jeff Daniels auf einem viel zu kleinen Moped und fahren viel zu langsam quer durch die USA in Richtung Colorado. Auch wir schleichen dahin, trauen uns nicht, fünfzig zu fahren, und werden permanent von Lkw überholt. Dabei drückt uns ein Luftstoß jedes Mal ein wenig nach rechts. Ich erstarre innerlich schon, wenn ich im Rückspiegel links die Lastwagen heranrauschen sehe. Purer Stress.

Beratung bei einem Espresso kurz vorm Tegernsee: Ist das alles vielleicht doch eine doofe Idee? Jakob will die Reise abbrechen, wenn es so weitergeht. Zu gefährlich, findet er. Ich bin der Meinung, wir sollten auf jeden Fall versuchen, zum Gardasee zu gelangen, merke aber schon auch, dass der Urlaubscharakter unserer Tour gerade ziemlich ins Wanken gerät.