Wer mit Dov Charney reden will, dem spektakulär gescheiterten Mode-Millionär, kann ihn einfach anrufen. Seine Handynummer steht im Internet. Genauer: in den Pressemitteilungen, die das Unternehmen, das er einst gründete, immer dann veröffentlichte, wenn es mal wieder Ärger gab. 2010 zum Beispiel, als es hieß, in den Einstellungsverfahren von American Apparel werde nach Aussehen ausgewählt. In den Meldungen hieß es dann immer, das Unternehmen stehe für Offenheit – und der CEO beantworte gerne alle Fragen persönlich. Deshalb erscheinen auf Dov Charneys Handydisplay bis heute oft unbekannte Nummern. Viele Anrufer legen einfach wieder auf. Wenn nicht, wollen sie ziemlich viel wissen. Meistens sind es dann Reporter.

Anfang dieses Jahres hat Dov Charney wieder seine Nummer unter eine öffentliche Erklärung getippt und ins Netz gestellt. Diesmal allerdings nicht in der Rolle des erfolgreichen Firmenchefs, des Gründers von American Apparel, dem wohl meistgehypten Mode-Label der USA. Sondern als Privatmann, der auf das Unternehmen, das er schuf, nur noch von außen blicken kann. 2014 wurde Charney aus seinem eigenen Unternehmen geschmissen, wegen "Fehlverhalten". Offiziell, weil er es zugelassen habe, dass Angestellte des Unternehmens auf einem fremden Blog beleidigt wurden.

Auch vorher war der Firmengründer schon in die Schlagzeilen geraten: Er soll private Reisen über das Unternehmen abgerechnet und Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben. Einmal onanierte er sogar während eines Interviews vor einer Journalistin.

Mit einer Gerichtsentscheidung ist es amtlich: Charney, der King of Shirts, ist entthront

In der öffentlichen Erklärung empört sich Charney über die Entscheidung eines US-amerikanischen Insolvenzgerichts. Dieses hatte Anfang des Jahres die Sanierungspläne der neuen Geschäftsführung von American Apparel gebilligt. Charney hält die Pläne für grundfalsch. "Ich glaube nicht, dass das aktuelle Management das Talent hat, das Unternehmen zu retten", sagt er. "Die traurige Wahrheit ist, dass der größte Bekleidungsproduzent der Vereinigten Staaten nicht überleben wird."

Bei American Apparel wird das niemanden interessieren. Mit der Entscheidung des Gerichts ist es amtlich: Das Unternehmen geht in den Besitz seiner wichtigsten Gläubiger über. Zahlreiche bisherige Anteilseigner, unter ihnen auch Charney, verlieren ihre Ansprüche. Der einstige King of Shirts ist damit endgültig entthront.

Der heute 47-Jährige hatte als junger Mann eine steile Karriere hingelegt – und stand dabei scheinbar immer auf der Seite des Guten. Er ließ die Kleidung nicht wie üblich in Billiglohnländern nähen, sondern in den USA, zu einem überdurchschnittlichen Stundenlohn. Er setzte sich für Schwule und Lesben ein, verkaufte in einer großen Kampagne T-Shirts mit dem Aufdruck "Legalize Gay". Er lief ganz vorne mit bei Demonstrationen für mehr Rechte für Einwanderer. Charney engagierte sich. Und wurde mit diesem Image reich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.

Bereits 1989 hatte Charney, der Sohn einer Künstlerin und eines Architekten, im kanadischen Montreal den Grundstein für das Unternehmen gelegt, 1997 zog er nach Los Angeles. Innerhalb weniger Jahre machte er American Apparel zu einem Bekleidungsriesen in den USA.

Als er nun ans Telefon geht, steht er gerade an einer Straße in Los Angeles und wartet auf sein Uber-Taxi. Immer wieder unterbricht er das Gespräch. Mal, um ein anderes Telefonat anzunehmen, mal, um mit seinem Handy ein Foto zu machen, das er später im Internet posten will. "Kennen Sie mein Facebook-Profil?", fragt er unvermittelt. Dort hat er in den vergangenen Monaten Dutzende Fotos seiner Heimatstadt Los Angeles veröffentlicht: Fassaden, Läden, Leuchtreklamen. Der dunkelhaarige Mann mit der hohen Stirn, der fast immer weiße Sneaker zum weißen Hemd oder T-Shirt trägt, sagt, er lasse sich überall inspirieren. "Ich liebe diese Stadt", sagt er. Er klingt erst euphorisch, dann schlägt seine Stimmung um: "Was man verstehen muss: Die haben mir mein Unternehmen gestohlen!"

Hinter ihm liegt ein langer Kampf. Seit er 2014 vom Aufsichtsrat gefeuert wurde, versucht er, die Kontrolle über das Unternehmen zurückzugewinnen. Zuletzt bot er zusammen mit zwei Investmentgesellschaften 300 Millionen Dollar, um American Apparel zurückzukaufen – und scheiterte: Der Aufsichtsrat und die Gläubiger von American Apparel blockten ab.

"Das ist der amerikanische Albtraum", sagt Charney und spricht von "einer Verlagerung des Kapitals von Aktienbesitzern und Mitarbeitern hin zu Anwälten und den Haien der Wall Street! Wie im Kinofilm!" Seine Version der Geschichte geht so: Im Juni 2014 sollen in der jährlichen Aufsichtsratssitzung neue Mitglieder gewählt werden. Doch die Sitzung hat noch einen anderen Zweck, einen, mit dem Charney nicht gerechnet hat: Er wird rausgeworfen. Wegen "Fehlverhalten". Im Dezember wird er offiziell entlassen. Charney verklagt die Mitglieder des Aufsichtsrates wegen Betrug – erfolglos. Sein Unternehmen wird heute von einer Frau geführt: Paula Schneider.

Fragt man Charney nach dieser Zeit, wird er fahrig. Und beendet das Gespräch. Neuer Versuch, ein paar Tage später: "Ich kann jetzt nicht sprechen, mir wächst gerade alles über den Kopf", sagt er. "Ich hab nicht mal mehr zehn Dollar auf dem Konto." Nach teuren Rechtsstreitigkeiten sei er finanziell ruiniert. Seine Villa mit 20 Zimmern aber, die auf einem Hügel liegt, mit Blick über Los Angeles, die hat er noch. Die Wände sind vollgeklebt mit gelben Zetteln, auf denen er Gedanken und Ideen notiert. Mit ihm im Haus leben zurzeit ein paar Mitstreiter. Menschen, mit denen Dov Charney eine neue Version des Unternehmens aufbauen will, das ihm seine alten Wegbegleiter, so sieht er es, weggenommen haben. Ein französisches Kamerateam filmte kürzlich in Charneys Villa und traf dort auf eine junge Frau mit extravaganter Brille. Auf die Frage, warum sie Dov Charney unterstütze, sagte sie: "Dov ist wie ein großes Baby, das man einfach lieben muss."