Da steht es, mannshoch und 2.500 Kilo schwer. Rupft Gras, geht ein paar Schritte, rupft wieder Gras. Mehr macht das Nashorn nicht. Trotzdem müssen an diesem Nachmittag Anfang Mai in Kenia zwei Fernsehteams aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig ins Bild laufen, während sie das Nashorn filmen.

Man kann im Reservat Ol Pejeta majestätische Elefanten sehen und elegante Giraffen, aber der Star ist ein träger Nashornbulle namens Sudan, auf ihn richten sich die Objektive. Etwas abseits der Fernsehteams öffnet jetzt ein Mann seinen Skizzenblock und zückt einen Stift. Es ist ein Maler aus England, extra angereist, um Sudan zu zeichnen, das inzwischen wohl bekannteste Nashorn der Welt. Sudan ist der letzte Bulle seiner Art, des Nördlichen Breitmaulnashorns.

Sudan wird nachts von bewaffneten Rangern vor Wilderern beschützt. Am Eingangstor von Ol Pejeta hängt ein Plakat mit einer Stellenanzeige. Zwei Ranger in Khaki sind zu sehen, sie halten ein Sturmgewehr in der Hand, darunter steht in dicken Lettern: "Wollen Sie Nashorn-Bodyguard werden?" Es ist ein Bild, das um die Welt gegangen ist. "Sudan braucht Waffenschutz: Bodyguards für das letzte Nashorn", schrieben die Zeitungen im Frühling 2015, "Kampf ums Überleben: 24-Stunden-Wache für das letzte Nashorn". Filmteams aus aller Welt reisten nach Ol Pejeta, um das Drama vom Aussterben der Nördlichen Breitmaulnashörner in die Wohnzimmer der westlichen Welt zu tragen. "Dies ist ein Bild von der Front", urteilten die Journalisten in ihren Berichten, sie fragten: "Haben wir nichts gelernt seit der Eiszeit?"

Jedes Jahr sterben mehrere Tausend Arten für immer aus. Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion stehen aktuell 23 250 bedrohte Tiere und Pflanzen. Das ist traurig, und trotzdem interessiert es kaum jemanden, ob, zum Beispiel, in Ecuador bald der Stummelfußfrosch ausstirbt oder in Singapur die Süßwasserkrabbe. Nun aber hatte das Artensterben plötzlich ein Gesicht: das runzlige eines sehr alten Nashorns.

Drei Nördliche Breitmaulnashörner – ursprüngliches Verbreitungsgebiet: Zentral- und Ostafrika – gibt es nur noch auf der Welt, Sudan und die beiden Kühe Najin und Fatu, die in einem anderen Freigehege in Ol Pejeta grasen. Die drei haben, klar, ein breites Maul, unterscheiden sich aber vom Südlichen Breitmaulnashorn durch eine stärker geschuppte Haut, einen kürzeren Kopf und größere Füße. Touristen könnten das Nördliche kaum vom Südlichen Breitmaulnashorn unterscheiden, von dem es im Süden Afrikas noch 20.000 Exemplare gibt.

Trotzdem wollen die Touristen unbedingt das Nördliche Breitmaulnashorn sehen. Es ist das Wissen darum, dass es nur noch Sudan, Najin und Fatu gibt, das die Menschen nach Kenia reisen lässt, um beim Anblick der drei zu erschaudern. Für die Vermarktung des Reservats ist das Aussterben des Nördlichen Breitmaulnashorns keine schlechte Sache. Auf seiner Website wird der Besuch der Tiere als "einmalige Gelegenheit" angepriesen.

Als aus Sudan ein weltbekanntes Nashorn wurde, war längst klar: Die bewaffneten Ranger würden ihn vielleicht vor Wilderern schützen, nicht aber seine Art erhalten können. Sudan ist 43 Jahre alt. Nashörner werden 40 bis 50, Sudan ist also bereits ein Greis. Seine Hoden sind verkleinert, die Qualität seiner Spermien ist miserabel, und er könnte sich gar nicht mehr lange genug auf den Hinterbeinen halten, um eine der beiden Kühe zu decken, Nashornsex dauert bis zu eineinhalb Stunden. Sudan hat aber sowieso keine Lust auf Sex. Er ist impotent. Auch die beiden Nashornkühe – sie werden ebenfalls bewacht – können sich nicht mehr fortpflanzen. Die jüngere, nur 16 Jahre alte Fatu hat eine vernarbte Gebärmutterschleimhaut und würde gar nicht erst schwanger werden. Najin, 26 Jahre, hat kaputte Achillessehnen und würde das zusätzliche Gewicht einer Schwangerschaft nicht aushalten.

Damit sind die Nördlichen Breitmaulnashörner nicht nur eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Sie sind quasi ausgestorben. Oder haben sie noch eine letzte Chance?

Thomas Hildebrandts Institut: Eine Kinderwunschklinik für etwas größere Babys

An Sudans Gehege hängt ein Schild, darauf steht: "Deutsche Reproduktionsspezialisten entwickeln zurzeit Techniken für eine assistierte Reproduktion bei gefährdeten Nashornarten."

Flughafen Berlin-Tegel, Ende November 2015. Thomas Hildebrandt, 52 Jahre alt, steht am Check-in-Schalter und testet, ob eine Vielfliegerkarte und nett fragen reichen, um ein Gepäckstück mehr aufgeben zu können, ohne extra zu zahlen. Neben ihm stehen drei Hartschalenkoffer und zwei große Kartons, gut 100 Kilo Ausrüstung. Am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin leitet Hildebrandt die Abteilung für Reproduktionsmanagement. Er redet wie ein Wissenschaftler – "Der Prozess der Vitrifizierung einer Oozyte ..." –, aber er sieht aus wie ein Tierarzt: Jeans, Pulli, Funktionsjacke. Zoos rufen bei ihm ungefähr zu dem Zeitpunkt an, zu dem ein Mann und eine Frau den ersten Termin in einer Kinderwunschklinik ausmachen würden: wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt mit dem erwünschten Nachwuchs.