Ein führender Politiker der Linken wünscht sich, dass der nächste Bundespräsident liberal-konservativ sein soll.

Ein Mitglied des CDU-Präsidiums fürchtet, dass die SPD an ihren 20 Prozent zugrunde geht. Und mit ihr noch ein bisschen mehr.

Ein SPD-Spitzenmann glaubt, dass die große Koalition aufhören muss, damit die CDU wieder rechter werden kann.

Eine Ministerin findet, Politik sei zur Arena geworden: Immer mehr schauen zu, immer weniger machen mit. Und die Stimmung wird immer aggressiver.

Wer in diesen Tagen mit Politikern spricht, macht eine neue Erfahrung. Vorbei die Zeit der taktischen Manöver, in denen man sich über jeden Misserfolg des politischen Gegners freute, jede Schwäche nutzte, um selbst zu glänzen, die eigenen Schwächen schönredete und alles, was passierte, zum Plan erklärte. Das Verschieben der polit-tektonischen Platten, das oft beschworen wurde – man kann es jetzt spüren. In vielen Gesprächen mit Politikern, im Büro, im Ministerium, im Lokal, mal mit, mal ohne Brezel.

In den sogenannten Hintergrundgesprächen kommen Journalisten und Politiker regelmäßig zum Gespräch zusammen. Mal lädt ein Politiker ein, mal ein Journalistenkreis. Es geht darum, möglichst offen zu reden, hinter die Satz-Stanzen zu kommen, im besten Fall gelingt ein Austausch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.

Früher war es oft so: Je wichtiger und aktiver der Politiker, desto uninteressanter das Hintergrundgespräch, desto heftiger der "Spin", der Versuch also, durch gelenkte Information eine bestimmte Sichtweise zu verbreiten, die nämlich, die dem Politiker am meisten nützte. Heute ist das anders: Je größer der Spin, desto kleiner der Politiker. Und je seriöser die Politikerin, desto größer die eingestandenen Zweifel.

Müde wirken die Politiker und gleichzeitig wie aufgeputscht. Vom Wein, den es bei solchen Runden auch manchmal gibt, kommt das aber nicht, eher liegt es an den Zeiten. Millionen Migranten sind nach Europa gekommen, fast täglich brennen Flüchtlingsheime. Köln ist kein Synonym mehr für bedingungslosen Frohsinn, sondern für Angst. Und nun verlässt auch noch Großbritannien die EU. "Wissen Sie noch", fragen die Journalisten die Politiker gelegentlich, "wie wir uns manchmal gefragt haben, ob eigentlich in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode noch etwas passiert?" – "Das muss lange her sein", antworten die Politiker und überlegen, wann genau das eigentlich angefangen hat, dass ständig etwas Neues reinknallt.

Irgendwann im letzten Jahr ist aus "spannend" endgültig "bedrohlich" geworden. Es könnte jetzt, bitte, mal wieder ein bisschen langweilig werden.

Wird es aber nicht. Zwar ist das Brexit-Lager dabei, sich in atemberaubendem Tempo selbst zu zerlegen, die AfD ist in den Umfragen leicht abgesackt, die Spanier haben eher konservativ als revolutionär gewählt, und Horst Seehofer hat schon seit zwei Wochen keine Klage gegen die Bundesregierung mehr angedroht. Aber die nächsten Wut-Wellen sind bereits in Sicht, europaweit und sogar darüber hinaus: Österreich muss die Wahl des Bundespräsidenten wiederholen, Ungarn wird im Herbst ein Referendum darüber abhalten, ob die EU die "Ansiedlung von nicht ungarischen" Menschen in Ungarn beschließen dürfe. Italien stimmt über eine Verfassungsreform ab, die das politische System modernisieren soll – und den Ministerpräsidenten Renzi sein Amt kosten könnte. Marine Le Pen will ein Referendum über den Frexit erzwingen, einen Ausstieg Frankreichs aus der EU. Und die Amerikaner müssen sich mit der Frage beschäftigen, ob sie demnächst von einem Mann regiert werden könnten, der die Foltermethode des Waterboarding für "peanuts" hält.

Zu groß die Fliehkräfte, zu viel passiert, als dass man es länger wegreden, in die alten Schubladen stecken, dementieren kann. Jedenfalls bringen das immer weniger Politiker fertig. Selbst der Streit zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer wirkte über weite Strecken wie das unfreiwillige Duell zweier Politiker, die einfach nur noch sagen, was sie gerade denken. Und damit gewaltige Irritationen verursachen. Denn im politischen Diskurs ist das eigentlich nicht vorgesehen.

Deshalb wollen sich auch die Politiker, die in den Hintergrundkreisen seit einer Weile so anders klingen, nicht zitieren lassen, deshalb kann man nur indirekt beschreiben, was mit Händen zu greifen ist: fundamentale Ratlosigkeit, echte Sorge, Furcht.