DIE ZEIT: Herr Drewes, wie viele von Krieg und Flucht traumatisierte Kinder sitzen in unseren Klassenzimmern?

Stefan Drewes: Die TU München stellte 2015 in einer Studie fest, dass 20 Prozent aller syrischen Flüchtlingskinder in einer bayerischen Erstaufnahmeeinrichtung eine posttraumatische Belastungsstörung zeigten. Das lässt sich aber nicht verallgemeinern. Es gibt dazu keine realistischen Zahlen. Wichtig ist, dass Lehrer wissen, woran man eine Traumatisierung erkennt. Aber wir sollten das Augenmerk nicht zu stark darauf richten.

ZEIT: Warum nicht?

Drewes: Weil man mit den meisten der Kinder gut arbeiten kann, sie fügen sich in den Schulalltag ein, sind wissbegierig, interessiert, neugierig und entwickeln sich positiv. Als die sogenannte Flüchtlingswelle auf uns zukam, war bei den Lehrern große Angst und Unsicherheit zu spüren: Schaffen wir das überhaupt? Die Kinder sind doch alle schwer gestört und traumatisiert! Dafür sind wir nicht ausgebildet! Viele Lehrer haben sich in den vergangenen Monaten mit dem Thema auseinandergesetzt und spüren nun, dass sie eine Menge leisten können.

ZEIT: Ist jede Flucht schon ein Trauma?

Drewes: Eine Flucht, die Wochen dauert, übers Meer und durch mehrere Länder führt, ist für Kinder kein Abenteuer. Das ist eine traumatische Erfahrung. Sie erleben dabei auch die Anspannung und den Stress der Eltern, auf die sie absolut angewiesen sind. Der Verlust ihres Zuhauses, ihrer Freunde, die Unsicherheit, wie es mit dem Rest der Familie weitergeht, der noch im Heimatland lebt. Eine solche Situation durchleben zu müssen bedeutet aber nicht automatisch, dass es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen muss. Das kann die Schule mit verhindern.

ZEIT: Ist die Schule ein Ort der Heilung?

Drewes: Ich würde eher von einem Verarbeitungsort als von einem Ort der Heilung sprechen. Wenn es die Schule schafft, diesen Kindern ein Gefühl von Sicherheit zu geben, und Lehrer in der Lage sind, Beziehungen und Bindungen aufzubauen, dann können die Kinder nach einer Flucht beginnen, hier ihre Erlebnisse zu verarbeiten und mit neuen Erfahrungen zu überschreiben. Kinder haben ein Potenzial, sich schnell auf Neues einzulassen. Das müssen wir nutzen. Eine sichere und stabile Umgebung, in der es Rituale und einen Alltag gibt, in der man Verständnis hat für so manche unerklärliche Verhaltensweise des Kindes und in der Unterstützung angeboten wird – das alles hilft.

ZEIT: Woran können Lehrer erkennen, ob ein Kind traumatisiert ist?

Drewes: Es gibt Kinder, die durch plötzliches aggressives oder reizbares Verhalten auffallen. Die sehr stark auf Gerüche und Geräusche reagieren, die sie an bestimmte Erlebnisse erinnern. Wenn die schrecklichen Bilder wieder hochkommen, kann das zu Panik- und Angstattacken führen. Es können aber auch ein stilles zurückgezogenes Verhalten, Selbstverletzungen und plötzliche Leistungseinbrüche sein, die sich bemerkbar machen.

ZEIT: Wie geht man mit einem traumatisierten Kind im Unterricht am besten um?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.

Drewes: Wir raten Lehrern, zunächst nach ihrem Bauchgefühl zu gehen. Jedes Kind ist anders, da ist es wichtig, genau zu beobachten. Natürlich sollte man dem Schüler Gesprächsangebote machen, ohne ihn zu bedrängen. Einen Jungen, der gesehen hat, wie sein Vater erschossen wurde, sollte man nicht fragen: Wie fühlst du dich jetzt ohne deinen Vater? Das sollte man einem Therapeuten überlassen. Ich verstehe, dass es nicht leicht ist, auf das Kind zuzugehen, wenn man immer daran denken muss, was es durchgemacht hat. Der Vorschlag, mit den anderen Jungs Fußball zu spielen, wirkt da schon seltsam. Aber es kann eben sehr hilfreich sein, dem Kind eine neue Normalität zu eröffnen, ihm die Möglichkeit zu geben, soziale Kontakte zu finden, sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Wir machen Lehrern auch immer wieder klar: Ihr seid keine Therapeuten, ihr seid Pädagogen! Eure Aufgabe ist es, Beziehungen zu den Kindern aufzubauen, Entwicklungen anzustoßen. Wichtig ist, dass sich Lehrer nicht selbst blockieren oder unnötig zurückhalten, nur weil sie denken, die Kinder brauchten eigentlich etwas ganz anderes.

ZEIT: Dabei geht die Aufgabe, die den Lehrern in den Flüchtlingsklassen zukommt, schon weit über das Unterrichten hinaus.

Drewes: Ja, das ist so. Und wir erleben viele Lehrer, die das mit Freude annehmen, weil sie sich endlich mal wieder als Pädagogen fühlen und spüren, bei den Kindern etwas bewirken zu können. Da ist also sehr viel Begeisterung dabei, aber mir macht auch Sorge, wie Lehrer mit dieser großen Belastung und Verantwortung langfristig umgehen werden. Viele sind emotional so stark an den Schicksalen der Kinder beteiligt, dass kaum noch Distanz da ist. Wenn ein Kind plötzlich wieder verschwindet, weil es in eine andere Unterkunft umziehen muss und in eine neue Schule geht, dann sieht der Lehrer alles, was er selbst erreicht und aufgebaut hat, in Gefahr.

ZEIT: Wie erschöpft sind die Lehrer bereits?

Drewes: Sie ziehen viel Energie aus den Erfolgen ihrer Arbeit, aber sicher droht einigen die Erschöpfung. Wir müssen aufpassen, dass die Lehrer nicht an einen Punkt kommen und sagen: Ich kann nicht mehr, ich will mich dem Ganzen nicht mehr stellen, ich möchte da nicht mehr so nah dran sein. Einfach weil sie sich über lange Zeit so stark emotional belasten.

ZEIT: Gibt es genügend Unterstützung?

Drewes: Wir haben als Schulpsychologen in vielen Bundesländern Fortbildungen angeboten, die Kurse waren sofort voll und mehrfach überbucht. Was Lehrer brauchen, ist kollegiale Unterstützung und Supervision. Die Möglichkeit, sich auszutauschen, um mit den Schicksalen der Kinder nicht alleingelassen zu werden. Schulleiter haben hier eine besondere Verantwortung, zu sehen, wie es ihnen geht, ob man mehr Rotation in das System bringen muss, nicht immer dieselben Lehrer mit dem Unterricht in den internationalen Klassen beauftragen sollte. Als vor einigen Jahren die ersten Schulen die Inklusion umsetzten, gab es auch die besonders engagierten Lehrer, die sich sofort in die neue Aufgabe gestürzt haben. Als sie dann erschöpft waren und nicht mehr konnten, sagten die anderen: Wir haben ja gleich gesagt, dass das nicht funktionieren kann!

ZEIT: Was brauchen Schulen und Lehrer, wenn die Zahl der Flüchtlingskinder so hoch bleibt?

Drewes: Die Schulen brauchen eine ausreichende Ausstattung mit Lehrern. Die Unterversorgung, die zum Teil schon vor der Flüchtlingswelle herrschte, macht sich jetzt besonders bemerkbar. Wichtig ist auch ein schulnahes Unterstützungssystem mit Psychologen oder Sozialpädagogen, die man zurate ziehen kann – gerade wenn es Kinder gibt, deren Traumata sich verfestigen und die dann doch therapeutische Hilfe brauchen. Wir Schulpsychologen sind in vielen Bundesländern für Lehrer kaum greifbar, weil es viel zu wenige von uns gibt. In Niedersachsen zum Beispiel kommen 15 000 Schüler auf einen Schulpsychologen, in Nordrhein-Westfalen sind es 8.400 Schüler, in Berlin 5.000. Manche Bundesländer haben gerade neue Stellen geschaffen; das ist ein gutes Signal. Denn diese Unterstützung haben nicht nur die Flüchtlingskinder, sondern auch die Lehrer verdient.