Wie ein Schloss thront die Mörikeschule auf einem Hügel über Backnang bei Stuttgart. In ihren Computerräumen, ganz oben unter dem roten Ziegeldach, soll die große Frage beantwortet werden, die Deutschlands Schulen derzeit umtreibt: Was können die Flüchtlinge, die plötzlich bei uns im Unterricht sitzen?

Kinder und Jugendliche, eben noch auf der Flucht, werden nun vermessen, mit deutscher Gründlichkeit. Was können sie in Mathematik? Wie gut können sie sich konzentrieren? Wie ist es mit Logik, wie mit Sprachen? Wie lange haben sie eine Schule besucht? Was für eine Schule? "Potenzialanalyse für Flüchtlinge" heißen die Tests. Das baden-württembergische Kultusministerium hat sie in Auftrag gegeben. Die Erkenntnisse sollen einem einfachen Zweck dienen: die Flüchtlinge auf die richtige Schule, in die richtige Jahrgangsstufe zu schicken – um sie so besser zu fördern. Bislang lautet das Verfahren bloß: Schauen wir mal, wie er oder sie sich so macht.

Zehn Jungen und sechs Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren sitzen an diesem Junimorgen hier im dritten Stock, sie besuchen noch keinen Monat die Vorbereitungsklassen der Gemeinschaftsschule, sie kommen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, dem Iran. Alina, 16, möchte Zahnärztin werden oder Architektin, vielleicht auch Friseurin. Sie wurde im Iran geboren, hat afghanische Eltern, trägt ihr grün-schwarz gemustertes Kopftuch locker über den Haaren. Neben ihr sitzt Mohamed aus Bagdad, 13 Jahre alt, blaue Brille und Undercut, sein Lieblingsfach im Irak war Arabisch. Jetzt müsste es Deutsch werden, damit er es in seiner neuen Heimat schafft.

Zwischen 200.000 und 300.000 Kinder und Jugendliche fanden in kurzer Zeit einen Platz zum Lernen, je nach Bundesland heißt er Vorbereitungs-, Übergangs- oder Auffangklasse. Fast überall gilt: Bevor sich die Flüchtlingsschüler in den normalen Unterricht integrieren, müssen sie die neue Sprache lernen. Wie sie das tun, ist von Bundesland zu Bundesland, teils sogar von Schule zu Schule verschieden. Als Faustregel gilt: Nach circa einem Jahr sollen die Flüchtlinge bereit sein für die Regelklassen.

Gelingt ihnen der Sprung in den deutschen Schulalltag? Was können die neuen Mitschüler, und wie schnell lernen sie? Und: Wie geht es den Lehrern? Zum Ende des Schuljahres hat sich die ZEIT in Deutschlands Schulen umgesehen.

Für Zahlen und Statistiken ist es noch zu früh: Übergangsquoten, Schulabschlüsse – es gibt sie nicht. Sogar die genaue Zahl der Flüchtlinge an deutschen Schulen kennt niemand. Doch aus vielen Einzeleindrücken beginnt sich ein erstes Bild abzuzeichnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.

10.35 Uhr, Raum 101 in der Bremer Oberschule Findorff. Ein paar Schüler knobeln noch am Präpositionen-Quiz ("Heißt es vor die Tür, vor der Tür, vor den Tür?"), während der Rest der Klasse sich schon auf Deutsch, Arabisch und Farsi durch die Pause albert. An der Wand hängen die Nationalflaggen der Schüler, Mohammads Fahne leuchtet in Schwarz-Rot-Grün, den Farben Afghanistans. Anfang des Schuljahres besuchten wir die Schule im Bremer Norden schon einmal, damals stammelte der zwölfjährige Junge nur ein paar Worte auf Deutsch. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Buch für Erstklässler mit wenig Text und einem Teddy auf dem Umschlag. Heute ist Mohammad dreizehn, fast zehn Zentimeter größer und plappert ungezwungen drauflos.

Es dauerte damals nicht lange, da saß der Junge in einem der Vorkurse, wie die Flüchtlingsklassen in Bremen genannt werden. Jeden Tag paukte er mit seinen Klassenkameraden aus Syrien, Bulgarien oder dem Irak vier Stunden lang die neue Sprache. Den Rest des Schultages verbrachte er in einer normalen Klassengemeinschaft. Mohammad lernte, dass es im Deutschen Artikel für männliche, weibliche und sächliche Wörter gibt und dass man in der neuen Sprache "umgekehrt schreibt", also nicht mehr von rechts nach links. Heute liest er schon Bücher, vor allem über Fußball. Und wenn man den Jungen auf dem Schulhof kicken sieht, ist er nicht mehr von seinen deutschen Mitschülern zu unterscheiden.

Man kann Mohammads Geschichte als Erfolgsstory lesen – oder als Geschichte zu hoher Erwartungen. Denn mehr als einen erweiterten Hauptschulabschluss wird er kaum schaffen. Und selbst den nur, wenn er weiterhin erhebliche Unterstützung bekommt: Deutschstunden neben dem normalen Unterricht, Hausaufgabenhilfe. Zu kurz war seine Schulzeit im iranischen Exil, wo er mit einer Familie mehrere Jahre lang lebte. Zu groß ist der Wissensvorsprung seiner deutschen Klassenkameraden, zu schwierig die fremde Sprache.

"Der Übergang von der Alltagssprache zur Bildungssprache ist eine der größten Hürden, an der viele zu scheitern drohen", sagt Bernt Ahrenholz, Experte für das Fach Deutsch als Zweitsprache von der Universität Jena. Über tausend neue Wörter kennt Mohammad mittlerweile – unzählige andere jedoch nicht. Doch genau auf diese kommt es in Biologie ("Pflanzen kreuzen"), Geschichte ("Dekret erlassen") oder Physik ("Kraft ausüben") an.

Gerade hat Mohammad die Prüfung für das Deutsche Sprachdiplom (DSD) abgelegt. B1 heißt das Niveau, das die Vorschüler erreichen sollen, um nach einem Jahr intensiven Deutschlernens dem Fachunterricht in einer Regelklasse folgen zu können. Mohammad schaffte nur A2, ein Niveau tiefer, obwohl er eifrig lernte. In den acht Bundesländern, die das DSD-Examen anbieten, kommt die Hälfte der Geprüften auf B1. Dabei werden nur diejenigen Flüchtlingsschüler zum Test gemeldet, von denen die Lehrer glauben, dass sie eine Chance haben.