Manchmal, wenn Franziska Richter Straßenbahn fährt, bleibt sie stehen, obwohl sie sich gerne setzen würde. Die 25-Jährige nennt das "Abtötung". Regelmäßig versagt sie sich kleine Freuden. Das soll sie abhärten für Aufgaben, die sie eines Tages mehr Überwindung kosten werden. Vielleicht verfügt das Opus Dei irgendwann, dass sie an einen anderen Ort gehen und alles hinter sich lassen muss. Dann will sie vorbereitet sein.

Franzi gehört dem Opus Dei an, einer Laienorganisation der katholischen Kirche. Jeden Tag erfüllt sie ihren "Lebensplan", verbringt einen Großteil ihrer Zeit mit beten, büßen, beichten. Ob sich die Geschichtsstudentin vor sechs Jahren der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst war? Kann man mit 19 Jahren sicher sagen, dass man auf Sex und einen Partner und Kinder verzichten will? Dass man, anstatt sich auszuprobieren – Verliebtheit und Sehnsucht auskosten, flirten, tanzen, trinken und rauchen –, Gehorsam, Armut und Keuschheit einhalten wird, für immer? Was bringt einen jungen Menschen dazu, eine solche Entscheidung zu treffen?

An einem kalten Montagmorgen öffnet Franzi die Tür zu ihrem Kölner Wohnheim. Der "Campus Müngersdorf" wird vom Opus Dei betrieben. Ausschließlich Frauen dürfen hier leben. Franzi ist nicht alleine, eine etwa 50-jährige Frau steht neben ihr: Sie stellt sich als Hilde Müller vor, die Leiterin des Wohnheims. "Es ist doch okay, wenn ich bei dem Gespräch dabei bin?", fragt sie. Es klingt nicht so, als habe man eine Wahl. Der Besprechungsraum sieht aus wie ein Hotelzimmer. Alles ist blitzsauber. Franzi lächelt.

Spätestens seit Dan Browns Roman Sakrileg hat das Opus Dei den Ruf eines erzkonservativen, machtbesessenen Geheimbundes. Es ist nicht leicht, herauszufinden, was Fakt und was Legende ist. Sicher ist: Die Organisation hat weltweit etwa 90.000 Mitglieder, in Deutschland sind es etwa 600. Nur zwei Prozent sind Priester. Die Elite des Opus Dei setzt sich aus den sogenannten Numerariern zusammen. Es sind ausschließlich Akademiker, die sich zum Zölibat bekennen und in "Zentren" leben, streng nach Geschlechtern getrennt. Sie stellen ihr gesamtes Leben dem Werk zur Verfügung, geben auch ihre Einkünfte ab. Franzi ist eine von ihnen.

"Wir haben uns das nicht ausgesucht. Wir sind dazu berufen", sagt Hilde Müller. Franzi ergänzt: "Zölibat ist Trumpf. Wir sind als Laien damit aufgewertet." Wir. Damit meint sie sich und die Wohnheimsleiterin, aber vielleicht auch noch die unsichtbaren Heerscharen, die ebenfalls zu der Organisation gehören. Wenn die beiden über Opus Dei sprechen, schauen sie sich gegenseitig an. Das Band zwischen ihnen ist fast sichtbar. Sagt die eine etwas, nickt die andere zustimmend. Sie teilen ein Wissen, eine Erfahrung, an der sie andere bereitwillig teilhaben lassen, die andere aber auch ausschließt. Ist es das, was Franzi am Opus Dei anzieht? Das Gefühl, auserwählt zu sein? Es ist schwierig, das zu ergründen. Franzi antwortet selbstbewusst auf alle Fragen. Keine Spur von Zweifeln, keine Rede von Unverständnis und Befremdung anderer. Franzi stammt aus Potsdam, wie sie erzählt. Der Vater ist in ihrer Kindheit abwesend, die Mutter arbeitet als Physiotherapeutin. Franzi wächst evangelisch auf, sonntags geht sie mit ihrer Mutter in die Kirche. Das ist ungewöhnlich in den neuen Bundesländern. 80 Prozent in ihrem Umfeld seien bekennende Atheisten gewesen, sagt Franzi. Sie spürt zu anderen Christen sofort eine Verbindung.

Als sie 17 Jahre alt ist, kommt sie nach dem Unterricht mit ihrer Spanischlehrerin ins Gespräch. Es geht um das Buch Sakrileg, das Franzi vor einiger Zeit gelesen hat. Darin taucht ein Opus-Dei-Mönch auf, der sich durch Paris mordet. Der Roman habe mit Opus Dei nichts zu tun, sagt die Lehrerin und gibt sich als Numerarierin zu erkennen. Es ist Hilde Müller. Sie fordert Franzi auf, in einen Jugendclub des Opus Dei nach Berlin-Schöneberg zu kommen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Franzi weiß nicht viel von der Organisation, aber sie geht hin. Die Jugendlichen, die sie dort trifft, empfindet sie als herzlich, als Menschen, die gegen den Strom schwimmen, wie sie später erzählt. Sie seien offen gewesen, gleichzeitig tief gläubig. Franzi gefällt das. Sie begleitet sie zu Ausflügen, Clubabenden – und schließlich zur heiligen Messe. "Plötzlich habe ich gemerkt, dass so der Glaube ist, den ich mir wünsche. Der Katholizismus hat mir Fragen beantwortet, die der Protestantismus offenließ." Sie konvertiert mit 19 Jahren. Längst ist die Lehrerin zu ihrem Vorbild geworden. Bei einer gemeinsamen Fahrt nach Auschwitz sitzen sie lange nebeneinander im Bus und reden. Wie viele Teenager sucht Franzi wohl nach Orientierung, Halt, einem Ort, an den sie gehört. Die Lehrerin ermutigt sie, auf ihre Berufung zu hören und sich dem Opus Dei anzuschließen. Kurz darauf wird auch Franzi Numerarierin.

Ihr Leben folgt jetzt einem strengen Takt. Morgens steht sie eine halbe Stunde früher auf, um zu beten. 15 Minuten pro Tag liest sie geistliche Literatur, sie betet täglich den Rosenkranz. Jeden Tag geht sie zur heiligen Messe. Regelmäßig nimmt sie an geistlichen Lesungen teil. Einmal die Woche geißelt sie sich. Sie habe dabei noch nie geblutet, sagt sie. Außerdem trägt sie einen Bußgürtel um den Oberschenkel – zwei Stunden am Tag.

"Ach, der Bußgürtel", sagt Hilde Müller und lächelt nachsichtig. "Alle machen immer so einen Aufstand deswegen. Der piekst doch nur ein bisschen." Sie holt ein Etui hervor. In ihm liegt eine metallene Kette. Die Dornen sind spitz und nach innen gerichtet. "Ich nehme damit ein Stück des Leidens der Welt auf mich", erklärt Franzi. "Es ist eine Art stellvertretende Buße. Ich kann mich nicht vor den IS-Kämpfer stellen, der gerade einen Mann enthaupten will, aber ich kann einen Bußgürtel tragen. Gott sieht das und ist getröstet."

Das Opus Dei bestimmt Franzis Alltag. Eine Beziehung darf sie nicht führen. Sie sagt: "Ich bin so erfüllt von der Liebe zu Gott, dass da gar kein Platz mehr ist für einen Mann und Kinder. Und außerdem bin ich ohne Familie viel besser verfügbar für das Opus Dei." Auch private Urlaube kommen für sie nicht infrage, das Gleiche gilt für Kino- oder Theaterbesuche. "Geld für so etwas auszugeben wäre nicht sozial. Ich trage eine Verantwortung für das Opus Dei." Wenn die Führung des Werks bestimmt, dass ein Numerarier einen bestimmten Beruf ausüben oder an einem bestimmten Ort leben soll, geschieht das. Es gibt auch einen Bücher-Index. Die Entscheidung über Gut und Böse trifft die Führung des Opus Dei ganz allein.