Neulich erreichte Raphael Thelen ein Paket, das ihm merkwürdig erschien. Er holte die Polizei, vorsichtshalber. Die stellte fest, dass sich eine Flüssigkeit darin befindet. Das Paket wurde geöffnet.

Der Inhalt: ein Glas voller Fäkalien und ein Hinweis, dass es sich hierbei um eine plastische Darstellung seiner Berichterstattung handle.

Thelen stammt aus Bonn, er lebt seit Kurzem in Leipzig, und er hatte vor einiger Zeit eine Idee. Er wollte Sachsen, diese in Verruf gekommene Gegend, verstehen. Er wollte wissen, was dran ist an dem Vorwurf, dass die Sachsen einen Hang zum Rechtspopulismus hätten. Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Victor fuhr er mehrere Wochen durch kleine und große Orte, berichtete darüber auf einem Internetblog: neuenormalitaet.de.

Dann gab er der ZEIT ein Interview, Mitte Mai 2016. Es trug die Überschrift: Was ist bloß in Sachsen los? "Die Sache ist", sagte Thelen in dem Gespräch, "dass uns auf unserer Tour schnell klar wurde: Das Problem ist nicht kleiner, als die Medien es machen – sondern es ist eher größer."

Die Kleinstadt Aue im Erzgebirge, eine der Stationen von Thelens Reise, kam dabei besonders schlecht weg. In Aue sei es so gewesen, sagte Thelen, dass "wir erschöpft waren von üblen Geschichten. Eine Weile kannst du professionelle Distanz halten. Irgendwann geht es dir selber schlecht. Wir dachten: Was zum Teufel ist in dieser Stadt los?" Und: "Ich hätte es einfach nicht für möglich gehalten, dass es in diesen Kleinstädten bei vielen Leuten so eine problematische Grundeinstellung gibt. Offenbar lebt dort niemand, der Menschen widerspricht, wenn sie ihre Vorurteile ablassen."

Diese Worte lösten in Aue einen Sturm der Entrüstung aus. Die Frage ist: Wie schnell darf man beleidigt sein, wenn es Kritik hagelt? Und wie kritisch darf man sein, ohne zu beleidigen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es sind in den vergangenen Monaten viele harte Sätze über Sachsen geschrieben worden, auch härtere als die, die Thelen verwendet hat. Es gab dann Leserbriefe und Online-Kommentare, vereinzelt Anrufe in Redaktionen. Aber dass sich eine ganze Stadt vereint über einen Reporter empört hätte? Dass ein ganzer Ort erzürnt gewesen wäre? "Das habe ich auch noch nicht erlebt", sagt Raphael Thelen. In Aue geschah genau das. Zu behaupten, er habe eine "Debatte angestoßen" – wie Journalisten es gerne formulieren –, wäre heftig untertrieben. Unter den Leuten, die sich aufregten, waren der Oberbürgermeister, Stadträte, Unternehmer. Auch die Lokalzeitung mischte mit.

Der Oberbürgermeister, Heinrich Kohl von der CDU: Erst gab er der Freien Presse Interviews und beschwerte sich über Thelen. Es gebe, sagte er, auch in Westdeutschland "rechtsgerichtete" Einstellungen. Dann, als Ende Mai auf eine Auer Asylunterkunft ein Brandsatz geworfen wurde, spekulierte Kohl: Eine fremdenfeindliche Motivation der Täter liege zwar zunächst auf der Hand. Sie, die Täter, könnten jedoch auch Trittbrettfahrer sein, "aufgrund der medialen Berichterstattung nach einem sehr einseitigen Bericht eines Journalisten in einer großen deutschen Wochenzeitung".

Damit war Thelens ZEIT-Interview gemeint. Aber ist das wirklich der richtige Zusammenhang? Ein Oberbürgermeister sagt, dass die kritische Berichterstattung eine Art Anstiftung zur Brandstiftung gewesen sein könnte? Ist das noch normale Auseinandersetzung?

"Ich habe mich schon gefragt, ob ich es übertrieben habe", sagt Raphael Thelen. "Aber dann bekam ich Anrufe von Leuten aus dem Erzgebirge, die mir sagten: ›Danke, dass Sie das geschrieben haben! Ich verzweifle hier.‹"