Und dann war alles einfach wie immer: Der Schulsenator lobte die Schulen, die Opposition kritisierte den Senator, und die Beobachter fragten sich, ob man das nicht alles schon ziemlich oft gehört hat. Gab es da etwa ein Problem? Zur Erinnerung: Ja, gab es.

Vor zwei Wochen haben sich 51 von 59 Stadtteilschulleitern an die Öffentlichkeit gewandt: "Unser Schulsystem droht zu scheitern", sagten die Sprecher der Schulleiter im Interview mit der ZEIT. "Das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Stadtteilschule funktioniert nicht." Viel deutlicher kann man das nicht sagen, schon gar nicht als Beamte zum eigenen Dienstherrn.

Dennoch blieb die Reaktion eigenartig blass, als der Vorstoß auf Antrag mehrerer Fraktionen in der Bürgerschaft debattiert wurde: Senator Ties Rabe (SPD) sprach zwölf Minuten lang, ohne die Schulleiter auch nur zu erwähnen. Die SPD zweifelte an, ob es überhaupt eine Debatte brauche, die Grünen übten sich in Koalitionsdisziplin, FDP, CDU und AfD fanden die Diagnose der Schulleiter sehr richtig, aber die Lösungsvorschläge furchtbar ideologisch. Die Linke jubelte. Am Ende sagten alle das, was sie schon immer gesagt haben. Erkenntniswert: null.

Seit Jahren steckt die Debatte um die Zukunft der Stadtteilschulen fest. Das ist kein Zufall: Es gibt keine offene Diskussionskultur über Schulen in der Stadt, zu sehr wirken alte Traumata, zu sehr fesselt sich die Schulpolitik mit selbst auferlegten Denkverboten. Hier kommen daher drei Vorschläge zur Verbesserung von Debatten über die Hamburger Schulen – nicht nur für die Politiker, sondern auch für Lehrer, Eltern und alle sonstigen Beobachter der Schulpolitik.

1. Lasst uns nicht mehr vom Schulfrieden reden!

Das Jahr 2010 war die Stunde null der Hamburger Schulpolitik, der Volksentscheid zur Verlängerung der Grundschule hat bis heute zu spürende Gräben in die Stadt getrieben. Damals wurde zwischen den Parteien in der Bürgerschaft eine Art Nichtangriffspakt geschlossen: der Schulfrieden. Bis heute besteht weitgehend Einigkeit zwischen SPD, CDU, Grünen und FDP, dass die Schulen keine neuen Großreformen brauchen, sondern pragmatische Lösungen, die sich an Fakten orientieren und unideologisch sind. Das sind kluge Leitlinien, nur wirken sie inzwischen oft wie Denkblockaden.

Das liegt zunächst an Schulsenator Rabe. Er lässt sich eher von Zahlen als von Stimmungen leiten. Das klingt rationaler und besser, als es ist, denn Rabe neigt zum einen zu einer selektiven Wahrnehmung der Zahlen, zum anderen zum Ignorieren von Bedenkenträgern. So ist es auch dieses Mal: Die Stadtteilschulen seien erfolgreich, sie hätten die Zahl der Schulabbrecher um ein Viertel gesenkt, die Zahl der Abiturienten verdoppelt, erklärt er. Warum sollte man etwas ändern?

Vielleicht, weil nicht irgendwer, sondern die eigenen Schulleiter große Zweifel äußern? Es gehört schon einige gedankliche Robustheit dazu, das einfach beiseitezuwischen. Hinzu kommt, dass die Schulleiter nie behauptet haben, die Stadtteilschulen hätten keinen Erfolg. Sie kritisierten, dass es eine Unwucht zwischen den Schulformen gebe – und damit haben sie recht.

Als das heutige Schulsystem konzipiert wurde, sollten die Gymnasien besonders leistungsfähige Schüler in acht Jahren zum Abitur führen, die Stadtteilschulen alle anderen Schüler zum bestmöglichen Abschluss bringen, im Idealfall nach neun Jahren ebenfalls zum Abitur. Doch mehr als die Hälfte der Eltern melden ihre Kinder heute am Gymnasium an. Tendenz steigend. Bei jedem vierten Schüler entscheiden sie gegen den Rat der Grundschullehrer.

Über diese Entwicklung klagen Vertreter beider Schulformen schon lange. Die Gymnasien fühlen sich wie neue Gesamtschulen, die Stadtteilschulen fürchten, zu Restschulen abzusteigen. Von 24 Fünftklässlern in Hamburger Stadtteilschulen ist derzeit einer so gut, dass er nach Einschätzung der Grundschullehrer auch aufs Gymnasium gehen könnte. Drei Kinder haben dagegen sonderpädagogischen Förderbedarf, wären also früher auf eine Sonderschule gegangen. Der Trend: Die Leistungsstarken werden weniger an den Stadtteilschulen, die Schwachen mehr.