Die Heldinnen und Helden der Regisseurin Maren Ade passen einfach nicht in diese Welt. Sie leben in ihren romantischen Fantasien und können sich nicht entscheiden. Sie sind weich und verletzlich und manchmal auch sehr, sehr peinlich. Wenn die Träumer mit der Realität zusammenstoßen, blutet – wie beim jungen Architekten in Alle Anderen (2009) – schnell mal der Kopf. Noch schlimmer ergeht es der schwäbelnden Lehrerin Melanie Pröschle in Der Wald vor lauter Bäumen (2003). Sehnsüchtig schwärmt sie von der innigen Gemeinschaft und begegnet doch nur den Insassen der anonymen Gesellschaft, fremden Nachbarn, kackfrechen Schülern und herrischen Vorgesetzten. Die Romantikerin lebt in der verkehrten Welt. Sie bettelt um Anerkennung und erntet Verachtung. Sie träumt vom Himmel und landet in der Hölle.

Der Musiklehrer Winfried Conradi, der Held in Maren Ades neuem Film Toni Erdmann, ist ein Seelenverwandter dieser Figuren. Bei ihm ist die Zeit stehen geblieben, und schon ein abgestürzter Computer macht ihn hilflos wie ein Kind. Der naturbelassene Achtundsechziger lebt von Fertignahrung ("Flammkuchen"), und sein Haus wirkt wie ein Geschichtsmuseum, bis unter die Decke vollgestopft mit den Reliquien seiner Vergangenheit. Als sich sein altersschwacher Hund im Garten zum Sterben niederlegt, schlägt Winfried neben ihm sein Nachtlager auf. Die Empfindsamen, könnte man meinen, haben sich erkannt. Sie bleiben unter sich.

Und doch hat sich in diesem Film etwas Entscheidendes verändert: Toni Erdmann, der beim Filmfestival in Cannes triumphal gefeiert wurde, spielt in einer neuen Zeit, er spielt in der Zeit nach der neoliberalen Revolution. Die Globalisierung hat hier nicht nur die Verhältnisse auf den Kopf gestellt, sondern den Menschen gleich mit. Der umständliche Altmensch verschwindet, und ein neuer, zweckmäßigerer Typ macht ihm Platz. Dieser Typ ist radikal anders als der alte. Als sei er sein eigenes Produkt, muss er ständig "performen"; er lebt nicht mehr in Wunschwelten und ausschweifenden Fantasien, er lebt in den traumlosen Zonen von Zahlen und Kennziffern. Was romantische Alteuropäer einmal "Sinn" nannten, ist für die ökonomischen Menschen der wirtschaftliche Nutzen – die heilige Effizienz ist das, wofür es sich wahrhaft zu leben lohnt. Eigentlich müsste Winfried vor dieser gleichförmigen Welt die Flucht ergreifen. Doch der Sozialromantiker wird standhalten, und zwar mit sehr komischen Mitteln: mit Furzkissen, Billigperücke und Riesenzähnen.

Winfried hat eine Tochter, sie heißt Ines und bereitet ihm Kummer. Man ist sich fremd geworden, die überpolitisierte Generation der Achtundsechziger hat unpolitische Kinder hervorgebracht, und nun fehlt ihnen die gemeinsame Sprache. Eigentlich könnte der Vater stolz auf seine Tochter sein. Ines (Sandra Hüller) ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin in Bukarest, sie betreut ein Outsourcing-Projekt und muss eine rumänische Ölfirma für einen Investor profitabel machen. Doch die rumänischen Arbeiter sind die Nachhut einer abgelaufenen Epoche. Mit liebenswerter Umständlichkeit frickeln sie am klapprigen Bohrgestänge herum, sie haben alle Zeit der Welt, und um Sicherheitsbestimmungen scheren sie sich einen Dreck. So treffen in Bukarest westliche Premiummenschen mit Prada-Täschchen und Mercedes-Autos auf die "Minderleister" der abgewickelten Ostmoderne, und man weiß sofort: Ohne "Change-Management", ohne Entlassungen wird es nicht abgehen, der schöne neue Erlösungskapitalismus produziert eine Menge überflüssiger Menschen. Nur Winfried hat Mitleid mit der menschlichen Ausschussware, aber da raunzt ihn seine Tochter schon an: "Wie sollen wir das modernisieren, wenn du dir bei der Vorstellung, dass nur einer entlassen wird, schon in die Hose machst?"

Ines ist oft ziemlich egozentrisch, sie zieht ihre Sache durch, denn irgendwann will sie einmal in China das ganz große Ding drehen. Alles, was sie tut, tut sie aus freien Stücken, und dennoch wirkt sie keineswegs wie ein freier Mensch. Denn damit Ines als Selbstständige erfolgreich ist, muss sie sich perfekt in Szene setzen, sie muss ihr persönliches Humankapital auf dem internationalen Markt an den Mann bringen und sich den Investoren gut verkaufen. Entscheidend für den Geschäftserfolg, verrät ihre Assistentin, sei nämlich nicht der Businessplan; entscheidend sei die Performance, mit der man den Plan einem Kunden schmackhaft mache und ihm erkläre, "was er selber will". Wie eine Schauspielerin lernt Ines ihren Text für eine Präsentation auswendig. Doch wehe, ihr Körper tanzt dabei aus der Reihe. Als ihr bei einer Vorstellung einmal die Mimik verrutscht ist, fragt sie ihren Coach über Skype, wie sie die Körpersprache besser in den Griff bekomme. Ihr Coach rät ihr, sie möge einfach "bei ihrer Position bleiben" und dem Gegenüber besser erst gar nicht zuhören.