An einigen Ecken Berlins kann man zurzeit ein Plakat mit einem grünen Zottelwesen sehen. Seine Beine sind recht kurz, doch der Oberkörper mit vogelartigem Korngarbenkopf reicht bis zum Dach eines ländlichen Hauses. Sein Leib ist dicht mit gespreiztem Blattwerk besetzt. Als Werbefigur eines internationalen Performance-Festivals schreitet das Monster wacker dahin und hat offensichtlich viel Unsinn im Sinn.

Der Anblick ist ein Déjà-vu, die Zottelwesen vermehren sich. Jüngst traf ich den Neuseeländer Matthew Cowan auf eine Limettenbrause am Landwehrkanal. Seine Website zeigt ihn auf einsamen Landstraßen in Farnkostümen und in östlichen Birkenwäldern, komplett in Stroh gehüllt. "Vielleicht ist es Zeitgeist", meinte der in Berlin residierende Künstler, als ich ihm von dem Plakat erzählte. Cowan begann seine Laufbahn als Volkstanzliebhaber. Er reiste von einem Stipendium zum nächsten, um tiefer in die Welt der Bräuche einzutauchen. Bei seinen Tanzfreunden stieß er damit auf wenig Interesse. Sie waren eher auf ein Besäufnis aus. Cowan erkannte, dass er sich seinem Faible für Verkleidungsriten viel besser widmen konnte, wenn er als Künstler auftrat: "Das war eine große Befreiung."

Eine Modestudentin der Universität der Künste hingegen greift für ihre Bachelorkollektion auf den portugiesischen Careto zurück, ein keltisches Ritual, bei dem die jungen Männer eines Dorfes in dicke Wollfransenkostüme steigen, grimmige Masken aufsetzen und als kunterbunte Michelinmännchen mit Schellenlärm den Mädchen nachjagen.

Die brauchtumsentwöhnten Berliner nähern sich der Tradition lieber über Standardtanz, hochzeitsvorbereitende Walzerkurse und Tango-Panoramico-Lehrstunden an. Das Panorama kommt ins Spiel, weil das entsprechende Studio im 13. Stock am Strausberger Platz liegt. Und weil man in Berlin versteht, dass Rumba und Schnaps nicht verfeindet sind, gibt es neben dem Tanzparkett eine durch eine Glaswand abgetrennte Bar, die sich für private Festlichkeiten mieten lässt. Eine Geburtstagsparty, die hier begann, verlagerte sich schnell auf den Raucherbalkon im 12. Stock. Es war ein warmer Abend, die Straßenmarkierungen der Karl-Marx-Allee sahen wie Fahrschul-Schaubilder aus. Im Norden glühten die Positionslichter der letzten Maschinen im Sinkflug über Tegel. Das ethnisch wirkende Kleid einer renommierten Stylistin bauschte sich in der lauen Luft. Es handelte sich um ein Ikat-Gewebe aus dem Land der Uiguren. Die mit einem Magister in Volkskunde ausgestattete Trägerin ist weltweit unterwegs, um die letzten handgearbeiteten Traditionskleidungsstücke einzukaufen. International Wardrobe nennt sie ihr Geschäft. Auf ihrer Website bietet sie bukowinische Blusen und transsilvanische Schürzen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts an, mit ausführlichen Erläuterungen zu Geschichte und Ethnologie. "Decke in gutem Zustand", ist da zu lesen, "hat allerdings 2 ausgebesserte Stellen." Der Designer Demna Gvasalia, der für die derzeit vergötterte Pariser Kultmarke Vetements und das Traditionshaus Balenciaga entwirft, war nicht auf der Party, doch im Berghain soll er regelmäßig zu finden sein.

Was er auf den Laufsteg bringt, so versichert ein Kenner des Nachtlebens, decke sich weitgehend mit den Club-Outfits in Berlin und Stockholm: Man nehme eine Fila-Trainingshose aus den neunziger Jahren oder das hässlichste Blümchenkleid in einem Secondhandgeschäft und ziehe es verkehrt herum an. Matthew Cowan hat recht, der Zeitgeist steht auf Folklore.

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