DIE ZEIT: Herr Brenninkmeijer, Sie führen den Unternehmerkreis einer der vermögendsten Familien in Europa, haben sich aber noch nie öffentlich geäußert. Sie sind praktisch unbekannt. Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

Maurice Brenninkmeijer: Überall. Meine Eltern kamen aus den Niederlanden, aber geboren bin ich in Manchester. Als ich sechs war, sind wir nach New York gezogen und haben auf Long Island gelebt. Mit zwölf ging es nach London. Da habe ich das Gymnasium absolviert. Dann ging ich nach Rotterdam, um das Familiengeschäft zu lernen. Das Trainingsprogramm begann direkt nach der Schule. Nach dem Grundlagenjahr in Rotterdam wurde ich zum holländischen Militärdienst eingezogen und war zum Teil als Offizier auf einer Nato-Basis namens Bergen-Hohne. Diese zehn Monate waren das einzige Mal, dass ich in Deutschland gelebt habe. Dann studierte ich in Washington an der Georgetown-Universität und zog im Anschluss weiter nach Duluth in Minnesota.

ZEIT: Wie bitte?

Brenninkmeijer: Ja, am westlichen Rand der Großen Seen. Da gab es die Zentrale von Maurices, einer Handelskette für junge Mode mit 600 Läden, die wir in den Siebzigern gekauft hatten. Die Namensgleichheit war reiner Zufall. Dort hatte ich meinen ersten echten Job, im Einkauf. Wir lebten da zwei Jahre, in denen unser erster Sohn geboren wurde. Danach gingen wir für sechs Jahre nach São Paulo, ich arbeitete weiter im Einkauf, und nach ein paar Jahren wurde ich Vizepräsident für die brasilianischen C&A-Läden. Unser zweiter Sohn wurde dort geboren. Dann kam Paris, ebenfalls für sechs Jahre. Ich war zunächst Vizepräsident für Läden und Marketing, dann Landeschef, und wir bekamen unseren dritten Sohn, sodass wir nun einen Amerikaner, einen Brasilianer und einen Franzosen haben. Zusammen mit uns Eltern haben wir fünf Nationalitäten in der Familie.

ZEIT: Gut, wenn mal eine Krise ausbricht und man den Kontinent wechseln möchte ...

Brenninkmeijer: ... und verwirrend während einer Fußballweltmeisterschaft. Danach waren wir jedenfalls zehn Jahre in Holland und leben jetzt in der Schweiz. Wenn man ins Familiengeschäft eintritt, geht man dahin, wo man gebraucht wird. Man muss während der gesamten Karriere mobil sein.

ZEIT: Ihr Vater Bernard war auch im Management.

Brenninkmeijer: Erst in den USA, dann in Großbritannien, ja.

ZEIT: Seit der Gründung im Jahr 1841 verfolgt Ihre Familie die Idee, dass Anteile nicht vererbt werden, sondern dass nur Miteigentümer werden kann, wer eine Führungsposition innehat. Zeichnet das Ihre Familie besonders aus?

Brenninkmeijer: Nicht so sehr die Sache selbst ist einzigartig, sondern dass wir nunmehr in der sechsten Generation daran festhalten. Anteile am Unternehmen werden nicht vererbt. Wenn ich zurücktrete, werde ich nach einer gewissen Zeit meine Anteile verkaufen. Wenn meine Kinder ins Geschäft eintreten wollen, müssen auch sie sich fürs Trainingsprogramm bewerben, angenommen werden und darin wachsen. Ihre Erfolge und ihre Entwicklung basieren auf ihrem Vor- und nicht auf dem Nachnamen. Und nur wenn sie dann aufgrund ihrer individuellen Verdienste und Wertvorstellungen in eine Führungsposition befördert werden, werden sie eingeladen in die Gruppe der Eigner und können ihrerseits Anteile kaufen.

ZEIT: Im sogenannten Unternehmerkreis der Anteilseigner sind Sie derzeit 68 Personen. Aber die Familie ist ungleich größer.

Brenninkmeijer: Ja, wenn wir über die Familie reden, meinen wir mehr als tausend Mitglieder. Sie sind es, die hier in Mettingen willkommen sind, wo wir uns vor allem im Sommer treffen. Und sie sind auch Kunden von Anthos, unserem Familienoffice für Finanzangelegenheiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

ZEIT: Das Dorf Mettingen in Westfalen ist der Ursprung Ihrer Familie, und der Stammsitz liegt immer noch dort. Kann jeder aus der Familie dort hinkommen?

Brenninkmeijer: Alle Familienmitglieder. Dafür brauchen Sie eine Definition. Bei uns gibt es die Familienunternehmer und die Familie. Ehepartner und Kinder, Enkel und Urenkel, bis sie erwachsen sind. Erwachsene Urenkel eines Familienunternehmers können nicht mehr bei Anthos sein. Insgesamt ist das eine große, aber auch klar definierte Gruppe. Rund um das Familiengeschäft gibt es also eine Art natürliche Begrenzung. Sie wirkt langsam, weil sie sich in Generationen vollzieht.

ZEIT: Wenn also der Vater kein Talent hatte oder nicht ins Geschäft einsteigen wollte, dann ist es seinen Nachkommen auch verwehrt?

Brenninkmeijer: Nur die Kinder von Eigentümern können sich bewerben. So sorgen wir dafür, dass die Eigentümergruppe im Einklang ist. Das ist mit am schwierigsten aufrechtzuerhalten: eine gleich gerichtete Gruppe mit ähnlichen Werten und Absichten. Familienunternehmen sind absolut fantastisch, solange die Beziehungen untereinander gesund sind. Die geringen Transaktionskosten, das schnelle Entscheiden. Wir wissen aber, dass die Chance, es in die zweite Generation zu schaffen, nicht groß ist. In die dritte noch geringer. Und die Chance, es in die sechste zu schaffen, so wie wir, steht in etwa eins zu tausend.

ZEIT: Wer nicht im Unternehmerkreis ist, erhält der noch Geld aus dem Unternehmen?

Brenninkmeijer: Nein. Auch ich werde ja meine Anteile am Ende meiner Karriere an die Cofra verkaufen. Was ich mir aufgebaut habe, wird das sein, was die Anteile dann wert sind. Hinzu kommen die Dividenden, die ich nicht ausgegeben habe. Das ist es dann. Das werden meine Kinder erben. Und für sie gilt später dasselbe Modell, falls sie sich bewerben. Das wiederum ist voller Risiko, der Wert kann rauf- oder runtergehen. Die anderen, die nicht ins Geschäft wollen, erben das, was ich aufgebaut habe, und können es investieren, wie sie wollen.