Die Schwalben flogen tief. Als auf dem Rasen das Finale zwischen Frankreich und Portugal stattfand, ereignete sich in der Luft eine zweite, tödliche Schlacht: die der hungrigen Vögel gegen die Insekten. Aus Sicherheitsgründen hatte man das Stadion von Saint-Denis in der Nacht vor dem großen Spiel beleuchtet. Die Falter begriffen das als Einladung, sich zu Hunderttausenden auf der hellen Himmelswiese von Paris niederzulassen. Und nun ließen sie sich auf Ronaldo nieder.

Der sagenhafte Ronaldo: Jede Bewegung des Mannes ernährt ganze Zeitlupenabende. Jede Geste erfährt spöttische Nachbearbeitung im Netz. Wenn er zum Kopfball aufsteigt, bleibt er so lange in der Luft stehen, dass eine Giraffe ein Pudding-Schälchen auf seinem Schopf abstellen und es in Ruhe leer löffeln könnte (das ist ein unrealistisches Bild, aber nur deshalb, weil eine Giraffe keinen Löffel halten kann). Und nun liegt er im Gras, weinend, niedergestreckt vom ungestümen (oder hinterlistigen?) gegnerischen Achter, Payet.

25. Finalminute, was für eine Szene: Ein Falter landet auf der Nasenwurzel des entmachteten Königs, schlägt mit den Flügeln – und wird nicht verscheucht. Angelockt von den nahrhaften Insekten fliegen Schwalben dicht über die Menschenköpfe. Vielleicht wollen sie den Mann sehen, der da auf dem Grund des Stadions liegt. Selbst die Natur ist in Aufruhr: Hier findet Geschichte statt. Ronaldo verwandelt sich, auf offener Bühne, in das Denkmal seiner selbst. Er gibt das Zepter, die Kapitänsbinde, einem anderen, man legt ihn in eine Kunststoffwanne, dann trägt man ihn vom Feld: als wolle man einen Abguss von seinem Körper herstellen oder ihn gleich einbalsamieren. Der König stirbt? Nein, schon kurze Zeit später steht Ronaldo gestärkt am Spielfeldrand. Jetzt maßregelt er nicht seine Mannschaftskameraden, jetzt beschimpft er seinen Trainer. Der größte Fußballspieler dieser großen Seefahrernation wirkt nun wie ein Admiral, der von Land aus eine Seeschlacht führt. So wird Ronaldo zum abwesenden "Man of the Match". Mit ihm hätte seine Mannschaft womöglich verloren. Aber er, der verächtlich die Augen rollt, wenn seine Mitspieler unscharfe Pässe spielen, er war ja nicht dabei. Bei der Siegerehrung ist er wieder ganz der Alte: Sobald eine Krone im Raum schwebt, rammt Ronaldo, mag er noch so schwer verletzt sein, mit gottbefohlenem Schub den Kopf hinein.

Dennoch, der König wirkt nun ein wenig menschlicher. Beim Jubelgebrüll vergisst er, seinen Mund mit der Hand zu bedecken. Dies war ja die zentrale Wichtigtuergeste des Turniers, und man würde sich nicht wundern, wenn Fußballhistoriker einst bewiesen, dass Ronaldo sie erfunden hat: Bedecke deine Lippen, verberge, was du sprichst, damit die teuflischen Lippenleser deinen Matchplan nicht decodieren können. Ronaldo hält sehr gern die Hand vor die Lippen. Hier, von Faltern umflattert, von Schwalben umschwirrt, von Konfettikanonen beschossen, vergisst er es. Sollte ihm nun, in seinem größten Moment, ein Falter in den Mund fliegen, das Tier stürbe einen würdigen Tod.

Alle sagen, dies sei eine schwache EM gewesen. Eine, die "uns" technisch und taktisch nicht weitergebracht habe. Tatsächlich drängt sich der Gedanke auf, dass die Sieger des EM-Finales von 2012, die Spanier der Xavi-Iniesta-Alonso-Ära, sowohl die Portugiesen als auch die Franzosen des Jahres 2016 ohne Mühe aus dem Stadion gefegt hätten.

Allerdings gab es diesmal, 2016, den besseren Chorgesang. Und es wurden bessere Geschichten geschrieben. Meuten vom Rand (Waliser, Isländer) irritierten die Großmächte. Banne wurden gebrochen, Flüche aufgehoben. Italien besiegt Spanien, von dem es im Finale der letzten EM gedemütigt worden war; Deutschland besiegt Italien, von dem es bisher aus jedem Turnier geworfen wurde; Frankreich wirft Deutschland aus dem Turnier, von dem es bisher – Sie wissen schon. Am Ende gewinnt Ronaldos Portugal, das nie zuvor ein Turnier gewonnen hat. Nun ja, Portugal hat das Turnier nicht mit, sondern für Ronaldo gewonnen. Es war ein republikanischer Sieg: Das Volk entdeckte, wie gut es sich ohne einen König leben lässt.