Vivant Denon war ein bedeutender Mann. Der illustrierte Bericht von 1802 über seine archäologische Entdeckungsfahrt durch Ägypten wurde europaweit gefeiert. Das Buch des französischen Kunstliebhabers, der 1747 im Burgund als Sohn einer wohlhabenden Familie zur Welt kam, löste in Kunst, Architektur und Mode eine regelrechte Ägyptomanie aus. Seine Karriere als Kulturminister Napoleons und erster Generaldirektor des Pariser Louvre gehört in Frankreich zum Schulbuchwissen. Sein Geburtsort Givry hat ihm ein Museum gewidmet, ein Flügel des Louvre ist nach ihm benannt. Auch in Italien und England wird das Andenken des Künstlers, Sammlers und Museumspioniers gepflegt, nur hierzulande war Denon außerhalb kunsthistorischer Fachkreise so gut wie vergessen – bis nun der Autor und Übersetzer Reinhard Kaiser, übrigens einer niederrheinischen Künstlerfamilie entstammend, Vivant Denon ein eigenes Buch gewidmet hat.

Die aufwendig recherchierte und stilsichere Biografie zeichnet das Bild eines lebensfrohen, kunstsinnigen, weltgewandten, tatkräftigen, wenn auch nicht wirklich durchschaubaren Mannes. Die längste Zeit seines Lebens hatte wenig auf einen außergewöhnlichen Werdegang hingedeutet. Der Sohn einer wohlhabenden Familie versuchte sich im diplomatischen Dienst. Auslandsmissionen brachten ihn bis nach St. Petersburg oder Neapel, doch die Karriere stagnierte.

Als eine Erbschaft Denon unabhängig machte, beschloss er, sich nur noch seinen Leidenschaften zu widmen. Das waren: die Kunst, Italien – der begabte Zeichner und Radierer hatte dort einen Blick für Qualität entwickelt –, das Sammeln von Kunst und die Liebe, die ihn lange in Venedig festhalten sollte. Zur Zeit der Revolution, für die er keine Sympathie hegte, befand er sich in Italien. Nur widerwillig kehrte Denon nach Frankreich zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und verfiel, nach einem Intermezzo als Radierer für die Revolutionsregierung, dem Zauber des mehr als zwanzig Jahre jüngeren Napoleon. Denon fand auch Zugang zu Joséphine, der späteren Kaiserin, und verdankte es ihrer Fürsprache, dass Napoleon ihn 1798 als wissenschaftlichen Begleiter auf den Ägyptenfeldzug mitnahm.

Dass die Biografen diesem langen Vorspann späterer Bedeutung bisher wenig Aufmerksamkeit schenkten, kommt nicht von ungefähr. Denon hat weder Tagebuch geschrieben noch eine Autobiografie. Während die Quellen für seine Zeit in Napoleons Diensten immens sind, muss man sich für die Jahrzehnte davor an Mutmaßungen halten. Reinhard Kaisers Versuch, der Persönlichkeit seines Protagonisten über dessen Liebesbriefe näher zu kommen, überzeugt nur bedingt. Denon bleibt, verliebt oder nicht, für die Zeit vor 1798 mittelinteressant. Das ändert sich erst, als er in den Bannkreis Napoleons gerät.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Denons opulent illustriertes Buch über die Ägypten-Expedition, das er unterwürfig Napoleon widmete und für dessen Produktion er seine gesamten Ersparnisse aufs Spiel setzte, wurde sein Durchbruch. Es bescherte ihm den Ruf eines Kunstgelehrten, angesichts seiner autodidaktischen Studien sehr schmeichelhaft, sowie die Berufung zum wichtigsten Kunstbeauftragten des Ersten Konsuls der Republik, Napoleons, der sich zum Kaiser krönen wird. Soeben noch ein Amateurkünstler ohne Amt, war Denon nun für Napoleons politische Bildpropaganda zuständig, entschied über die prestigeträchtigsten Staatsaufträge und war zugleich Herr über fast alle öffentlichen Kunstsammlungen des Landes. Überdies, und das ist der spannendste Teil von Kaisers Erzählung, organisierte er für seinen Dienstherrn mit leidenschaftlicher Hingabe eine der größten Kunstraubaktionen des 19. Jahrhunderts.