Vorbei mit fixen Ideen, Ideologien und Idealen. Der Gotthard gibt Gedankenfreiheit, denn er ist in der Hand von Künstlerinnen und Künstlern. Der Berg ruft – und die Kunst antwortet.

Sie antwortet am Scheideweg der Schweiz. Am Nullpunkt, in der Alpenfestung Sasso da Pigna, 2106 Meter über Meer. Seit vier Jahren ist das mystische Reduit ein Festungsmuseum; diesen Sommer ist es auch ein Kunstmuseum. Kein White Cube, sondern das Gegenteil, eine Blackbox.

Kunst in Kavernen, Kunst in Kasernen, zeitgenössische Schweizer Kunst, wo früher das Festungshospiz war. Dall’ altra parte, ein Ausstellungsprojekt in drei Etappen, macht möglich, dass im Herzen der Schweiz Kunst schlägt. Gut geschützt, aber nicht mehr streng geheim, Kunst zählt hierzulande zum Verzichtbaren. Ein Zug Erdtaucher bewacht den Eingang in den Bergbunker. Der Künstler Max Grüter hat einen Restposten der Festungsartillerieabteilung 13 wiederbelebt, die Späher durchstoßen wie späte Guisan-Pilze die Gotthardwiesen. Magic Mushrooms.

Der Gotthard ist das erste Kunst-Reduit von Dall’ altra parte – oder das letzte nebst Göschenen und Altdorf und dort dem Haus für Kunst Uri, wo die Idee mit Barbara Zürcher ihren Anfang nahm. Zürcher nimmt einen Endpunkt der Schweizer Geschichte zum Ausgangspunkt einer anderen, einer von hier und heute, der Zentralschweiz: Kunst ist die Aufforderung, die Seiten zu wechseln, die Einladung, Geografie und Ethnografie aus entgegengesetzter Optik zu denken.

Vom Norden in den Süden, vom Süden in den Norden, Heimat als Terrain von Waren- und Menschenströmen. Die Schweiz, ein Flaschenhals des Personenverkehrs und des Gedankenaustausches, das auch. Der Gotthard war stets mehr als ein Pass, er war eine Schicksalsscheide, ein Markstein und Prüfstein seit Goethe und länger.

Hätte der große Dichter ein Fahrrad gehabt, er wäre wohl nicht nur dreimal bis zum Gotthard-Hospiz gewandert und dort umgedreht, er wäre gewiss in den Süden geradelt.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Damian Zingg sitzt auf einem Fahrrad, der Museumsleiter von Sasso da Pigna bereist damit das Innere des Bergs. In der Festung klettert Zingg von seinem Ross: "Wir zeigen zum ersten Mal Kunst im Gotthard. Man soll nicht vergessen: Vor dem Militär waren die Romantiker hier." Für Zingg ist Goethe ein Romantiker, oder Mendelssohn. Dann radelt er weiter, eine Sicherheitsinspektion.

Feucht ist es im Berg, der Berg lebt. Er tropft und trieft in Stollen von mehreren Kilometern Länge. Eine lebensechte Puppe, gekleidet als historische "Festungs-Feuerwehr" mit Gasmaske, steht an einer Weggabelung, ihr Kreislaufgerät verspricht Sauerstoff für sechzig Minuten. Ja, was dann?

Im Stollen X thront die Schutzheilige, Barbara, sie wird in einem roten Nistkasten verehrt. Ist das schon Kunst? Alles hier ist Kunst in dieser Künstlichen Mutter nach Hermann Burger; alles ist therapeutisch oder zumindest von heilender, ja heilsamer Absicht. In der Festungscafeteria liegen Aktionszettel auf, militärische Unterwäsche verspricht "Wohlbefinden unter härtesten Bedingungen".

Unter solchen muss Kunst hier reüssieren, monolithische Interventionen und Miniaturen: Eine riesige Lüftung ist ein Lichtfahrzeug auf Reisen, das zusammen mit dem fließenden Gotthardwasser einen Geräuschteppich erzeugt; die Künstler von Chalet 5 verwandeln eine der großen Kavernen akustisch in eine Kathedrale des Wahnsinns. Simon Ledergerber ist sparsamer, er klemmt ein Stück Carrara-Marmor zwischen Baustütze und Festungsdecke. Wer stützt was? Luc Mattenberger verstärkt Wassertropfen, die auf Metall fallen. Dieser Gotthard ist auch eine Tonhalle.

Vor allem aber ist der Berg in seinem Inneren ein Verwundeter, und an Kunst soll er gesunden. An den Wänden am Ende der Stollen ist Kunst das zarte Pflaster, das man dem rüden Kerl appliziert, um Schwären zu behandeln. Kunst ist das Pendant zu den Riesenkristallen, die man hier gefunden hat und neuerdings zeigt – man verspricht sich von ihnen heilende Wirkung.