Für einen kurzen Moment blitzt der Lack des Kleinwagens auf der Küstenstraße auf, ein metallisches Blau. "Nissan!", ruft ein Späher, der mit einem Fernglas über den Kamm des großen Sandwalls schaut. Reglos liegt er auf dem Wall, der die Front zwischen den "Löwen des Tals" und dem "Islamischen Staat" markiert, unter seinem Bauch eine alte Matratze. "Nissan!", ruft ein zweiter Späher. In gebückter Haltung rennen jetzt Männer den Sandwall entlang, laufen zu ihren Stellungen. Sie tragen Flipflops und automatische Gewehre.

"Uns bleibt noch eine Minute!", ruft der Späher, der das blaue Auto zuerst entdeckt hat, in 500, vielleicht 600 Meter Entfernung. Aber auf einmal sieht er das Fahrzeug nicht mehr, weil es in einer Kuhle verschwunden ist, die Sonne steht ungünstig, blendet die Kämpfer. Trotzdem beginnen sie zu feuern, aus allen Rohren, auf den Abschnitt der Küstenstraße, wo eben noch der blaue Lack aufgeblitzt ist.

Links der Straße brandet das Mittelmeer, direkt rechts von ihr beginnt die Stadt Sirte, Libyen. Der Ort ist seit einem Jahr in der Hand des "Islamischen Staates", der hier seine erste Kolonie außerhalb von Syrien und dem Irak gegründet hat. In Sirte, nur eine Flugstunde von Italien entfernt, ist er Europa so nah wie nirgends sonst.

Das Schicksal Libyens hat sich schon oft in dieser Stadt entschieden. Sirte war die Modellmetropole Muammar al-Gaddafis, Projektionsfläche seines Größenwahns. Keinen anderen Ort hat der Diktator so geprägt. Er baute der Stadt vierspurige Paradeachsen und Libyens größte Versammlungshalle. Sirte besitzt gigantische Anlagen zum Empfang von Staatsgästen. Gaddafi wollte die Kleinstadt, in der 80 000 Menschen leben, zur Hauptstadt der "Vereinigten Staaten Afrikas" wachsen lassen. Es war ein Vorort von Sirte, in dem er zur Welt kam, und es war Sirte, wo er sich 2011 verschanzte und von Rebellen getötet wurde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Jetzt ist es abermals Sirte, das so bitter umkämpft ist. Es sind dieselben Straßen und Plätze, auf denen getötet und gestorben wird. Doch dieses Mal richtet sich der Kampf nicht gegen Gaddafi, sondern gegen den "Islamischen Staat". Libyen hat er zu seiner Provinz erklärt, und Sirte zu deren Hauptstadt. Dieses Mal geht es nicht allein um die Zukunft Libyens, sondern auch um die Europas.

Nur wenige Journalisten sind vor Ort. Libyen liegt längst wieder außerhalb der Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit. Als Reporter der ZEIT habe ich zuletzt 2012 aus der Stadt berichtet. Kein Ort Libyens, so schien es mir damals, bot Islamisten weniger Nährboden als Sirte. So sehr hatte die Stadt von Gaddafi profitiert. Er hatte sie mit finanziellen Zuwendungen gepäppelt. Ich bin hierher zurückgekehrt, weil ich es nicht verstehe: Wie konnte dieser Ort dem IS anheimfallen? Wieso hat es niemand verhindert?

Durch die Rufe vom Sandwall alarmiert, laufen die Kämpfer der Brigade nach vorne, junge Männer, die gerade ihren Schulabschluss gemacht haben; Salafisten mit langen Bärten, die sich weigern, mir, dem Reporter, die Hand zu geben; der Kommandant, der als Einziger einen Helm trägt, als hätte er eine Krone auf. An mir vorbei laufen Ingenieure, die in Deutschland studiert haben, und Tagelöhner, die im zivilen Leben jeden Morgen erneut um Jobs anstehen müssen. Wir, der Fotograf und ich, laufen in die Gegenrichtung, der Übersetzer reißt uns mit, drängt uns hinein in ein Haus, in das auch einige Kämpfer fliehen. Nicht alle zieht es nach vorne.

Im Innern des Hauses lauschen wir, einige mit geschlossenen Augen, andere drücken die Hände auf ihre Ohren. Wir alle schweigen und warten auf den blauen Nissan, auf die Druckwelle der Explosion.

Nur noch Fragmente sind von Libyen geblieben. Mit dem Sturz Gaddafis vor fünf Jahren setzte der Zerfallsprozess ein. Das Land, fünfmal so groß wie Deutschland, mit einer Bevölkerung von nur sechs Millionen, spaltet sich immer weiter auf. Wie mürbe gewordener Stein. Im Osten Libyens herrscht von einem Luftwaffenstützpunkt aus der Militärdiktator Chalifa Haftar, der von Ägypten und Frankreich unterstützt wird. Er hat vor einem Monat seine eigene Währung eingeführt, gedruckt in Moskau. Im Westen dominiert eine sogenannte Einheitsregierung aus Milizen und Stämmen, Hoffnungsträger der UN. Wichtigster Machtfaktor im Westen ist die Hafenmetropole Misrata. Manche sprechen schon von der "Republik Misrata". Ost wie West versuchen sich die Ölquellen des Südens zu sichern und führen mithilfe regionaler Stämme Stellvertreterkriege. In seiner geografischen Mitte, wo die Blöcke des Ostens und des Westens aufeinanderprallen, zersplittert Libyen mittlerweile in winzige Teile. Jede Kleinstadt wurde hier zum Kleinstaat, regiert von einem Feldwebel oder Stammesführer.

Eine der wichtigsten Städte in dieser Zerfallszone ist Sirte.

Nach Auflösung fast aller traditionellen Bindungen ist in der Stadt eine neue Macht erwachsen, sie verspricht die ultimative Ordnung. Das Kalifat des "Islamischen Staates". In seiner Hauptstadt im syrischen Rakka erkannte der IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi das Potenzial des libyschen Chaos. Im Herbst 2014 schickte er einen seiner Stellvertreter an die libysche Küste, um dort die erste Kolonie des IS außerhalb des Mittleren Ostens zu gründen.

Draußen am Sandwall bleibt der blaue Nissan verschwunden. Das Gewehrfeuer verebbt. "Ich glaube nicht, dass er es schafft", sagt Jussef Mlitan in die Stille hinein. Die anderen, die mit ins Haus geflohen sind, schauen auf ihn. Mlitans Worte sind gewichtig, weil er selten etwas sagt. Zu Hause in Misrata ist er als Elektriker in einem Kraftwerk dafür zuständig, dass die Dampfleitungen nicht explodieren. Für den Krieg hat er sich Urlaub genommen. Jetzt geht Mlitan auf Krücken. Eine Mine hat ihm den linken Knöchel gebrochen, nur notdürftig hat er sich behandeln lassen.

Mlitan wird recht behalten. Die Explosion bleibt aus.