Hunderttausend! So viele Folkies strömten diesmal nach Rudolstadt, das sich also endlich Großstadt nennen darf. Gewöhnlich siedeln knapp 23.000 "Rolschter" zu Füßen der Heidecksburg, doch alljährlich Anfang Juli wird das Thüringer Residenzlein von der Völkerwanderung beehrt. Ohrenpilgerscharen wallfahrten ins Saaletal und huldigen der Weltmusik. 1991, beim ersten Tanz- und Folkfest, entsprach die Zahl der Künstler nahezu der ihrer Hörer. Seither wuchs und wucherte das TFF. Nun heißt es schlicht Rudolstadt-Festival: der Ort als Programm, wie Woodstock, Glastonbury, Bayreuth. Das Konzept blieb unverändert: Weltreise in vier Tagen. Viel erleben, viel verpassen.

Unüblich war 2016 der Start. Im Kino präsentierte die Regisseurin Josephine Links ihr vorzügliches Dokumentar-Porträt des Kosmos Rudolstadt. Wo Worte nicht hinreichen  ... beginnt in Nordnorwegen und in den polnischen Wäldern. Der abendfüllende Film zeigt, woher die Musik kommt, sodann das paradiesische Fest. Dann Auftakt – live, mit Element of Crime. Leider empfand ich deren gepriesene Kunst als lebensphilosophisches Genöle. Gleichfalls massenhaft umjubelt wurde die Sitar-Akrobatin Anoushka Shankar. Ravis Tochter fabrizierte attraktiven Ethno-Instrumentalpop, freilich zugleich die Erkenntnis, wie viel Komplexität der indischen Musik auf ihrem Weg nach Westen verloren geht.

Der Länderschwerpunkt lag 2016 auf Kolumbien. Diesbezüglich genügte mir das vitalistische Gerassel und Getute von Rancho Aparte. Kirchenasyl bot Lorcán Mac Mathúna. Umknarrt von Bänken und Emporen, hauchte der irische Song-Archäologe altgälische Balladen. Geisterpferde galoppierten durch Nebel und Sumpf, Schwertrecken duellierten sich tagelang, abgehackte Häupter konnten nicht verstummen. Am selben Ort lauschte ich der deutschtürkischen Balladeuse Lale Koçgün, den finnischen Vokal-Magierinnen MeNaiset, der wunderbaren Schwedin Lena Willemark. Deren Nordland-Oden erfüllten auch den nächtlichen Hof der Heidecksburg, fühlsam verstärkt durch die Thüringer Symphoniker und ihren Maestro Oliver Weder.

Umlagert wie die Kirche war das Theater. Die Ndima Pygmies aus dem Kongo verblüfften mit kontrapunktischem Pygmäen-Gesang, Maulbogen-Soli und jagdbarem Getrommel. Seelenwund sang der syrische Bouzoukist Salah Ammo Der Kurde hat nichts als den Wind, perkussiv begleitet vom Wiener Peter Gabis. Ammo ist aus dem Bürgerkrieg geflohen, wie die Musiker des hymnischen Kammerquintetts Dagan, die derzeit bei uns leben. Mitten in Europa entsteht eine Kultur der syrischen Diaspora. Deutschland ist ein vernünftiger, wohltemperierter Flecken Erde, wenngleich kaum Mutterboden für Spiritualität.

Zum Glück bietet Rudolstadt kein "Festival des politischen Liedes". Wahre Kunst spiegelt immer zugleich Ort und Zeit. Rudolstadt intoniert die Spannung zwischen Heimat und Welt; beide brauchen einander wie zwei Fußballteams. Ach ja, die Fußball-EM gab es auch. Deutschland spielte gegen Frankreich, wie schon während des TFF 2014. Das Ergebnis war dasselbe: zweitrangig. Fußball ist Alltag, Rudolstadt ein Fest fürs Leben.