Auf den Zuckerhut in Rio de Janeiro führt ein Wanderweg mit spektakulären Aussichten: Oben schweben die Gondeln der berühmten Seilbahn o Bondinho (das Bähnchen), unten rollen die Wellen des Atlantiks an die Küste der 6,4-Millionen-Metropole. Mit jedem Schritt bergauf kann man weiter über die Bucht von Guanabara blicken.

Den drei Biologinnen auf ihrem Weg zum Gipfel ist die Aussicht egal. Rafaela Campostrini Forzza, Luiza Fonseca Amorim de Paula und Luana Paula Mauad starren auf Granit: Wände aus grauem Stein, die steil in den Himmel ragen, staubtrocken und im Sonnenschein 60 Grad Celsius heiß. Am Zuckerhut erheben sie sich bis auf 396 Meter Höhe.

"Sie halten solche Steine wahrscheinlich für kahl und unwirtlich", sagt die Botanikerin Luana Mauad. Wir rutschen auf einer Granitplatte herum, mit Händen und Füßen vorsichtig nach Halt tastend. Unter uns tut sich der Abgrund auf. Es erweist sich als vorteilhaft, dass Mauad Flicken aus abriebfestem Stoff auf Knie und Gesäß ihrer Hose genäht hat. "In Wahrheit sind diese Felsplatten voller Leben", sagt ihre Kollegin Luiza de Paula hinzu, die sich wenige Meter entfernt an einen vorstehenden Ast klammert. "Sehen Sie das Grün dort oben am Hang? Das sind Bromelien. Und an vielen Stellen auf dem Zuckerhut wachsen Orchideen."

"Falls sie nicht von einem Wanderer herausgerissen wurden", fügt bitter die Dritte hinzu, Rafaela Campostrini Forzza. Wenn sie nicht gerade Felsen bezwingt, leitet Forzza das Herbarium im Botanischen Garten von Rio de Janeiro, die größte Sammlung von Pflanzenarten im Land. Heute ist sie hier, weil es um eine Herzensangelegenheit der drei Forscherinnen geht: Der Pão de Açúcar, der Zuckerhut-Berg, ist akut bedroht.

Das Forschertrio gehört zu einem weltweiten Netzwerk aus Biologen, das rechtzeitig zu den Olympischen Spielen Alarm schlagen will: Berge wie der Zuckerhut oder der Corcovado mit der Christus-Statue darauf sind einzigartige geologische Formationen – mit einer unverwechselbaren Lebenswelt im unwirtlichen Gestein. Sie sind die Wahrzeichen der Stadt und der gesamten Küstenregion, weltbekannte Postkartenmotive – doch das Idyll täuscht. Die Vielfalt ist in großer Gefahr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Inselberge nennt die Fachwelt die markanten Felsen. Der Zuckerhut in Rio und der Uluru in der zentralaustralischen Wüste sind die berühmtesten dieser geologischen Einzelgänger. Aus der Sicht von Biologen gedeiht auf den Granit- und Gneisplatten der brasilianischen Inselberge ein Schatz von seltenen Pflanzenarten, die viel zu wenig erforscht sind. Jahrhundertelang hatte sich um die von ferne oft kahl wirkenden Felsen kaum ein Naturforscher geschert. "Charles Darwin war in Rio. Meinen Sie, er hätte sich dafür interessiert?", schimpft Luiza de Paula und rollt mit den Augen.

Darwin hätte vermutlich rasch verstanden, dass auf den Zuckerhüten der Welt Einzigartiges geschieht: Oft stehen sie inmitten reichhaltiger Wälder, sind aber Inseln aus Stein, für Menschen und viele Tiere unbezwingbar. Wie auf Darwins Galapagosinseln im Pazifischen Ozean konnten sich auf den Inselbergen Brasiliens jeweils einmalige Lebenswelten und Pflanzengesellschaften entwickeln. Was auf den steilen Platten wächst, ist auf das Überleben bei Hitze und Trockenheit spezialisiert. Cyanobakterien verleihen großen Felsenflächen eine dunkle Färbung. Anderswo wachsen weiße und bunte Moose. Bromelien und Kakteen können Wasser gleich literweise speichern.

In Felsnischen gedeihen farbenfrohe Tropenblumen, die ihre Lebenskraft in harten Zeiten komplett in eine Knolle zurückziehen können: Einzelne Exemplare werden mehr als 500 Jahre alt. Anderswo findet man sogenannte Wiederauferstehungspflanzen, die fast völlig austrocknen können, aber beim ersten Regenfall sattgrüne Blätter entfalten. Von diesen Überlebenskünstlern soll es im Südosten Brasiliens so viele Arten geben wie nirgendwo sonst auf der Welt.

"Der große Hit am Zuckerhut war bis in die achtziger Jahre hinein eine wunderschöne Orchidee, die Cattleya lobata", sagt Rafaela Campostrini Forzza. "Sie ist hier rosa bis violett, ein Wahrzeichen dieser Berge. Doch die Sammler mochten sie einfach zu gern." – "Wir wissen, wo die letzten stehen", sagt ihre Kollegin Luana Mauad, "aber wir verraten es nicht!"