Es ging etwa zwei Wochen lang, und sie nannten es Elefantentanz: Juli, Max, Erda und Alex* aus der Sternschnuppengruppe, alle um die fünf Jahre alt, verzogen sich nach dem Morgenkreis. In der Ecke, in der sie vor fremden Blicken verborgen waren, stellten sie die Musik an und zogen sich aus. Dann tanzten sie nackt im Kreis, schauten sich an, berührten und kitzelten sich. Auch bei Emma und Ayla* waren es ein paar Tage, an denen sie zu dem Podest im Gruppenraum gingen, den Sternchenvorhang zu- und sich dahinter auszogen. Der Vorhang wackelte, man hörte sie kichern.

Wenn die Hamburger Erzieherin Elisabeth Rother merkt, dass die Kinder in ihrer Obhut ihre Körper erkunden, wiederholt sie die Regeln:

1. Niemand steckt einem anderen Kind etwas in die Nase, ins Ohr, in den Po oder in die Scheide.

2. Nein heißt nein.

Geschichten von Kindern und Nacktheit und Sexualität erzählen oft Grausames. Man liest von Missbrauch unter Kindergartenkindern und Fällen, in denen Aufsichtspersonen ihre Macht brutal ausnutzen. Oder von angeblich politischen Positionen, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren vertreten wurden, wonach zu einer freien Sexualität auch die zwischen Kindern und Erwachsenen gehört. Die Empörung darüber ist, zu Recht, jedes Mal groß. Doch mit ihrer Wucht lenkt sie ab von etwas Wichtigem.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Durch die Sorge, mit der wegen solcher Geschichten jede Berührung des kindlichen Körpers beäugt wird, kommt etwas anderes zu kurz: die Sexualität der Kinder selbst. Wenn Mädchen lustvoll auf Stühlen rutschen, wenn Jungs die Hand in die Hose stecken oder schon als Baby eine Erektion haben, dann sind Erwachsene oft irritiert. Weil die eigenen Bilder und Vorstellungen von Sex nicht zu Kindern passen und passen dürfen, betrachten wir sie oft als asexuelle Wesen. Kindliche Sexualität ist ein solches Tabu, dass viele nicht einmal von ihr wissen, geschweige denn ahnen, wie ein gesunder Umgang mit ihr aussieht.

Für die Erzieherin Elisabeth Rother ist die Lust der Kinder so alltäglich wie die Verunsicherung der Erwachsenen. Sie arbeitet nicht in einem kleinen Hippie-Kinderladen, sondern beim größten Kita-Träger Hamburgs, den Elbkindern. Seit zwei Jahren hat der Träger ein sexualpädagogisches Konzept, es ist ein professioneller Leitfaden für den Umgang mit Körperlichkeit, Zuneigung und Gefühlen. Rother sagt: "Sexualität ist ein fachliches Thema, nicht weniger wichtig als gesundes Frühstück oder Verkehrserziehung." Mit den Kindern ihrer Gruppe schaut sie Aufklärungsbücher an, im Morgenkreis bespricht sie Themen wie Scham oder gute und schlechte Geheimnisse.

Denn asexuell sind Kinder zu keinem Zeitpunkt. Von Geburt an ist der Mensch ein sinnliches Wesen, das saugt, drückt, aufnimmt und abstößt. All das ist mit seelischem Erleben verknüpft. Irgendwann beginnt das Kind wahrzunehmen, dass es selbst diese Vorgänge steuern kann. Für Psychoanalytiker ist das Kontrollieren dessen, was vom eigenen Körper aufgenommen oder abgegeben wird, eine erste Form von Abgrenzung, von Macht über sich selbst: Hier bin ich, da ist die Welt. Wir haben einen Austausch miteinander, den ich bremsen oder forcieren kann. Früh beginnen Kinder, ihre Genitalien zu erforschen, und entdecken die Freude, die sie bereiten können. Ohne Plan und Ziel. Nur für den Moment.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

"Man darf kindliche Sexualität niemals durch die Brille der erwachsenen Sexualität sehen", sagt Ulrike Schmauch, Professorin für Sexualpädagogik an der Frankfurt University of Applied Sciences. Während Erwachsene auf der Suche nach Lustgewinn stark auf den Orgasmus fixiert sind, unterscheiden Kleinkinder nicht zwischen Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und genitaler Sexualität. Sie nutzen einfach jede Gelegenheit, um mit allen Sinnen schöne Gefühle zu bekommen. Das Sexuelle ist dabei mehr auf sich bezogen, spontan, unabhängig von Liebe und anderen Vorstellungen, die Erwachsene oft damit verbinden.

"Schlaue Kinder sind starke Kinder"

Kinder untersuchen ihren Körper mit der gleichen Intensität wie alles andere. Und wie für alles, was sie interessiert, suchen sie auch nach Worten dafür, fragen "Wie bin ich in deinen Bauch gekommen?" genau wie "Warum fliegt das Flugzeug am Himmel?". Sie scherzen, provozieren und finden so heraus, was sie wie zu wem sagen können. "Die sexuelle Neugier gehört zu einer gesunden Entwicklung", sagt Schmauch. Im Laufe ihres Berufslebens haben sich die Ideen zum Umgang damit allerdings gewandelt. "Man muss Kinder nicht aktiv zum Doktorspielen anleiten oder sie bei der Entwicklung in diese Richtung unterstützen, wie es zum Teil in den siebziger Jahren noch proklamiert wurde. Aber man muss es ihnen ermöglichen und ihnen dafür Rückzugsecken bieten", sagt sie.

So wie es Elisabeth Rother mit ihrer Gruppe tut. Allerdings bedeutet das auch eine Auseinandersetzung mit den Eltern. Die Kita liegt im Stadtteil St. Pauli, es gibt dort reiche Familien und arme, konservative und linke, Mütter mit Kopftuch und solche, die das Totenkopf-Logo des lokalen Fußballvereins auf dem Pullover tragen. Alle haben ihre eigene Idee von Sexualität: Wie viel Nacktheit ist gut? Wie detailliert spricht man über Sex?

Um darüber ins Gespräch zu kommen, gibt es einmal im Jahr einen Elternabend nur zu diesem Thema. "Wir wollen daran erinnern, dass Sexualität etwas Schönes, Lustvolles ist, nicht in erster Linie etwas, was Sorge bereitet", sagt Rother. An den Abenden fragt sie die Eltern nach deren eigenen Erfahrungen als Kind: Was wurde mir damals gesagt, was verschwiegen? Wie habe ich es doch herausgefunden, welche Bedeutung hatten diese Informationen für mich?

Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder mit dem Sprechen über Sexualität erst auf Ideen zu bringen, vielleicht sogar dazu, früher sexuell aktiv zu werden. Aber das Gegenteil ist der Fall. Aufgeklärte Kinder haben als Jugendliche später ihr erstes Mal und werden seltener schwanger, das ist durch Studien belegt. In der Hamburger Pro-Familia-Beratungsstelle rät die Sexualpädagogin Silke Moritz verunsicherten Eltern, auch auf sich zu schauen und sich nicht zu verstellen. "Wer sich geniert, nackt vor dem Kind zu sein, muss es auch nicht tun", sagt sie. "So lernt das Kind, dass jeder Mensch seine eigenen Grenzen hat – und das Recht, sie zu wahren. Das ist wichtiger, als dass es den nackten Körper sehen kann."

Dabei sollte das Kind in Bezug auf Sexualität aber auf keinen Fall sprachlos werden. "Das Sprechen oder Schweigen darüber beginnt schon am Wickeltisch", sagt Moritz. Nicht selten benennen Eltern liebevoll jeden einzelnen Körperteil ihres Babys – und lassen die Geschlechtsteile, besonders bei Mädchen, aus. Dabei ist das Benennen wichtig, damit die Kinder merken: Das gehört zu mir wie die anderen Teile auch. Wissen sei auch wichtig, um sich vor Missbrauch zu schützen, sagt Silke Moritz: "Nur wenn Kinder ihren Körper kennen und darüber reden können, können sie auch sagen, wenn etwas passiert ist oder nicht gut lief. Schlaue Kinder sind starke Kinder."

* Die Namen aller Kinder wurden geändert