"Es gibt kein sichtbares Erkennungszeichen, das Wahrheit von Meinung unterschiede." Dieser Satz ist keine Reaktion auf die Lügen, mit denen Brexit-Aktivisten wie Nigel Farage und Boris Johnson in Fortsetzung des jahrzehntelangen Gegeifers der britischen Boulevardpresse ihren Wahlkampf gegen die EU betrieben und gewonnen haben. Er bezieht sich auch nicht auf die Desinformationskampagnen, die Russland mit Tausenden von "Trollen" im Internet verfolgt, um Verschwörungsfantasien von Anhängern des Rechtspopulismus in Europa mit neuen Unwahrheiten zu befeuern, oder auf die Unwahrheiten, die Donald Trump in seinem Versuch, das Weiße Haus zu erobern, produziert. Diesen Satz formulierte vielmehr Hannah Arendt, als sie 1954 an der University of Notre Dame in den USA Vorträge zum Thema "Philosophie und Politik" hielt.

Ihr dritter Vortrag in dieser Reihe befasste sich mit Sokrates, dem großen griechischen Philosophen des 5. Jahrhunderts vor Christus. Dieser Text ist jetzt in erweiterter Fassung von Joachim Kalka klug ins Deutsche gebracht worden, ergänzt um eine Einleitung von Matthias Bormuth und Erinnerungen von Jerome Kohn, der bei Arendt in New York im Sokrates-Seminar saß. Sokrates war laut Platon zwar in der Lage, im Zwiegespräch mit den größten Philosophen seiner Zeit – aber auch mit den intelligenten, im politischen Leben aufstrebenden Jugendlichen seiner Stadt Athen – erstaunliche Wahrheiten ans Licht zu befördern. Doch diese Fähigkeit konnte nicht verhindern, dass ihn in dem politischen Prozess, der ihm in seiner Heimatstadt gemacht wurde, seine Richter 399 vor Christus zum Tode verurteilten. Sokrates sprach zwar wahrhaftig in seiner als Apologie berühmt gewordenen Rede. Doch, so bemerkt Hannah Arendt, sobald Wahrheit in eine politische Öffentlichkeit getragen wird, wird sie "zur Meinung unter Meinungen" und gerät in Gefahr. Die Wahrheit einer Behauptung macht sie im politischen Kampf noch nicht zu der Sicht der Dinge, die sich letztlich durchsetzen muss. Welches Schicksal die Wahrheit nimmt, hängt davon ab, wie die Öffentlichkeit beschaffen ist: ob sie eine von befreundeten oder verfeindeten Menschen ist. Die Richter haben Sokrates wegen seines Einflusses auf die Jugend beneidet und gehasst und deshalb verurteilt, nicht weil sie seiner Rede keinen Glauben schenkten.

Diese Beobachtung ist für die von der Gestapo kurzzeitig inhaftierte und gleich 1933 Nazideutschland über Frankreich in die USA verlassende Philosophin nicht als eine fundamentale Kritik an der politischen Öffentlichkeit gedacht gewesen. Im Gegenteil: Hannah Arendt verteidigte in ihrer Schrift über Sokrates die politische Öffentlichkeit als den Raum der Meinungsvielfalt. Denn Meinungen sind nicht einfach Unwahrheiten, sondern ihre Pluralität kann Manifestation der Vielfalt sein, in der die Welt den Menschen nun einmal erscheint. Im Meinungsaustausch können Menschen glänzen (Arendt weist darauf hin, dass das griechische Wort für Meinung, doxa, auch "Glanz" und "Ruhm" bedeutet), indem sie ihre Sicht der Dinge durch brillante Reden auf eindrückliche Weise den Mitbürgern vor Augen führen. Freilich setzt Arendt dabei mit Sokrates voraus, dass Menschen sagen, was sie meinen, dass sie wahrhaftig sprechen. Menschen, die in diesem Sinne ihre Meinung äußern, müssen erkannt haben, wie ihnen die Welt erscheint, und sollten nicht einfach Phrasen anderer nachplappern.

Sie dazu zu bringen, zu erkennen, wie sie die Welt sehen, das war die Fähigkeit des Sokrates. Weder Farage noch Johnson, der immerhin Altphilologie in Oxford studiert hat, noch die Trolle von Putins Geheimdienst oder Donald Trump sind dieser sokratischen Erziehung unterzogen worden. Ihre geäußerten Meinungen sind wohl nicht, so meine starke Vermutung, wahrhaftige Wiedergabe ihrer Sicht der Dinge, sondern sprachliche Instrumente, mit denen sie, unabhängig davon, wie ihnen die Welt erscheint, versuchen, im demokratischen Machtspiel eine bestimmte Sicht zur mehrheitlichen zu machen und damit im Kampf zu gewinnen. Denn zu wissen, wie einem die Welt erscheint, ist nicht so leicht. Es ist viel schwerer, als eine Wette darauf einzugehen, welche Meinung sich wohl durchsetzen wird oder mit welcher Mehrheitsmeinung man am ehesten eigene Machtinteressen befördern kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Hannah Arendt geht es bei Sokrates und in ihrem Verständnis der Öffentlichkeit nicht gleich um Macht, sondern vor allem um Reflexion. Schon eine einzelne reflektierende Person, die sich fragt, wie ihr die Welt eigentlich erscheint, realisiert in sich eine Vielfalt. Wenn sie sich ehrlich selbst fragt, was sie meint, dann muss sie ein Selbstgespräch führen, in dem sie sich aufspaltet. Das kommt nur zustande, wenn sie sich eingesteht, dass sie noch nicht weiß, was sie meint, dass das noch zu klären ist. Und nur da wird eine wertvolle Meinung in diesem Reflexionsprozess ans Licht befördert, wo eine Person dazu in der Lage ist, wahrhaftig oder ehrlich mit sich zurate zu gehen. Sokrates bot auf geniale Weise Hilfestellung für solche Reflexionsprozesse und zwang seine Gesprächspartner, sobald sie sich an Vorurteile zu klammern versuchten, in Widersprüche verwickelten oder Leerformeln produzierten, zum angestrengten Nachdenken über ihre Grundüberzeugungen, zum Ausbuchstabieren von Konsequenzen, zur Wahrhaftigkeit ihrer Äußerungen. Sokrates sah es als seine Hauptfähigkeit an, andere dazu zu bringen, dies an sich selbst zu erkennen. Arendt schreibt in Anspielung an die Metapher der Hebammenkunst, die der Philosoph für seine Erziehungstätigkeit verwendete: "Sokrates wollte den Staat wahrhaftiger machen, indem er den Wahrheiten der Bürger auf die Welt half. Er muss nicht philosophische Wahrheiten verkünden, er muss versuchen, die Bürger wahrhaftiger zu machen."

Durch den Austausch der wahrhaftigen Meinungen sollte ein öffentlicher Reflexionsprozess in Gang kommen, der so wie der Reflexionsprozess innerhalb einer Person zu einer Einsicht führt. Diese Einsicht betrifft keine "absolute Wahrheit", die zu erkennen Menschen ohnehin verwehrt ist, sondern das, was "für uns" jetzt gerade das Richtige ist. Das scheint nicht viel, doch es ist das politisch ehrgeizigste Ziel, das verfolgt werden kann. Eine einzelne Person, die in einem Reflexionsprozess das sucht, was für sie jetzt gerade das Richtige ist, muss mit sich selbst befreundet sein: Sie muss wirklich ehrlich ein gutes Leben führen und sich nicht etwa selbst zerstören wollen. Ebenso müssen diejenigen, die in einer Öffentlichkeit durch Kundgabe ihrer wahrhaftigen Meinungen gemeinsam darüber nachdenken, was für alle zusammen das Richtige ist, wie Arendt im Anschluss an Aristoteles hervorhebt, miteinander befreundet sein: Sie müssen das für die Gemeinschaft Richtige wollen, ehrlich nach dem gemeinschaftlichen Guten und nicht lediglich nach dem eigenen Vorteil streben.

Hannah Arendt bringt in Erinnerung, dass politische Freundschaft in einer Gesellschaft wie der Athens zu den Zeiten von Sokrates, die vor allem durch Wettbewerb gekennzeichnet war, wo jeder auf dem Schlachtfeld, im Sport oder in der Rede der Beste sein wollte, nicht leicht zu erhalten ist. "Neid und Hass", schreibt sie, "vergifteten" das griechische Gemeinwesen. Das gilt auch für viele Demokratien der Gegenwart, in denen die politische Auseinandersetzung vor allem ein Wettkampf um die Macht und nicht eine Suchbewegung nach dem richtigen Leben ist. Doch wer politisch aus Neid und Hass heraus agiert, hilft nicht, das für alle Richtige in einem wahrhaftigen Reflexionsprozess ans Licht zu bringen. Vielleicht erringt er die Mehrheit für sich. Doch welch einen Zweck kann das haben, wenn trotzdem alle ins Unglück stürzen?

Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität. Eingeleitet von Matthias Bormuth, mit Erinnerungen von Jerome Kohn; aus dem Englischen von Joachim Kalka; Matthes & Seitz, Berlin 2016; 110 S., 12,– €