Soll er hinfahren? Oder lieber nicht? Seit Wochen schon weiß Klaus Mertens, dass an diesem Montagmittag um zwölf Uhr sein Einfamilienhaus in Immerath abgerissen werden soll – das Haus, in dem er über 30 Jahre lang gelebt hat, in dem seine drei Kinder aufgewachsen sind und das nun vor sich hin gammelt. Wie die meisten Immerather sind Mertens und seine Frau schon vor einiger Zeit ausgezogen, in ein neues Haus, in einem neuen Dorf, das den sperrigen Namen Immerath (neu) trägt.

Immerath muss der Energieversorgung des Landes weichen. Unter dem Dorf lagert Braunkohle von erstklassiger Qualität. Dicke Flöze, bis zu 100 Meter mächtig, 30 Millionen Jahre alt.

Es ist zehn Uhr, noch zwei Stunden bis zum Abriss. Mertens, 70 Jahre alt, pensionierter Chirurg, trifft zwei Freunde vom Bürgerbeirat im Kaisersaal, dem Festsaal von Immerath (neu). Im Bürgerbeirat besprechen sie Probleme der Umsiedlung.

Der Kaisersaal des alten Dorfes war ein großer Veranstaltungssaal von Anfang des 20. Jahrhunderts; alle Feste ihres Lebens haben die Immerather dort gefeiert. Der neue Kaisersaal ist ein nüchterner Zweckbau, genauso wie die neue Kapelle nebenan. Kein Vergleich mit St. Lambertus im alten Ort, der Tuffsteinbasilika mit den zwei hohen Türmen.

Ein Schmuckstück neuromanischer Baukunst ist St. Lambertus, erbaut von 1888 bis 1891. Bauern des Dorfs hatten mit üppigen Spenden den Bau nach Entwürfen des Kölner Baumeisters Erasmus Schüller ermöglicht. Die Kirchenfenster stammen von einer berühmten Glasmalereiwerkstätte aus Köln. Den Dom von Immerath nennen die Leute die Kirche wegen ihrer Pracht und Größe. Sie steht unter Denkmalschutz, doch das nützt ihr nichts – die Kirche muss den Braunkohlebaggern weichen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

Die Immerather wollten wieder eine Kirche haben, aber das Bistum Aachen hat der Gemeinde nur einen "sakralen Raum" zugestanden, eine nüchterne Kapelle. Ihre Ziegelsteinfassade soll an die Tuffsteinverkleidung von St. Lambertus erinnern – und macht den Verlust bloß umso schmerzlicher. Im Inneren konnten nur das neobarocke Taufbecken, ein paar Bodenfliesen, einige Heiligenfiguren und ein spätgotisches Kreuz übernommen werden.

Die Umsiedlung von Immerath nach Immerath (neu) hat schon vor zehn Jahren begonnen, und noch immer sieht der neue Ort aus wie eine Baustelle. Überall Kräne und Baufahrzeuge, Brachflächen und unbefestigte Straßen und kleine Bäume, die noch kaum Schatten spenden. Was heißt Umsiedlung? Nur 55 Prozent der Einwohner sind mit umgezogen, die anderen gingen woandershin.

Mit Immerath müssen elf weitere Dörfer dem Braunkohleabbau weichen. Sie alle liegen im Revier Garzweiler II im Dreieck zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen. Die Bewohner hatten gehofft, nach der Energiewende werde der Abbau der umweltschädlichen Braunkohle gestoppt, doch die Hoffnung trog. Der Energiekonzern RWE will auf die Kohle nicht verzichten. "Energiewende", erklärt eine RWE-Sprecherin, bedeute für den Konzern "ein Miteinander von konventioneller Erzeugung und Erneuerbaren". Die Braunkohle leiste ihren Beitrag zur Energiewende, und das stehe im Einklang mit den Klimazielen Deutschlands und der EU. – Klingt sauber. Bleibt aber eine schmutzige Sache.

Der Braunkohle-Tagebau Garzweiler hat in den letzten 50 Jahren 16 Orte samt Kirchen geschluckt.Die katholische Kirche hat sich dem Abriss stets widersetzt. "Der Mensch versündigt sich hier an der Schöpfung Gottes!", wetterte der Immerather Dechant Günter Salentin von der Kanzel herab. Unterstützung erhielt er vom Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff. Der nannte den Kohleabbau "ökologisch und sozial unverträglich"; die Umsiedlungen entsprächen "nicht den Maßstäben der katholischen Soziallehre". Es seien vor allem Hauseigentümer bedacht worden; Mieter, Alleinerziehende und Kinder seien kaum berücksichtigt worden.

Das Bistum rief zu Prozessionen durch die Felder auf und ließ in den Dörfern die Kirchenglocken läuten. In Gottesdiensten und Mahnwachen beteten die Menschen gegen den Braunkohleabbau. Am Ende war alles vergebens. Im Dezember 2013 urteilte das Bundesverfassungsgericht, der Abbau der Braunkohle sei wichtig für das Gemeinwohl.