DIE ZEIT: Professor Gigerenzer, wenn Sie in eine U-Bahn einsteigen, überlegen Sie vorher, welchen Wagen Sie nehmen?

Gerd Gigerenzer: Ganz gewiss nicht.

ZEIT: Wenn man Angst vor einem Terroranschlag hat, könnte es sicherer sein, den ersten oder letzten Wagen zu nehmen. Denn ein Attentäter wird wahrscheinlich in der Mitte einsteigen, damit er den größten Schaden anrichtet.

Gigerenzer: Schauen Sie, in Deutschland ist es wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen als von einem Terroristen erschossen zu werden. In den USA ist es in den meisten Jahren wahrscheinlicher, von einem Kleinkind erschossen zu werden, das mit der Waffe der Eltern herumspielt, als durch einen Terroristen. In Deutschland hatten wir durch den Terror der RAF in den siebziger und frühen achtziger Jahren viel mehr Terroranschläge und Tote als heute. Das heißt, in unserem Land ist die Gefahr, durch einen Terroristen ums Leben zu kommen, in den letzten 40 Jahren deutlich zurückgegangen.

ZEIT: Viele Leute haben dennoch den Eindruck, die Welt wird gefährlicher. Ist das falsch – ist nur unsere Angst größer geworden?

Gigerenzer: Natürlich haben wir durch den IS ein neues Risiko. Und angenommen, es würde in Deutschland ein Anschlag stattfinden – was wir nicht hoffen, aber auch nicht ausschließen können – und Hunderte Menschen würden sterben, weil sie ein bestimmtes Verkehrsmittel benutzt haben: Dann würde ich ein unangenehmes Gefühl haben, wenn ich das nächste Mal in dieses Verkehrsmittel steige. Obwohl ich wüsste, dass die Gefahr eines neuerlichen Anschlags gering wäre.

ZEIT: Es wäre geradezu wahrscheinlich, dass das nächste Attentat woanders passiert.

Gigerenzer: Richtig. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sind viele Amerikaner nicht mehr geflogen, sondern haben lieber das Auto benutzt. Die im Auto zurückgelegten Kilometer nahmen beträchtlich zu. Doch das hatte schreckliche Folgen: In jedem der zwölf Monate nach dem 11. September lag die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle deutlich über dem Durchschnitt und meist sogar noch höher als alle Werte aus den vorangegangenen fünf Jahren. Normalerweise liest man, dass durch Nine Eleven rund 3.000 Menschen ums Leben kamen. Aber es kamen noch mal geschätzte 1.600 dazu, die dann aus Angst nicht mehr geflogen sind und ihr Leben auf der Straße verloren haben. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte, den man verstehen sollte: Terroristen schlagen zweimal zu. Zuerst mit physischer Gewalt und dann mithilfe unserer Gehirne, unserer Angst. Ihr eigentliches Ziel ist es, eine Gesellschaft zu destabilisieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 30 vom 14.7.2016.

ZEIT: Welche psychologische Regel unseres Gehirns machen sich Terroristen dabei zunutze?

Gigerenzer: Sie lautet: "Wenn viele Menschen gleichzeitig sterben, reagiere mit Furcht und vermeide die Situation." Paradoxerweise haben wir kaum Angst davor, bei einem Unfall zu sterben, sondern eher davor, zusammen mit vielen anderen umzukommen. Wir fürchten den seltenen Kernkraftwerksunfall, nicht aber die ständige Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke. Wir hatten Angst vor einer Schweinegrippepandemie, nachdem mehrere Zehntausend mögliche Todesfälle angekündigt wurden – zu denen es dann nie kam –, aber wir haben wenig Angst vor der normalen Grippe, der jedes Jahr tatsächlich Zehntausende zum Opfer fallen.

ZEIT: Warum ist das so?